An jenem ersten Abend im Urwaldlager spielten wir noch nicht Artillerieskat. Eine wichtige Frage lag noch zur Beratung vor: die der Verpflegung. Für die Träger und Massai war gesorgt. Die ersteren bekamen täglich ihr Maismehl und zweimal in der Woche Fleisch, die Massai, die nie Pflanzenkost genießen, täglich ihr Fleisch. Wenn der Proviant zu Ende ging, brauchte ich nur bei der Etappe neuen anzufordern. Aber wir Europäer bekamen täglich unsere drei Rupien Verpflegungsgeld und sollten für uns selber sorgen. Nun gab es zwar in unserm Lager am Krantzhügel auch damals schon ein Magazin, in dem man kaufen konnte, wenn zufällig was drin war, aber für die auf Außenposten Kommandierten war es kaum je möglich, rechtzeitig den Anschluß zu erreichen. Zu unserm Glück waren wir nicht auf dieses Magazin allein angewiesen. Für mich sorgte in mütterlicher Treue Frau Weber, zu der ein flinker Bote in einem Tage hin- und herlaufen konnte, und Pfützner hatte seine kurz vor dem Kriege angefangene Farm am Kingoribach, zwischen Kilimandscharo und Meru. Er bekam wöchentlich eine Sendung Farmprodukte von seinem schwarzen Aufseher. Wild gab es in der Steppe vor dem Posten in Herden zu Tausenden und, da die Massai den Kopf des Ochsen nicht essen (warum, habe ich nicht ergründen können), hatten wir mehr Ochsenzungen und -hirn, als in der Speisefolge gut unterzubringen war.

Später, als es aussah, als ob ich nie wieder von diesem Grenzposten würde abgelöst werden, legte ich mir oben im Urwald einen Gemüsegarten an. Außer Radis und Kopfsalat habe nicht ich, sondern mein Nachfolger geerntet. Erfahrungsgemäß wird man von einem Posten immer gerade dann abgelöst, wenn der Gemüsegarten anfängt, Ertrag zu bringen.

Die Verpflegungsfrage war somit geregelt und entwickelte sich historisch weiter. Wir lebten, wenn auch nicht so gut wie ich früher bei Mutter Weber, doch immer noch recht gut, und nachdem wir aus einigen Wellblechplatten vom Gehöft Olmolog ein Magazin für Eingeborenen- und Reittierverpflegung gebaut hatten, waren wir die Sorge um das tägliche Brot einstweilen los.

Am nächsten Morgen in aller Frühe ritten Pfützner und ich in Begleitung der Massaigruppenführer los, um geeignete Beobachtungsposten für die Massai auszusuchen. Eine dieser Feldwachen, die auf dem Lagumisherakrater, hätte ich am liebsten selbst bezogen, so herrlich ist es da oben.

Der Lagumishera, ein 1957 Meter hoher Vorkraterberg des Kilimandscharogebirges, hat den besterhaltenen Krater, den ich kennengelernt habe. Ich habe viele und große und viel größere Krater gesehen, aber keinen, der aus der Steppe so regelmäßig kegelförmig aufsteigt und dessen Wände ringsum so gut erhalten sind. Der Berg ist dicht mit niederem Wald und Busch bestanden, nur der Kraterrand ist frei von Vegetation.

Von der Seite meines Urwaldpostens, d. h. von Südwest, führt ein Nashornwechsel zum Krater, in dem ein kleiner See liegt, hinauf, so bequem zu reiten, als ob ihn ein Verschönerungsverein angelegt hätte. Alle losen Steine sind weggeräumt und alles im Wege stehende Buschwerk ist abgebrochen. Er hat nur den einen Übelstand, daß sein Anfang nicht leicht zu finden ist. Denn er fängt nicht am Fuß, sondern erst auf der halben Höhe des Berges an, dort, wo der Aufstieg beginnt steil zu werden. Bis dahin hat das Nashorn, das zum Wasser im Krater will, noch im Wandern gefressen, bald hier, bald dort, ohne einen bestimmten Wechsel einzuhalten. Erst da, wo die Steigung ihm unbequem zu werden anfängt, hat es sich im Zickzack den den Berg erklimmenden, ganz bestimmten Wechsel ausgetreten. Ganz außer Puste will auch das Nashorn beim Wasser nicht ankommen. Wer diesen Nashornwechsel hinaufreitet, muß es aber so einrichten, daß nicht gerade im selben Augenblick ein Nashorn vom Wasser in die Steppe zurückkehrt. Platz, einander harmlos auszuweichen, ist auf dem Wechsel nicht. Ein Nashorn füllt ihn genau aus, und besondere Höflichkeit darf man von ihm nicht erwarten.

Vom höchsten Punkte des Kraterrandes, auf dem ich meine Feldwache postierte, aus gesehen, liegt der ganze Krater handgreiflich nahe unter mir. Die Wände fallen wie die eines Trichters steil zur Kratersohle ab. Zum Teil sind sie dicht bewaldet, teils zeigt sich der nackte Fels. Unten im Krater liegt ein schöner grüner Teppich, in dessen Mitte sich schadhafte Stellen zeigen. Diese bildet der meist sumpfartige, zertrampelte Kratersee oder in der Trockenzeit dessen ausgedörrter Boden. Einzelne abgebröckelte Felsstücke liegen auf dem grünen Teppich, und am frühen Morgen kann man wohl einen Gepard oder Leoparden sich dort sonnen sehen. Wenn man Glück hat, überrascht man ein Nashorn bei der Tränke. Der Durchmesser des Kraters von Rand zu Rand ist kaum 300 Meter. Gerade weil der Krater so klein ist, kann man alle seine Teile mit einem Blick umfassen, und man erhält um so leichter eine Vorstellung davon, wie ein solcher Krater entstanden ist. Die Riesenkrater, von denen ich später zu erzählen haben werde, geben einem wegen ihrer Größe keine so klare Vorstellung; bei ihnen muß man sich das Gesamtbild erst zusammendenken.

Die Aussicht von da oben ist herrlich. Nach Süden zu beginnt fast am Fuße des Lagumishera der hier mindestens fünfundzwanzig Kilometer breite Urwald des Kilimandscharo in langen Wellen allmählich zum Fuß des Kibokraters aufzusteigen. Mächtig ragt darüber die Rückseite der Kraterwand des Kibo empor, die, Moschi zugewandt, die berühmte Schneekuppe bildet. Links davon erhebt sich der zu einzelnen spitzen Zacken zerbröckelte Krater des 5136 Meter hohen Mawensi, der nach dem Kibo der bedeutendste Krater des Kilimandscharogebirges ist und die meiste Zeit im Jahre auch Schnee trägt.

Nach Norden, Westen und Osten ist der Fernblick unbegrenzt. Zumal der Jäger hat hier in der trockenen Jahreszeit, wenn das Wild aus der dann wasserarmen Tiefsteppe in die Hochsteppe hinaufgezogen ist, seine helle Freude. Zebra und Kongoni, untermischt mit Grantgazellen und Tomsen, stehen, wohin das Auge blickt, in großen Herden überall in der Steppe. Elen und Schwarzfersen durchstreifen das hügelige und steinige Vorgelände, und in den trockenen Talmulden weilt das Oryx, der Spießbock. Mit dem Glase – denn sie gehen ungern weit aus der Tiefsteppe heraus – sieht man große Gnuherden. Wilde Strauße zeigen überall ihre runden Körper, und Giraffen, einzeln oder in Familientrupps, schieben, im Paßgange ambelnd, ihre langen Hälse durch die Gegend.