Mutter der Kompanie
Fast fünf Monate hatte ich im melancholischen Urwald gehaust und in den lichten Steppen täglich meine Patrouillen geritten, ohne mich auch nur eine Stunde zu langweilen. In der Erfüllung meines Dienstes konnte ich mich an den Wundern des afrikanischen Tier- und Pflanzenlebens erfreuen und zugleich auch noch Pläne für die Friedenszeit schmieden. Hatte ich doch vor Kriegsausbruch gerade an dieser Stelle eine große Viehfarm einrichten wollen. Wie hätte ich je bessere Gelegenheit finden können, die 15 000 Hektar große Farm in allen ihren Teilen so gründlich kennenzulernen als auf meinen Patrouillenritten, die mich immer wieder durch die entlegensten Schluchten und Winkel der Farm führten?! Und wie schön war es, Alleinherrscher auf meinem Posten zu sein, weit weg von Vorgesetzten und Telephon! All diese Herrlichkeit hatte ein rasches Ende, als am Nachmittage des 14. April 1915 folgender militärisch kurzer Befehl an mich eintraf: »Sie haben sich mit Ihrem ganzen Posten zum Doppelberg in Marsch zu setzen und dort beim Kompanieführer zu melden. Büchsel, Kompanieführer.«
Im Engare-Nairobi-Lager hatte es Veränderungen gegeben. Hauptmann Kraut war Major geworden und hatte an der Tavetafront eine andere Abteilung erhalten; Hauptmann Fischer, der mit seiner 8. Askarikompanie die 10. ablöste, war Führer der Abteilung geworden, und die Führung meiner Kompanie war an Oberleutnant zur See Büchsel übergegangen. Alle Kompanien, die jetzt zur Abteilung Fischer gehörten, hatten das alte Lager unten am Fluß verlassen und auf den Hügeln neue Lager bezogen. Die 8. Askarikompanie und der Abteilungsstab lagen auf dem Telephonhügel (dem früheren Krantzhügel), der durch Ausheben von Schützengräben und Unterständen unterminiert war, die 21. Askarikompanie, die neue Berittene Achte und meine liebe Neunte lagen auf dem benachbarten »Doppelberg«.
So marschierte ich denn am Morgen nach Eingang des Befehls in aller Frühe in strömendem Regen durch den Urwald. Der Boden war so aufgeweicht und glitschig, daß meine Träger alle Augenblicke ausrutschten und ihre Last in den Dreck schmissen, daß es nur so klatschte. Alphons und Minna trippelten vorsichtig und schlidderten die Schluchten, die wir passieren mußten, auf ihren Hanken sitzend hinunter, die Vorderbeine weit und steif nach vorn gestemmt. Meine Stimmung war abschiedschwer und scheußlich. Nicht einmal rauchen konnte ich. Die Zigarette wurde jedesmal sofort durch einen Guß aus einer Baumkrone in Brei verwandelt. Der einzige Vergnügte in der Kolonne war Krieg. Er schien zu ahnen, daß er das Kreuz seines jungen Lebens, die infamen Siafu, für immer los wurde.
Um zwei Uhr nachmittags traf ich im Doppelberglager ein und meldete mich bei meinem Kompanieführer. Er nahm mich sehr freundlich auf und erklärte mir, Zugführer habe er mehr als er brauche, aber niemand, der ihm geeignet scheine, die Dienste des etatsmäßigen Feldwebels einer Kompanie zu übernehmen, die bislang überhaupt noch keinen Feldwebel und weder Feldwebelbüro noch regelmäßige Buchführung gehabt hätte. Er glaube, daß ich als erfahrener, älterer Mann mich ganz besonders für diesen Posten eignen würde, und er beabsichtige, mich zum Dienst des Etatsmäßigen zu kommandieren.
Damit war ich entlassen und zur Mutter der Kompanie geworden. Ich wußte damals noch nicht, was das zu bedeuten hat. Später habe ich es begriffen, und eine unbegrenzte Hochachtung für alle Etatsmäßigen der deutschen Armee und Marine ist während meiner stümperhaften Bemühungen, es ihnen gleichzutun, in mir emporgewachsen.
Als Kompaniemutter bezog ich eine geräumige Grashütte, die, in der Mitte durchgeteilt, zur Hälfte das Feldwebelbüro und zur andern Hälfte mein Wohn- und Schlafzimmer enthielt. Das Büro war bereits fertig mit großem Tisch, Stühlen, einigen Borten und – o Jammer! – mit einem Telephonkasten, an dem die schwarze grinsende Telephonordonnanz schon sprungbereit saß, um mich, sei es Tag oder Nacht, an den Hörer zu schleppen, sobald der Simteufel, wie er ihn nannte, bimmelte.
Das Telephon ist, wie man mir allerseits versichert, im modernen Leben so notwendig geworden, daß man sich das Dasein ohne Telephon gar nicht mehr vorstellen kann. Das ist ein Irrtum. Wer es nicht glaubt, gehe in Urwald und Steppe von Deutsch-Ostafrika, und er wird lernen, daß das Leben ohne Telephon erst richtig anfängt.
Mit trüben Gedanken an den Telephonteufel und an die Feldwebelgeschäfte überhaupt, zu denen mir jegliche Vorbildung abging, rollte ich mich in meine Kamelhaardecken. Vor fünfundzwanzig Jahren hatte ich als Einjähriger gedient. Was trieb damals eigentlich mein Wachtmeister? Eine wichtige, gefürchtete Persönlichkeit war er gewesen – dessen entsann ich mich. Aber was machte der Mann, der immer so geheimnisvoll mit dem dicken Notizbuch auf der Brust zwischen dem zweiten und vierten Knopf des Waffenrockes über dem Ganzen schwebte und stets da auftauchte, wo wir ihn am wenigsten erwarteten und, vom Standpunkte des Soldaten, am ehesten missen konnten? Jedermann war stets im Druck, wenn er auf der Bildfläche erschien, und Urlaubskarten mußten wir auch bei ihm abholen. Jener Wachtmeister war ein Berliner Kind und konnte fürchterlich sarkastisch schimpfen. Wenn ich daran denke, läuft es mir noch heute kalt über den Rücken. Zu Weihnachten schenkten wir Einjährigen dem Wachtmeister einen Extrasäbel. Oder war es ein Piano? – Na, das konnte ja gut werden!