Die Einstellung der Buren in meine Kompanie beweist schon, daß diese noch kaum auf dem Wege war, eine militärische Einheit zu sein, wie man sie sich in Deutschland unter einer Kompanie vorstellt. Sie war vielmehr immer noch mehr ein Verband verschiedener Patrouillenkorps und Außenposten (wie meiner z. B.), in dem auch viele Farmer dienten, die früher nie Soldaten gewesen waren. Die Schützen ritten freiwillig auf Patrouille in der Weise, daß sich die einen zu diesem, die andern zu jenem Patrouillenführer hingezogen fühlten und ihm besonders vertrauten, und immer gab es mehr Freiwillige, als gebraucht wurden. Diejenigen, die nicht auf Patrouille, Außen- oder Beobachtungsposten waren, ruhten im Lager und pflegten sich und ihre Tiere für die Strapazen einer neuen Patrouille. Besonderen Dienst hatten sie nicht, und daran, sie infanteristisch oder kavalleristisch auszubilden, dachte damals niemand. Wir hatten Leute in der Kompanie, die wegen besonderer Tapferkeit vorm Feinde zum Gefreiten und Unteroffzier befördert worden waren, aber ihren Vorgesetzten mit der Pfeife im Munde und einer Hand in der Hosentasche grüßten, auch Rechtsum und Linksum nicht unterschieden. Rangabzeichen trug kein Mensch, und ein Fremder hätte aus dem außerdienstlichen Benehmen von Offizieren und Mannschaften nie herausgefunden, wer Vorgesetzter und wer Untergebener war. Kommissig ging es also bei der Kompanie sicher nicht zu. Dafür aber verstanden fast alle aus dem ff zu reiten (wenn auch nicht vorschriftsmäßig), zu schießen, zu hungern und zu dursten.

Bei dieser ungebundenen Art fanden sich die Buren leidlich in ihre neue Lage. Sie ritten auch einige Male Patrouillen mit Oberleutnant Büchsel, dann aber zogen sie es doch vor, ein Patrouillenkorps für sich zu bilden. Piet Nievenhuizen und Louis van Rooyen waren ihre anerkannten Führer. Schon wiederholt hatten diese beiden das Namangalager der Engländer am Erok beschlichen, und der Plan war in ihnen gereift, den Engländern Reittiere oder einen Ochsentransport, jedenfalls etwas Bewegliches, für das Beutegeld ausgesetzt war, abzutreiben.

Anfang März 1915 – das genaue Datum weiß ich nicht mehr – trafen die beiden Genannten in Begleitung der Buren Piet Joubert, Nicolas Visser, Tobias Knott, Frank Niels, Lawrenz, Alwin Botha, des Deutschen Max Truppel, der vor dem Kriege für Hagenbeck Tiere fing, und des Ungarn Roth, eines früheren Missionars, gegen Abend auf meinem Urwaldposten ein. Ihr Proviant waren Burenhartbrot und Hammelkeule am Spieß gebraten. Piet Nievenhuizen teilte mir seine Pläne mit, und um denselben mehr Aussicht auf sicheren Erfolg zu verschaffen, beschlossen wir, daß ich während der nächsten Tage keine Massaipatrouille zum Longido senden sollte. Mitten in der Nacht ritt die Burenpatrouille weiter.

In der nächsten Nacht ritten sie bis auf einige Kilometer an das englische Lager heran, gedeckt vom Schilfwalde der Namangasümpfe. Hier teilten sie sich; denn von hier sollte die Unternehmung zu Fuß weitergehen. Botha, Knott, Niels und Lawrenz nahmen sämtliche Reittiere, sechs davon ohne Sattel und Zaumzeug, und kehrten mit diesen ins deutsche Lager zurück. Nievenhuizen, van Rooyen, Joubert, Visser, Truppel und Roth schulterten ihre Sättel und Zaumzeuge und schlichen sich, auf allen vieren kriechend, durch die frisch abgebrannte, offene Steppe unter dem englischen Lager vorbei und dann im weiten Bogen um dasselbe herum, bis sie nördlich oberhalb desselben am Bergrande die Tränkstelle erreicht hatten, an der die Reittiere des Namangalagers nach früheren Beobachtungen jeden Morgen zwischen acht und neun Uhr getränkt wurden. Im Gebüsch, nahe der Tränkstelle, legten sie sich an drei Punkten zu je zwei Mann auf die Lauer; denn es galt, auf alle Fälle den berittenen und bewaffneten Engländer, der die Tiere als Pferdewache zu begleiten pflegte, ohne viel Lärm lebendig zu fangen.

Der Morgen graute. Es wurde acht Uhr. Es wurde neun Uhr. Nichts zeigte sich. Es wurde zehn Uhr. Immer kamen die Tiere noch nicht zur Tränke. Sollten sie gerade heute vom Lager abwesend sein? Konnte der Anschlag dem Feinde doch verraten worden sein? Es wurde elf Uhr. Die Erregung macht wahnsinnig durstig, der ganze Wasservorrat war längst ausgetrunken, aber zur nahen, offenliegenden Tränke durfte sich keiner wagen, und noch immer kamen die englischen Reittiere nicht.

Da endlich, gegen elf Uhr dreißig, zeigten sich die Tiere. Kein Berittener war mit ihnen. Ein Engländer zu Fuß, die Pfeife im Munde, einen Schauerroman in der einen, die Whiskyflasche in der andern Rocktasche, den Karabiner unter dem Arm, schlenkerte vor den Tieren her. Jedenfalls hatte er sich vorgenommen, die Pferdewache recht gemütlich zu verbringen. Zwei eingeborene Pferdepfleger trieben die Tiere hinten an.

Bei van Rooyen und Truppel kam der Engländer am nächsten vorbei. Truppel nahm ihn, im Gebüsch kniend, aufs Korn, und van Rooyen stand plötzlich vor dem arglosen Pferdewächter mit den Worten: Hands up! Pfeife und Karabiner entfielen dem Ärmsten gleichzeitig. Ohne ein Wort ergab er sich in sein Schicksal.

Zur gleichen Zeit trieben die anderen die Tiere zur Tränke und sattelten und zäumten die sechs ersten besten in Windeseile. Visser, der sich rasch auf ein ungesatteltes Tier geschwungen hatte, versuchte die beiden Eingeborenen, die wild schreiend zum englischen Lager zurückflüchteten, abzufangen – vergebens.

Alles war soweit nach dem Programm verlaufen, nur ärgerte man sich, daß man nicht achtzig Tiere, die wenige Tage vorher noch an der Tränkstelle gezählt worden waren, sondern nur einundsechzig gekapert hatte; neunzehn waren nach Angabe des Gefangenen am Tage vorher mit ihren Reitern in ein anderes Lager versetzt worden. Ferner hatte man nicht damit gerechnet, daß der auf Pferdewache kommandierte Engländer unberitten sein würde; ein Reservesattel war für diesen Fall nicht vorgesehen. Freilich auch mit seiner Flasche Whisky hatte man nicht gerechnet, folglich mußte diese erst mal daran glauben. Ja, es half alles nichts – mitgenommen mußte der Kriegsgefangene werden! Er mußte sich halt auf ein ungesatteltes Tier klemmen, und Roths Revolver mußte es ihm klarmachen, daß er bei Lebensgefahr nicht abfallen dürfe.