Die kleine Regenzeit stand bevor. War es jetzt schon kalt und feucht hier oben im Urwalde, 2200 Meter über dem Meeresspiegel, wie würde das erst in der Regenzeit werden! Dort, wo auch an nebel- und regenfreien Tagen weder Licht noch Wärme hinkam, beschloß ich, nicht zu bleiben. Was Rheumatismus ist, wußte ich, und ganz verklammen wollte ich doch auch nicht. Die Lage des Postens gefiel mir, so versteckt sie an und für sich war, auch aus militärischen Gründen nicht. Man sah dort nichts von dem Gelände, das ich überwachen sollte. Für den Führer eines Europäerpostens mochte dieser Umstand keine Bedeutung haben, er konnte seine Leute ausschicken und sich auf ihre Beobachtungen verlassen. Als Führer von Massaikriegern glaubte ich anders handeln zu müssen. Ich mußte mein Lager am Urwaldrande haben, so daß ich einerseits vom Lager aus selbst das Gelände beobachten, andererseits die vorgeschobenen Massaiposten leicht kontrollieren konnte.

Ich brach daher mit meiner Karawane gleich nach Mittag wieder auf und suchte mir einen sonnigen Platz auf einer Waldwiese am Rande des Urwaldes aus. Mein Zelt, die Hütten der Boys und Träger sowie die Feuerstellen wurden so gelegt, daß sie gegen Sicht aus der Steppe gedeckt waren. Hingegen brauchte ich nur wenige Schritte von meinem Zelt zu gehen, um das ganze weite Vorgelände zu übersehen. Die Feuer durften nur nachts und am Tage nur, solange der Nebel lag, unterhalten werden, damit ihr Rauch uns nicht verriet. Mit zwei modernen Gewehren und zwei Einundsiebzigern, für die ich mir die Negerschützen erst noch ausbilden mußte, konnte ich an einen längeren Widerstand nicht denken. Meine Aufgabe hier war ja auch nicht, Schlachten zu schlagen oder Armeen aufzuhalten.

Die Massaikrieger rechneten in dieser Beziehung überhaupt nicht mit. Sowie es knallte, verschwanden sie. Ich nehme ihnen das an und für sich nicht weiter übel; denn nur mit Speer, Keule, Schwert und Schild ausgerüstet gegen moderne Feuerwaffen anzulaufen, muß kein besonders schönes Gefühl sein. Mir schienen aber die als kriegstüchtig berühmten und berüchtigten Massai doch einen viel feiner entwickelten Selbsterhaltungstrieb zu besitzen als irgendeine andere Negerrasse. Der Krieg in Deutsch-Ostafrika hat – gar nicht zu reden von den prächtigen regulären Askaritruppen – unzählige Beispiele persönlicher Tapferkeit, Kaltblütigkeit und anhänglicher Treue an ihren Bana seitens Neger aller Stämme geliefert. Von den Massai allein kann ich dies weder aus eigener Erfahrung sagen, noch habe ich je von einem solchen Fall gehört. Der Massai ist uns und wir sind ihm fremd geblieben. Ihn kümmert nur sein Vieh, und als Viehräuber scheut er auch Gefahren und selbst den Tod nicht.

Wenn man von den heutigen Massai auf ihre Ahnen schließen darf, so dürften letztere ihre Machtstellung in Deutsch-Ostafrika weniger durch ihre überlegene Tapferkeit als durch größere Heimtücke und Gaunerei erworben haben. Liefen sie gegen einen Stamm an, der gleich schlau und gleich gut bewaffnet war, wie z. B. die Wachagga am Kilimandscharo, dann wurden sie abgeschlagen.

Da es über dem Herrichten meines Lagers inzwischen Abend geworden war, schickte ich für diese Nacht eine starke Massaipatrouille zum Gehöft Olmolog hinunter, um dieses und die Wasserstelle in seiner Nähe zu beobachten. Am nächsten Tage sollten die Stellungen für vorgeschobene Feldwachen ausgesucht werden. Im Lager wurden drei intelligentere Träger zu einem Nachtwächterdienst organisiert. Dies war ein Notbehelf. Pfützner und ich wollten täglich Patrouillen reiten, folglich konnten wir nicht auch Nachtwachen schuften. Die Trägernachtgarde wurde eingerichtet, um unser Gewissen zu beruhigen und damit alles, was unter den gegebenen Umständen möglich war, getan war.

Wir hatten unser Zelt zwar nicht direkt auf einen Elefantenwechsel gesetzt, aber durch die Waldwiese, auf der wir lagerten, führte ein solcher, und ganz frische Losung lag auch dort. Leoparden waren am Urwaldrande ebenfalls häufig genug. Daß der Feind uns aus eigener Initiative nachts finden und ausheben könnte, war sehr unwahrscheinlich – fanden wir doch selbst, wenn wir nach Dunkelwerden von Patrouille zurückkamen, anfangs nur mit Mühe unser Lager wieder. Die einzige wirkliche Gefahr lag darin, daß meine Massai unser Lager verrieten und den Feind nächtlicherweile heranführten. Hiergegen ließen sich freilich überhaupt keine Schutzmaßregeln treffen. So wurden also die Nachtwächter, die wir zu ihrem großen Stolz unsere Ruga-ruga [Hilfskrieger] nannten, mit dem Einundsiebziger ausgebildet, damit doch jemand da sei, der zu den durchkommenden Elefanten und Leoparden husch-husch sagen konnte. Wie alle Nachtwächter hielten sie sich entweder in der Nähe des Zeltes auf und gaben ihr Wachsein durch erkünsteltes Gehuste und Gepruste zu erkennen, oder sie schliefen irgendwo weit weg im Gebüsch, damit ich ihr Schnarchen nicht hören sollte. Das zweite war mir das liebere; dann konnte ich doch auch ungestört schlafen.

So, nun saß ich also im Urwald auf Grenzposten, weit, weit weg von allen, die ein höheres Gehalt bezogen. Wie schön das ist, wird mir jeder Soldat nachfühlen. Kein Feldtelephon, kein Heliographenapparat auf dreißig Kilometer im Umkreise – Kinder, war das schön!

Der Schütze Pfützner, der mit seiner Minna – keine Angst! Minna hieß sein Maultier – mein einziger Gefährte war, erwies sich als ein durchaus zuverlässiger, verständiger und umgänglicher Mann, mit dem sich abends gelegentlich ein Artillerieskat spielen ließ. Ich habe vergessen, wie die Berechnung bei diesem Skat zu zweien ist, aber ich schulde Pfützner heute noch achtzehn Flaschen Bier als Endresultat von fünfmonatigem Spiel. – Wir spielten um Bier, nicht etwa, weil wir Bier gehabt hätten. Im Gegenteil, wir sehnten uns nur sehr danach, und darum spielten wir um Bier. Es war eine angenehme Illusion, am Schluß eines Spielabends sagen zu können: »So, wenn wir jetzt Bier hätten, sollte uns die gewonnene Flasche gut munden! Bier müßte hier oben im kühlen Urwald, nachdem es im eiskalten Quellwasser kalt gestanden hat, recht trinkbar sein. Im heißen Küstenklima ist es nicht das richtige Getränk; da soll man, wenn man seine Leber lieb hat, nur Whisky trinken. Hier oben aber, im rein europäischen Klima, würde uns eine Flasche Bier nichts schaden.« So argumentierten wir gerne und beschlossen, das Spielresultat nach dem Kriege gemeinsam auszutrinken.

Der Mensch denkt und Gott lenkt. Dieser Vorsatz, das Bier gemeinsam zu trinken, kann nie mehr zur Ausführung kommen – jedenfalls nicht in dieser Welt. Der gute Pfützner, der inzwischen Unteroffizier geworden war, ritt am 1. August 1916 bei der Station Kidete an der Mittellandbahn auf eine Mine. Die Kameraden begruben seine Überreste, wie eine Tafel anzeigt, links von der Station unter einem großen Baum. Er war ein braver Mensch, ein guter Kamerad und ein pflichttreuer Soldat.