Am selben Tage traf auch unser Kommandeur, Oberstleutnant v. Lettow-Vorbeck, der Sieger von Tanga, ein. Er kam bald auf den Krantzhügel herauf, um sich das Gelände anzusehen und die beste Verteidigungsstellung auszusuchen. Lange stand er, umgeben von seinem Stabe, auf dem höchsten Punkte des Hügels und sah zum Longidogebirge hinüber. Man sah ihm die Trauer an, daß jene Stellung mit vier herrlichen Wasserstellen, der Schlüssel unserer Front, trotz siegreichen Gefechts hatte geräumt werden müssen. Es war das erste Stück deutscher Erde, das der Besetzung durch den Feind preisgegeben wurde!

Nach längerer Beobachtung des Geländes lud mich unser Oberst mit den Worten: »Wir sind beide nicht mehr die Jüngsten« ein, auf einem Haufen leerer Säcke neben ihm Platz zu nehmen, und teilte mir mit, wie er über mich disponiert habe. Hier sei für mich nichts zu tun; der Krantzhügel (von jetzt ab der Telephonhügel genannt) solle zur befestigten Stellung ausgebaut werden. Ich solle den Urwaldposten Olmolog (meine alte Farm!), den zur Zeit Leutnant Kühn mit sechs Reitern meiner Kompanie und einigen Massaikriegern besetzt hielt, mit 90 Massaikriegern beziehen und Grenzwacht halten. Der Schütze Pfützner solle mich begleiten. Auf Veranlassung unseres Oberst bekam ich ein im Longidogefecht erbeutetes Lee-Medford-Gewehr, zwei Einundsiebziger und Munition für meinen neuen Posten geliefert.

Am nächsten Morgen traten Pfützner und ich in aller Frühe die Safari zum Olmolog an. 60 Ilmuran, d. h. Massaikrieger, waren bei mir, 10 waren schon auf dem Posten und 20 sollten mir in Kürze folgen. Außer den Ilmuran hatten wir 25 Träger, unsere Boys und 40 Schlachtochsen mit. Natürlich aßen wir bei Mutter Weber zu Mittag.

In dunkler Nacht langten wir am Urwaldrand an. Hier war vorläufig Schluß. Der Urwaldrand ist dort am Kilimandscharo meistens so dicht mit Unterholz, Gestrüpp und Schlingpflanzen durchwachsen, daß er zu einer undurchdringlichen Mauer werden kann. Man muß sich mühsam mit dem Buschmesser durchschlagen, bis man einen Elefantenpfad oder Nashornwechsel findet, der ungefähr in der Richtung läuft, die man einschlagen will. Tiefer in den Urwald hinein ist das Reisen nicht ganz so beschwerlich, aber ohne einen Vortrupp mit Buschmessern kommt man auch dort nicht recht vorwärts. In dunkler Nacht, und noch dazu mit Ochsen, in den Urwald einzudringen, wäre sehr schwer gewesen, auch waren Mensch und Vieh vom langen Marsch rechtschaffen müde. Ein Feuer, das wie ein Stern meilenweit in die Steppe hineingeleuchtet hätte, durften wir nicht machen; das Zelt aufzuschlagen, lohnte nicht mehr, da in wenigen Stunden der Morgen dämmern mußte. So blieb nur übrig, sich in seine Decke zu rollen, zähneklappernd dem Geschnatter der Nachtaffen zuzuhören und den Morgen abzuwarten.

Leutnant Kühn, den ich ablösen sollte, hatte seinen Posten irgendwo tief im Urwalde hinter der Farm Olmolog – so hatte mir wenigstens mein Kompanieführer gesagt. Näheres wußte der scheinbar auch nicht. Nun hieß es, den Posten finden. Früh am nächsten Morgen lag die ganze Welt um mich im dichten, feuchten Nebel. Fernsicht: zehn Schritt. Die Luftlinie von meinem Nachtlager bis zum »Posten Kühn« konnte kaum mehr als fünf Kilometer betragen. Wenn ich nur ungefähr gewußt hätte, in welcher Richtung der Posten lag! – Da! Was war das? Zwei Schritte vor mir sprang ein Stück Wild auf von der Größe unseres Damwildes und verschwand wie ein Blitz im Gestrüpp und Nebel. Ein Buschbock war es. Kein Herdentier wie alles Steppenwild, hält er sich gern am Rande des Urwaldes auf. Die Eingeborenen schätzen sein Fleisch nicht und essen es nur, wenn sie sonst hungern müßten. Tatsächlich hat sein Fleisch einen penetranten, beinahe ekelerregenden Wildgeschmack.

Ich beschloß, vorläufig mich am Urwaldrande entlang in nördlicher Richtung durchzuschlagen und gleichzeitig nach Wasser zu suchen; denn die Ochsen waren durstig. Pfützner führte. Ihm folgten einige Träger mit Buschmessern, dann die Ochsen, die, von Massai getrieben, die Bresche erweiterten, durch die die Lastenträger nun bequemer vorwärts kamen. Den Schluß dieser Karawane im Nebel bildete ich. Krieg, mein Hund, so genannt, weil er am Tage der Kriegserklärung geboren war, jagte in seinem jugendlichen Unverstand und Eifer Baumschliefer [Baumratte] auf die Bäume und die Kwale [Rebhuhn] aus dem Busch, bis er in Siafu [große braune Ameise] hineingeriet und heulend bei mir Schutz suchte. Er ruhte nicht, bis er vor mir auf dem Sattel saß und sich knurrend den ungewohnten Urwaldboden von oben ansehen konnte. Die Nachtaffen waren zur Ruhe gegangen. Dafür kollerten jetzt in jeder Richtung die langschwänzigen Colobusaffen. Sie jagten sich in den Bäumen und schimpften im tiefen Baß auf die Eindringlinge.

Nur langsam brachen wir uns Bahn durch das dichte Gestrüpp. Drei Stunden ging es so unter tropfenden Bäumen im dichten Nebel weiter. Ein Wasserloch hatten wir gefunden und die Tiere getränkt. Allmählich lichtete sich der Nebel, bis er ganz der Macht der Sonne wich. Nun hieß es, die Augen offen halten. Die Kameraden im versteckten Urwaldlager mußten doch auch ihren Morgenkaffee kochen, und ganz ohne Rauch würde das nicht abgehen, da alles Brennholz hier oben feucht war. Irgendwo über den Baumkronen mußte sich jetzt, als der Nebel immer höher am Kilimandscharo hinaufkroch und nur hier und da über besonders tiefen Schluchten Schwaden zurückließ, Rauch entdecken lassen. Richtig! Dort, halbrechts vor uns, noch ein gutes Stück in den Urwald hinein, wurde leichter Rauch gesehen. Eingeborene Wachagga, die Bewohner des Kilimandscharo, gab es auf dieser Seite des Berges nicht, auch zum Honigausbrennen kamen sie nicht so weit um den Berg herum. Dort, wo der Rauch war, mußte unser Posten sein oder – das Lager einer englischen Schleichpatrouille. Also auf den Rauch losgehalten. Ich ritt mit einigen mit Buschmessern bewaffneten Trägern voraus und hieß Pfützner mit der großen Karawane, deren Durchbruch durch das Unterholz nicht ohne allerhand Lärm abging, mir nach zehn Minuten folgen.

Vom Urwaldrande abbiegend, traf ich bald auf eine Bergwiese, die hellgrün mitten im dunklen Walde lag und deren hohes, hartes Gras meinem Reittiere bis an die Ohren reichte. Mollig warm und licht war es dort nach all der Feuchtigkeit und Dunkelheit des Waldes. Ein Serval, eine kleine Leopardenart, den nach den Strapazen der nächtlichen Jagd die ersten Strahlen der Morgensonne verlockt haben mochten, auf einem gefallenen Baumstamm zu ruhen und sich zu wärmen, schlich durch das hohe Gras ab. Vögel, die an Größe und Gestalt dem heimischen Häher gleichen, mit tiefblauen Rumpf- und Schwanzfedern und hellroten, quadratischen Flügeln huschten geräuschlos über die Waldwiese weg – ihren Namen kenne ich nicht. Große Schwalbenschwänze, schwarz und blau schillernd oder gelb mit schwarzen Strichen und Flecken, flogen am Rande der Lichtung von Busch zu Busch. Alle Geschöpfe suchten Licht und Wärme.

Nach diesem kurzen Lichtblick drang ich wieder in den Urwald ein. Endlich ließ ich auch die Träger mit meinem Reittiere und Hunde zurück und schlich mich der Stelle näher, wo der Rauch gesichtet worden war. Unnötige Vorsicht! Ein Träger des Postens, auf dem Rücken eine Milchkanne, die mir sehr bekannt vorkam, lief mir arglos in die Arme. Er sollte Trinkwasser holen, und die Milchkanne stammte unten von meiner Farm. Er gab mir nähere Auskunft, wo der Posten lag, und doch hörte ich die Kameraden schon lange schwätzen und lachen, ehe ich ihr Lager fand. So tief im Gebüsch versteckt standen ihre Zelte unter mächtigen, von Feuchtigkeit triefenden Bäumen. Dort wurde es sicher den ganzen Tag weder warm noch trocken. Die Kameraden schienen dies auch zu empfinden; denn sie waren froh, abgelöst zu werden. Nach einem gemeinsamen warmen Frühstück von Kongonifleisch rückten sie sofort ab.

Alleinherrscher im Urwald