Nun also los! Spitze ritten Nievenhuizen und Truppel. Dann kamen elf oder zwölf Tiere, dann Roth mit dem Gefangenen. Wieder Tiere, dann kam Visser; noch mehr Tiere, und endlich kamen van Rooyen und Joubert. Es ging immer nur Galopp, was die Tiere laufen konnten. Zuerst, am Fuß des Erok, war das Gelände sehr ungünstig, brüchig und steinig. Der Gefangene mag seine liebe Not gehabt haben, oben zu bleiben; er wird sich schön festgeklemmt haben, und es ist kein Wunder, daß er sich bald durchgeritten hatte. Als sie glücklich vom Berg herunter waren, schlug Nievenhuizen nicht die Richtung nach Süden ein, weil das die Richtung zu unserm Kompanielager war und der Feind sicher erwartete, daß die Raider diesen kürzesten Weg einschlagen würden. Tatsächlich war der Abtrieb aller Reittiere vom Namangalager, dessen jetzt unberittene Besatzung selbst nichts unternehmen konnte, sofort zum Longidolager der Engländer telephonisch gemeldet worden. Von dort war auch sogleich eine starke Truppe dorthin vorgeschickt worden, wo, wie man glaubte, die Pferderaider ihren Weg nehmen würden.

Nievenhuizen hatte dies alles vorausgesehen. Er führte in das englische Gebiet hinein, in nordöstlicher Richtung. Nahe am Low-Hills-Lager der Engländer, auf Vorbergen des Erok gelegen, ging die wilde Jagd vorbei hinein in die dichte Dornbuschsteppe nördlich der Namangasümpfe. Vordringen konnte man hier nur auf Nashornwechseln, die kreuz und quer durch den Busch laufen. Nur ein Nievenhuizen konnte hier zurechtfinden und, ohne einmal zu irren oder auch nur eine Sekunde zu zaudern, sicher führen.

Nach einem Galopp von eineinhalb Stunden wurde kurz haltgemacht, um die Sättel auf frische Tiere zu legen. Dann ging es im Karacho weiter. Eine Staubwolke verfolgender Kavallerie zeigte sich aus der Richtung des Low-Hills-Lagers. Unsere Raider beunruhigte dies nicht. Solange sie ständig Tiere wechseln konnten, hatten die, die immer auf denselben Tieren hinter ihnen her ritten, nichts Besorgniserregendes. Tatsächlich blieb die Staubwolke immer weiter zurück.

Allmählich schwenkte Nievenhuizen aus nordöstlicher Richtung mehr nach Südosten um. Das Gehöft der Farm Olmolog war sein Endziel für diesen Tag. Hatte er das erst erreicht, so konnte er, wenn die Verfolgung nicht nachließ und der Feind an Gefechtskraft stark überlegen sein sollte, die Beutetiere in den bergenden Urwald des Kilimandscharo hineintreiben. Ich kannte im Urwald, in den ich an mehreren Stellen tief eingedrungen war, Wasserläufe und Waldwiesen genug, wo wir uns mit der Beute bergen konnten, bis die Luft rein war oder Verstärkung ankam. Im Urwald hätte eine ganze Armee vergeblich nach uns gesucht.

Nachdem die Pferderaider noch mehrere Male auf frische Tiere umgesattelt hatten, auch den Kriegsgefangenen, dessen Sitzfläche höllisch zu brennen anfing, auf ein gesatteltes Tier hatten steigen lassen, während abwechselnd einer der Raider auf blankem Tier ritt, kamen sie um 4 Uhr dreißig nachmittags am Brakwasser auf der unteren Olmologfarm an. Fünf Stunden hatte der halsbrecherische Galopp gedauert. Am Brakwasser wurde eine Stunde Rast gemacht und getränkt.

Kurz vor dem Brakwasser, da, wo die Buschsteppe offen wird und hier und da, von Salzkrusten bedeckt, hell in der Sonne leuchtet, trafen unsere Raider unerwartet auf eine Patrouille von vier oder fünf Reitern der eigenen Kompanie unter Führung des Unteroffiziers Obst, genannt Bana matunda, der nach den Nyirisümpfen wollte und von dem Pferderaid keine Ahnung hatte. Als Bana matunda und seine Getreuen die siebzig vermeintlichen Reiter in dicken Staub gehüllt aus feindlicher Richtung angaloppieren sahen, rissen sie aus wie Schafleder und wurden nicht mehr gesehen.

Solch drollige Episoden gab es genug im Kriege. Zuweilen endeten sie tragisch. Genau wie wir bei meiner Gefangennahme arglos mitten in den Feind hineinritten, den wir für Freund hielten, ist es auch oft genug vorgekommen, daß man Freund für Feind hielt und daß eine Partei ausriß, wenn sie nicht gar beide gleichzeitig ausrissen. Wir hatten zu Anfang breite schwarzweißrote Binden um den linken Oberarm getragen, als einziges Uniformstück zum Zivilanzug; solange diese Binden, die weithin leuchteten, Mode waren, war es noch leidlich möglich, Freund von Feind zu unterscheiden. Die ersten Gefechte hatten aber gezeigt, daß die leuchtenden Armbinden auch ihre Nachteile hatten. Herzschüsse wurden zu häufig; die weithin leuchtende Armbinde des liegend schießenden Schützen war genau vor der Herzgegend. Zur Zeit des Pferderaids war es Mode, die Armbinde aufzurollen, sobald man das Lager verließ. Später wurde nur auf der rechten Schulter längs des Ärmelsaumes eine schmale schwarzweißrote Borte aufgenäht, die beim Schießen durch den Gewehrkolben verdeckt war. Noch später mußten wir auf das Tragen der deutschen Farben ganz verzichten, einfach weil es in der Kriegszone keine farbigen Stoffe und keine Zivilisten mehr gab.

Bana matundas Verhalten war durchaus korrekt. Er sah etwa siebzig Reiter auf sich loskommen, die gesamte deutsch-ostafrikanische Kavallerie, d. h. die Berittene 9. Schützenkompanie, war damals aber überhaupt nur etwa sechzig Reiter stark, alle Posten eingerechnet. Diese sechzig Reiter hatten auf einer Front von fünfundsiebzig Kilometern ein stellenweise hundert Kilometer tiefes, völlig unbewohntes Gelände abzupatrouillieren. Wie viele Kavalleriedivisionen man zu Hause in einem solchen Geländeabschnitt verwenden würde, weiß ich nicht zu sagen. Unsere Patrouillen, selten mehr als vier bis sechs Mann stark, waren immer mehrere Tage, oft über eine Woche draußen, ohne unterdessen mit der Truppe Verbindung zu haben. Folglich wußten sie nie, was inzwischen geschehen war. Oft war die Parole gewechselt worden, ehe sie heimkamen, und es galt allgemein als der gefahrvollste Augenblick eines Patrouillenrittes, durch unsere eigene Askaripostenkette durchzukommen, ohne angeknallt zu werden. Die Engländer ritten ihre Patrouillen meistens sechzig bis hundert Mann stark. Wenn unsere Patrouille die feindliche nicht rechtzeitig sah und sich in einen Hinterhalt legen konnte, war an ein Gefecht gar nicht zu denken. Wußte man, daß man vom zehnfach überlegenen Feind zuerst gesehen worden war, dann galt es, sich schleunigst zu verkrümeln. Das war meistens leicht. Das Gelände war wie geschaffen zum Versteckspielen. –

Als die Pferderaider sich und ihre stark ermüdeten Tiere am Brakwasser eine Stunde ausgeruht hatten, trieben sie ihre Beute, jetzt im ruhigen Tempo, zum Olmologgehöft und brachten sie dort gegen zehn Uhr abends in den Stallungen für die Nacht unter. Roth und Truppel waren seit dem Weitermarsch vom Brakwasser mit zwei lahmen Tieren hinter den andern zurückgeblieben. Da beide das Gelände nicht genau kannten und da die Nacht stockfinster wurde, hätten sie unfehlbar die Spur verloren, wenn nicht ein junges Eselein, das vom Namangalager her den Raidern freiwillig gefolgt war, bei den lahmen Tieren zurückgeblieben wäre und jetzt die Führung übernommen hätte. Mit tödlicher Sicherheit folgte das Eselein der Spur des Haupttrupps.