Krieg hatte Rasse und damit Schneid. Kaum fünf Monate alt, hat er schon auf der Jagd allein einen angeschossenen Kongonibullen gestellt. Wenn er sich auch noch recht ungeschickt dabei benahm und mehrere Male vom Bullen umgekollert worden war, so ging er doch unverdrossen immer aufs neue zum Angriff über. Sechs Monate alt, hat Krieg schon vor der Treiberkette einen Koongo nach Löwen abgesucht. Um so mehr wurmte es ihn, daß eine unüberwindliche innere Gewalt ihn zwang, vor Siafu auszureißen. Ich habe ihn dabei beobachten können; denn ich erlebte auch bei Tage Siafuüberfälle. Eine Weile pflegte Krieg sich zu wehren, er zog die Siafu einzeln aus seinem Pelz und biß sie tot. Aber was nützte das! Wenn er zehn erledigt hatte, saßen hundert mehr zwischen seinen Zehen, unterm Bauch und in den Nasenlöchern. Ja die, an denen er vorbeigebissen hatte, waren ihm sogar ins Maul gekrochen und hatten sich unter der Zunge oder im Zahnfleisch festgehakt. Konnte ich Krieg helfen, dann kam er zu mir, sprang an mir hoch und ließ sich mit der Geduld, die er unter den Umständen aufbringen konnte, wenn es überall zwickt, die Siafu absuchen. Konnte ich ihm nicht helfen, d. h. war ich selbst in heller Not, dann stieß Krieg ein langes klagendes Geheul aus und sauste ab. Wo er dann blieb und wie er die Siafu los wurde, weiß ich nicht. Wenn er endlich wiederkam, war er schämig und bockig. Er schämte sich, mich verlassen zu haben, und er ärgerte sich über mich, weil ich ihm nicht geholfen hatte. In diesem seelischen Konflikt konnte Krieg stundenlang in einer Ecke sitzen, mich, ohne mit den Augen zu blinken, anstarren und bocken.
Wenn man die Bienen mit einem Arbeitsvölkchen vergleicht, so darf man die Siafu auf der Reise nach trockenen Nestern oder nach neuer Nahrung mit einer wohlorganisierten Armee auf dem Marsche vergleichen. Sie marschieren in dicht geschlossenen Gruppenkolonnen. Hinter jeder Halbkompanie marschiert ein fetter Feldwebel, doppelt so groß und stark wie die Soldaten. Fußkranke und Nachzügler leidet er nicht, und seine starken Zangen sorgen dafür, daß ein gleichmäßiges Marschtempo innegehalten wird. Klappt ein Soldat zusammen, dann fressen ihn seine Kameraden im Weitermarsch auf und der Feldwebel jagt von hinten einen neuen Mann an seine Stelle. Lücken dürfen in der Kolonne nicht entstehen. Rechts und links, dicht neben der Kolonne, etwa bei jeder zehnten Gruppe, marschieren ebenfalls besonders starke Unteroffziere, die, wie die Feldwebel, Gewalt über Leben und Tod haben. Wehe dem Soldaten, der ohne Befehl die Kolonne verläßt! Auch er wird sofort auf Konto Marschproviant als restlos verbraucht gebucht.
Vor der Marschkolonne marschiert im Eilschritt, oft in Laufschritt übergehend, weit ausgeschwärmt die Spitzenkompanie, und auf beiden Seiten der Kolonne sind Seitendeckungen in großer Zahl herausgeschoben. Ständig treffen Meldungen von der Spitze und den Seitendeckungen ein, und im Marsch-Marsch laufen Befehlsempfänger rückwärts und vorwärts an der Marschkolonne entlang, um jede wichtigere Meldung bekanntzugeben. Unaufhaltsam wälzt sich inzwischen die Siafuarmee weiter. Vor zwei Stunden beobachtete ich die Spitze – noch ist kein Ende der Heeressäule zu sehen.
Begeben wir uns zur Spitzenkompanie. Anscheinend sehr aufregende Meldungen sind dort eingelaufen. Ein Bataillon Pioniere ist im Laufschritt vorgegangen. Der Grund der Erregung liegt klar zutage. Eine Wasserfurche vom letzten Regen her, dreißig Zentimeter breit, hat die Spitze aufgehalten. Der Spitzenführer hat bereits rechts und links nach einer Furt oder einem als Brücke dienenden Stück Fallholz in aller Eile suchen lassen. Vergebens. Also: Pioniere vor! Acht starke Pioniere halten sich mit ihren Beinen neben- und aneinander fest und nehmen mit ihren Zangen firmen Halt am Ufer. Weitere acht Pioniere klettern schon über sie weg und halten sich, untereinander fest verkettet, mit steifen Zangen an den ersten acht. So bauen sie immer weiter, bis in fabelhaft kurzer Zeit die dreißig Zentimeter Wasser von einer lebenden Brücke überspannt sind. Kaum ist die Verbindung mit dem andern Ufer hergestellt, die Brücke dort gut verankert und stramm angezogen, so ist die Spitzenkompanie auch schon hinüber. Eiligst schwärmt sie aufs neue aus, um die verlorene Zeit wieder einzuholen. Die Heeressäule, die keine Sekunde im Marsche aufgehalten wurde, beginnt sich über die Brücke zu wälzen. Zwei, drei Stunden mag der Übergang dauern – die Pioniere halten fest. Ersoffen, zertrampelt mögen sie sein – los lassen sie nicht.
Diese organisierten Marschbewegungen der Siafu haben mich stets sehr interessiert. Stört man sie nicht in ihrem Vorhaben, dann kann man sie in aller Ruhe aus allernächster Nähe beobachten. Solange sie auf dem Marsche sind, nehmen sie von Mensch und Tier nur nebenher Notiz. Wieder und wieder laufen mir die Soldaten der Seitendeckung über die Stiefeln und stürzen davon, um meine Gegenwart der Heeresleitung zu melden. Weiter passiert nichts, denn die Heeresleitung hat andere Pläne. Ließe ich es mir aber einfallen, z. B. mit meinem Stock die Marschkolonne ernstlich zu belästigen, d. h. mehr Soldaten totzuschlagen, als die Kameraden im Weitermarsch bequem auffressen könnten, dann würde ein Angriff auf mich befohlen werden. Wie sie sich entwickeln und unter Führung der dicken Feldwebel schwärmen, kann ich eventuell noch mit ansehen. Ehe es zum Sturmangriff kommt, hat sich der erfahrene Beobachter aber bereits verdrückt. Gegen Siafu kann man nur mit Feuer und starkem Rauch kämpfen. Andere Waffen gibt es nicht. Schlüge man mit einem Spaten oder Brett Hunderttausende tot, ebenso viele Millionen würden den Angriff erneuern, und zwar so lange erneuern, bis dem Bedrängten die Arme müde zur Seite hängen.
Auf Grenzwacht
Meine dienstliche Aufgabe war, die ausgestellten Feldwachen zu kontrollieren sowie Beobachtungspatrouillen auszuschicken. Beides war militärisch wenig erfreulich, denn die Massai waren keine willigen Soldaten. Besonders die fernliegenden Feldwachen liebten sie nicht; entweder sie gingen gar nicht erst hin oder sie verließen die Wache, lange bevor die Ablösung ankam. Erst als ich anfing, sie wegen Wachvergehen zur Prügelstrafe niederlegen zu lassen, wurde der Dienst etwas ernster genommen. Meine Versuche, Massai zu selbständigen Beobachtungspatrouillen zu verwenden, scheiterten gänzlich. Sie weigerten sich, allein über die Grenze zu gehen. Wenn ich selbst sie auf meinen Patrouillenritten mitnahm, mußte ich die ganze Zeit über aufpassen wie ein Schießhund, daß sie mir nicht ausrissen – ohne Massai kam ich als Schleichpatrouille stets weiter vorwärts als mit ihnen.
Das wurde mit einem Male anders, als Kommandant Krantz sich der Sache persönlich annahm. Er war inzwischen aus der Truppe entlassen worden und hatte als Zivilist einen Vertrag mit der Militärbehörde gemacht. Gegen ein Fixum von tausend Rupien per Monat organisierte er nun am Telephonhügel den Massainachrichten-, -aufklärungs- und -spionagedienst mit altem Eifer. Er schickte seine Massaispione allein auf Patrouille mit dem Erfolge, daß die aufregendsten, wildesten Dinge berichtet wurden. Gegen solche Resultate fiel die Tätigkeit meiner Massai natürlich sehr ab. So erschien er bei mir zur Inspizierung.
Als ich eines Abends von Patrouille zu meinem Urwaldlager zurückkam, lag Krantz zu meiner Überraschung dort unter einem Baum und erwartete mich. Er aß mit mir zu Abend, rollte auf und organisierte in bekannter Weise, sprach viel von seinen bemerkenswerten Erfolgen und ritt endlich im Mondschein mit den sechs ihn als Leib- und Ehrenwache begleitenden Ilmuran wieder ab, nachdem sein Erzspion, ein Deutsch sprechender Massai, einige meiner Massai stundenlang instruiert hatte.
Schon am nächsten Morgen zeigte sich der Erfolg. Als ich meine Massai fragte, wer eine Patrouille von drei Tagen zum englischen Namangalager am Erok laufen wolle, um Truppenbewegungen zu beobachten, meldeten sich sofort mehrere Ilmuran. Es war dies etwas auffällig, weil sich noch tags zuvor alle Massai einstimmig geweigert hatten, allein auf Patrouille zu gehen. Krantzens Vertrauensmann mußte doch mächtig auf ihren Patriotismus gewirkt haben! Daß diese Wirkung sich auf die beschränkte, auf die er eingewirkt hatte, war ja schließlich erklärlich. Aber es war doch merkwürdig, daß in Zukunft immer nur ein Teil meiner Massai freiwillig und allein auf Fernpatrouille ging. Es waren immer dieselben Leute, während der größere Teil sich nach wie vor weigerte, allein auf Patrouille zu gehen.