Die Meldungen, die meine neu umgebackenen Spione brachten, wurden nun ebenfalls von Tag zu Tag wilderer Natur. Zuletzt konnte man die Länge der feindlichen Truppenkolonnen, die vom Erok zum Longido marschiert sein sollten, nur noch mit einem Kilometermaß messen. Jedesmal, wenn die Spione zurückkamen, hätte ich an die Abteilung melden können: »Heute wieder fünf Kilometer!« Schade, daß ich meinen Ilmuran so gar nicht traute und in allen meinen Berichten die Unwahrscheinlichkeit der Massaimeldungen betonte. Ich wußte nach meinen eigenen Beobachtungen, daß etwa achthundert Mann feindlicher Truppen den Longido besetzt hielten – nach den Meldungen der Massai hätten es etwa fünfzigtausend sein müssen. Aber vorläufig glaubte man ihnen mehr als mir.
Inzwischen hatte ich mein Urwaldlager wiederholt auf andere Waldwiesen verlegt, da ich den Gedanken, daß meine Massai mich verraten könnten, nie ganz los wurde. Wenigstens wollte ich es dem Feinde erschweren, nachts mein Lager zu finden. Die ersten Kriegsweihnachten hatte ich im Urwald verlebt, Neujahr lag hinter mir und Kaisers Geburtstag wurde gefeiert. Das Hoch auf unsern obersten Kriegsherrn hatten wir in selbstgebrautem Honigbier ausgebracht. Ungemein solide war diese Feier überall verlaufen; denn wir befanden uns schon in der alkohollosen Zeit des Krieges. Das war aber recht gut. Denn die Engländer hatten damit gerechnet, daß alle unsere Vorposten am 28. Januar einen Bombenkater haben würden, und suchten an diesem Morgen an der ganzen Front alle unsere Vorposten durch starke Kampfpatrouillen gewaltsam aufzuklären.
Schon vor Tagesgrauen waren sie in meinem vor wenigen Tagen verlassenen Urwaldlager gewesen. Als sie dies leer gefunden hatten, waren sie zu dem etwa drei Viertel Stunden entfernten Gehöft hinuntergeritten. Uns alarmierte einer unserer Massai mit der Meldung: »Sehr viele Feinde im Gehöft!« Pfützner und ich eilten, um zunächst einen Überblick zu gewinnen, auf den Gipfel des Hufeisenberges – da sahen wir mit dem Feldglase die Engländer gerade abreiten; es waren achtzehn Reiter mit fünf Massailäufern.
Wir ritten nun zum Gehöft hinunter und »rekonstruierten das Verbrechen«, wie Sherlock Holmes sagen würde. Dies war höchst einfach; denn die Spuren waren alle noch frisch. Vom Norden her, genau über den Fleck, wo meine Massaifeldwache hätte stehen müssen, wenn sie der Instruktion gefolgt wäre, war die englische Patrouille angeritten. Am Wasser beim Gehöft, das zu beobachten die Massaifeldwache am Gehöft strengen Befehl hatte, hatten sie getränkt. Dann waren sie zu meinem kürzlich verlassenen Urwaldlager hinauf- und wieder zum Gehöft heruntergeritten und hatten schließlich auf der Baraza des Herrenhauses gefrühstückt – eine leider leere Sardinenbüchse zeugte noch davon.
Ich glaube zwar nicht, daß meine Massai den Feind an diesem Tage geführt haben, denn dann würden die Engländer nicht mein eben verlassenes Urwaldlager aufgesucht haben. Aber aus der Tatsache, daß dem Feinde mein altes Lager bekannt war und daß keine der Feldwachen funktionierte, ist zu schließen, daß einige meiner Massai mit den englischen Massai Shauri moja [gemeinsame Sache] gemacht haben. Sie hatten letzteren mein Urwaldlager verraten und sich während des Überfalles passiv verhalten, mit Ausnahme des einen, der uns die erste Meldung brachte. Es war unser Glück, daß die Wissenschaft der englischen Massai um einige Tage veraltet war. Im Engare Nairobilager glaubte auch nach meiner Meldung über diesen Vorfall noch niemand daran, daß die Massai Verräter seien.
Ich persönlich hatte in jenen Tagen einen Abschiedsschmerz – die fromme Helene wurde zur Infanterie versetzt. Ich erhielt dafür ein trotz hohen Alters flottes Maultier, das wegen seiner charakteristischen Unterlippe Alphons genannt wurde. Am Longido von den Engländern erbeutet, war Alphons, nach seinen Zähnen zu urteilen, hoch in den Zwanzigern. Seine Eselunarten hatte er gänzlich abgelegt. Wenn ich absaß und zu Fuß ging, lief Alphons mir nach wie ein Hund, auf Befehl blieb er so lange geduldig stehen, bis ich ihn wieder abholte. Alle seine Gangarten waren die eines Pferdes – nur wenn er sehr müde wurde, trabte er wie ein Esel und hielt es dann in dieser Gangart noch stundenlang aus. Ich habe wenige Maultiere kennengelernt, die alle Eigenschaften eines gut trainierten Patrouillentieres so in sich vereinigten wie Alphons.
Mein Alphons war also ein Beweis dafür, daß Maultiere zu zuverlässigen Patrouillentieren erzogen werden können. Die Maultiere meiner Kompanie freilich, die ja nicht regelrecht als Remonten eingestellt, sondern von überallher zusammengesucht waren und für deren vormilitärischen Mangel an Erziehung die Kompanie nicht verantwortlich war, blieben, wenn sie auch noch soviel lernten, doch immer bis zu einem gewissen Grade unberechenbar. Gelegentlich, und zwar gewöhnlich dann, wenn es am wenigsten paßte, verfielen sie wieder in ihre Eselunarten. Deshalb mag das Maultier, verglichen mit dem Pferd, für eine ostafrikanische berittene Truppe, deren Notwendigkeit der Krieg erwiesen hat, gewisse Nachteile haben. Und besonders in der Reitbahn und auf dem Exerzierplatze wird es sehr gegen das Pferd abfallen.
Auf der andern Seite hat aber das Maultier – gemeint ist ja immer der Maulesel – viele Vorzüge. Lange Patrouillen – die längste, die ich mitgeritten, dauerte fünf Wochen –, auf denen man Reittierverpflegung nicht mitnehmen kann und die Tiere sich in den kurzen Rastpausen von während der Trockenheit spärlichem, strohgelbem Gras zu nähren haben, haben die Maultiere stets besser überstanden als die Pferde. Im gebirgigen und steinigen Gelände tritt das Maultier viel sicherer als das Pferd mit europäischem Blut in den Adern, auch kann es schmale Eingeborenenpfade oder Wildwechsel viel leichter einhalten als ein breitspuriges Pferd. Endlich nutzen sich ihre kleinen harten Hufe auf hartem Boden lange nicht so schnell ab als die der Pferde besserer Zucht, wenn beide, wie es bei uns im Kriege der Fall war, unbeschlagen sind. Gegen Pferdesterbe und Tsetse ist das Maultier zwar auch nicht immun, aber doch viel widerstandsfähiger als ein Pferd mit nur einem Tropfen europäischen Blutes. Als ich nach zwei Kriegsjahren gefangen wurde und wir die gesunde Gegend des Nordens längst verlassen hatten, hatten wir bei der Kompanie noch eine ganze Anzahl Maultiere und Somaliponys, mit denen wir schon in den Krieg gezogen waren, aber außer der Fohlenstute Sophie kein einziges unserer ursprünglichen Pferde besseren Blutes mehr. Alle waren der Tsetse und Sterbe zum Opfer gefallen. Noch mit am längsten hatte mein Halbbluthengst Otto ausgehalten, der mir später zugeteilt wurde; er war in Afrika geboren, halb Araber, halb Ostpreuße.
Unsere Kavallerie braucht englische Reittiere
Die Berittene 9. Schützenkompanie lag inzwischen immer noch im Lager am Engare Nairobi als Teil der Abteilung Kraut. Als wichtige Neuerung erfuhr ich, daß im neuen Jahre nach und nach die früher internierten Buren, soweit sie sich bereit erklärt hatten, der deutschen Sache zu dienen, in den Kompanieverband aufgenommen worden waren.