Mit den Beutetieren und dem deutsch gesinnten Eselein trafen die Raider am nächsten Morgen im Engare-Nairobi-Lager ein. Sie erhielten eine glänzende Ovation und pro Mann 1164 Rupien Beutegeld. Die Buren erhielten außerdem noch jeder ein Eigentumspferd. Der gefangene Engländer – ich glaube, er hieß Batman – wurde riesig gefeiert und mit Liebesgaben überhäuft. Kurze Zeit mußte er stille liegen und seinen wundgerittenen Hintern pflegen. Dann wurde er in ein Gefangenenkonzentrationslager weitergeschafft.

Ein Konkurrenzunternehmen

Die erste, direkte Folge dieses glänzend gelungenen Raids war eine Armeevermehrung, die Vermehrung der deutsch-ostafrikanischen Kavallerie. Man hätte die Berittene Neunte verstärken können, ohne Gefahr zu laufen, daß sie dadurch allzu kriegsstark werden würde. Aber in der Armeeleitung hielt man es mit Recht für besser, auch bei der glorreichen deutsch-ostafrikanischen Kavallerie das einzuführen, worauf allein aller Fortschritt in der Welt beruht, nämlich die Konkurrenz. Die Berittene Neunte, bekannt als »die Einzige«, die Elitekompanie, bekam also Konkurrenz in der neuformierten Berittenen 8. Schützenkompanie, unter Führung von Hauptmann v. Boemcken, einem Offizier aus Deutsch-Südwestafrika, der vor Kriegsausbruch seine Urlaubsreise in Deutsch-Ostafrika unterbrochen hatte. Da sich die Männer der Achten rühmten, uns mal zeigen zu wollen, wie man durch die Gegend fliege, wurden sie von uns die »Fliegenden Hunde« genannt. Zusammengestellt wurde die Achte aus Europäern der an der Nordfront befindlichen Europäer- und Askarikompanien, die sich freiwillig zum Dienst in der Kavallerie gemeldet hatten. Unsere Buren, die aus dem Naturell der Trekburen heraus nie mit dem zufrieden sind, was die Gegenwart bringt, ließen sich zur Achten versetzen. Es gefiel ihnen dort noch weniger, als es ihnen bei der Neunten gefallen hatte, und wenige Wochen später wurden sie auf eigenen Wunsch zur letzteren zurückversetzt.

Die zweite Folge des Raids war indirekter Natur. Die von Krantzens Vertrauensmann ausgebildeten Massaispione hatten in letzter Zeit die ungeheuersten Dinge ausspioniert, und beinahe hätte die Abteilung Kraut auf ihre Meldungen hin die feste Stellung am Engare Nairobi geräumt; die Bagage der Abteilung war schon nach Kware zurückgeschafft worden, und die Zivilbevölkerung hinter unserer Front baute bereits ab.

Kilometerlange Truppenkolonnen, die vom Erok zum Longido marschieren sollten, hatten, wie wir wissen, die Massaispione schon seit längerer Zeit gemeldet. Jetzt meldeten sie plötzlich, daß diese Truppen kleine Leute mit Schlitzaugen wären. Da hatten wir also die Gelbe Gefahr, die Japaner! Die Massai hatten sie gesehen. Krantz sah sie durch ihre Augen lebhaft mit und predigte armrollend die große japanische Invasion in den grellsten Farben. Wie meine Siafu im Urwald wälzte sich vor seinem geistigen Auge der Heerwurm der Japaner hinein in das Longidogebirge, bis dieses überlaufen und die Japanerflut ganz Deutsch-Ostafrika bedecken würde.

Die Aufregung im Engare-Nairobi-Lager soll damals nicht schlecht gewesen sein. In zwölfter Stunde fragte das Kommando nochmals bei mir an, was ich von diesen Meldungen hielte. Aus vollster Überzeugung konnte ich meine längst und wiederholt vertretene Ansicht nochmals zusammenfassen in die lakonische Meldung: »Glaube kein Wort davon. Nach meinen Beobachtungen schätze feindliche Stärke am Longido auf sechs- bis achthundert Engländer und Inder.«

In diese von Japanergerüchten schwangere Zeit hinein traf der kriegsgefangene Engländer Batman im Engare-Nairobi-Lager ein, und auf einmal fiel das ganze Massaikartenhaus zusammen. Batman kannte alle deutschen Massaispione ganz gut von Ansehen, waren sie doch im englischen Lager ein und aus gegangen, als ob sie dort zu Hause wären!!

Um dem Spionagedienst alle Unbequemlichkeiten einer persönlichen Gefahr abzustreifen und um Belohnung von beiden kriegführenden Parteien einstecken zu können, war Krantzens Erzspion auf den genialen Gedanken gekommen, die Nationalität in diesem Kriege ganz auszuschalten und Dienst auf beiden Seiten zu tun. Er hatte mehrere Massai in diesen Plan eingeweiht, und diese drängten sich plötzlich zu den Fernpatrouillen, an deren anderm Ende es ebenfalls viel Fleisch und Belohnungen gab. Alle unsere Stellungen und Posten hatten diese Massaihelden dem Feinde verraten, und die Engländer hatten durch ihre gewaltsame Erkundung unserer Außenposten am Morgen nach Kaisers Geburtstag nur die Meldung unserer Ilmuran nachprüfen wollen, denn sie wußten, daß die Lüge einem jeden Massai zur zweiten Natur geworden ist, und trauten ihnen so wenig, wie Krantz ihnen hätte trauen sollen.

Nachdem nun auch den fanatischsten Anhängern der Krantzschen Theorie die Augen aufgegangen waren, wurden alle Massai hinter die Front zurück in ihr Reservat gejagt und der Befehl erlassen, jeden Massai, der vor der Front getroffen würde, abzuschießen.