Bilder und Typen aus dem Lagerleben

»Bana, bana, Kahawa tayari« [Herr, o Herr, der Kaffee ist bereit], flüsterte mein Boy Sakiva, ein Mchagga vom Kilimandscharo, der mir damit in seiner sanften Art anzeigen wollte, daß es Zeit für mich sei, aufzustehen. Ich bin ein leichter Schläfer und an Frühaufstehen gewöhnt. Wäre ich es nicht, dann wäre ich von Sakivas Geflüster nie aufgewacht. Wie die Boys der Kameraden, die sich schwerer vom Schlaf trennten, diese wach kriegten, habe ich mir aus Zartgefühl nie angesehen. Gehört habe ich es oft. Das heißt, gehört habe ich nur die Kameraden; die Boys hört man bei dieser Zeremonie nicht. Wäre es nicht immer noch so dunkel gewesen, dann hätte ich aus vielen Grashütten des Lagers schattenhafte Gestalten vor einem Hagel von Wurfgeschossen eiligst flüchten sehen können.

Da stand also neben der vom Boy angezündeten Sturmlaterne eine Tasse schwarzen Kaffees auf einer Kiste am Kopfende meines Bettes, und vor diesem, so daß ich nur hineinzufallen brauchte, meine Badewanne voll kalten Wassers. »Bett« hätte ich nicht sagen sollen. In einem Bett habe ich in den zwei Jahren an der Front in Deutsch-Ostafrika nur eine Nacht geschlafen, und zwar im Quartier bei dem Farmer Egger am Meru. Dort schlief ich in einem richtiggehenden Bett. Das heißt, ich lag darin und – wachte. Vor lauter Staunen über diesen ungewohnten Luxus konnte ich nicht schlafen. In unsern Feldlagern hatten wir keine Betten. War das Lager lange genug auf demselben Fleck, dann wurden Kitandas gebaut.

Wenn man in das Taschenwörterbuch der Suahelisprache von Professor Dr. Velten schaut, findet man Kitanda mit »Bett, Bettstelle« übersetzt. Zu übersetzen wüßte ich das Wort auch nicht anders, aber wer bei unserer Kitanda im Kriege an ein gutes deutsches Bett denkt, bekommt doch eine falsche Vorstellung. Zum Bau einer Kitanda ist seitens des Europäers weiter nichts erforderlich als der Besitz von Veltens besagtem Taschenwörterbuch. Er schlägt nach: »machen« = kufanya, ruft seinen Boy und sagt: »fanya kitanda« und geht zum Früh- oder Abendschoppen, je nach der Tageszeit.

Der Boy pflanzt unterdessen vier Stöcke mit gabelförmigen Enden, die er sich irgendwo abgehauen hat, fest in die Erde, die Gabeln nach oben. Die vier Gabelstöcke bilden die Ecken eines Rechteckes, das die Länge des Bana und die Breite eines Meters hat. In die Gabeln legt der Boy zwei Längs- und zwei Querstangen, die er mit Bast anbindet. Auf das so ein bis eineinhalb Fuß über dem Erdboden entstandene Gestell bindet der Boy querüber mit Bast dicht nebeneinander geschmeidige, dünne Stöcke.

Ich sage immer: Der Boy tut das und das. Natürlich tut kein Boy, der das geringste Ehrgefühl für seinen Stand im Leibe hat, etwas selbst, solange er noch irgendwo einen Mpagazi [Träger] oder Buschneger auftreiben kann, über den er kraft der Stellung seines Herrn Autorität ausüben zu können glaubt. Die eigene Würde nach der Würde seines Herrn einzuschätzen, ist ein typischer und an sich ganz menschlicher Zug, der wohl nicht nur Negerdienern eigen ist. Im gewöhnlichen Leben wird dieser Zug meistens Heiterkeit, selten Unwillen erregen. Unter militärischer Ordnung war er oft recht unbequem. Meine Boys haben einmal sogar fünfzehn Hiebe bekommen, weil sie, immer und immer wieder vom Größenwahn gestochen, glaubten, als »waboi ya bana Feldwebel« die für den Troß bestimmten Kompaniebefehle nicht ausführen zu brauchen. Mit den Boys der Offiziere war es genau so. Ein Offiziersboy, der mir vom Unteroffizier vom Dienst gemeldet und vorgeführt wurde, da er beim Posho[tägliche Ration]-Empfang ständig fehlte, berief sich allen Ernstes darauf, er sei doch »boy ya bana von«.

Für mich war es stets ein schwerer Gang, wenn ich zur Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung einen Askari, Boy oder Mpagazi zur Bestrafung melden und dann noch zu meiner eigenen Pein der Strafvollziehung persönlich beiwohnen mußte. Den Asiaten gegenüber, den Chinesen, mit denen ich in Australien hatte arbeiten müssen, und den Massai, die auch asiatischer Abstammung sein sollen, ist es mir nie schwer geworden, nötigenfalls mein Herz zu härten. Dem afrikanischen Neger habe ich, weder in Süd- noch in Ostafrika, niemals ernstlich böse sein können. Sie sind solche Naturkinder, und selbst ihre Gassenbubenstreiche kommen meistens aus einem so fröhlich kindlichen Gemüt, daß man sie trotzdem liebhaben muß.

Und wie treu waren sie ihrem Herrn ergeben! Sakiva und mein zweiter Boy Petro, dessen ganze Empfehlung, in Ermangelung des sonst üblichen Dienstbuches, ein bei einer Rauferei verlorenes Auge und der Umstand waren, daß er von einer Mission ausgerissen war, sind vom Anfang des Krieges bis zu meiner Gefangennahme zu Ende des dritten Kriegsjahres ohne einen Tag Urlaub mit mir in Deutsch-Ostafrika herumgezogen. Mein Koch Mohamadi, die Perle aller Köche, die ich mir erst erwarb, nachdem ich mich acht Monate mit einem Koch gequält hatte, unter dessen Händen alles, was er ansetzte, letzten Endes zu Irish stew wurde, war ebenfalls bis zum letzten Tage bei mir.

Auf dem Rückmarsch vom Posten Engaruka zu meiner Kompanie zur Zeit des Beginns der großen englischen Offensive Anfang 1916 war ich noch gerade eben vor dem Feinde durchgekommen. Meine Bagage, Koch, Boys, Wapagazi und Krieg hatte ich der Abteilung Aruscha übergeben, die im Begriff stand, große Bagage zur Mittellandbahn abgehen zu lassen. Diese Bagage fiel in die Hand des Feindes. Als bei dieser Gelegenheit alle Träger ausgerissen waren, rettete Mohamadi seine Kochkiste und jeder Boy eine Last. Anstatt sich nun mit diesen Schätzen in den nahen heimatlichen Urwald am Kilimandscharo – alle drei waren Wachagga – auf Nimmerwiedersehen zu verbergen, nahmen sie jeder seine Last auf den Kopf – was das für den Stolz eines Koches oder Boys bedeutet, versteht nur der Afrikaner – und suchten mich im ganzen großen Deutsch-Ostafrika. Erst nach fünfwöchigen Irrfahrten haben sie mich gefunden. Petro, der man immer ’n büschen dünn war, war zum Skelett abgemagert, und Sakiva raste derartig im Fieber, daß er gleich auf die Krankenliste mußte. Wer sich über die Wiedervereinigung mehr freute – meine drei schwarzen Kriegsgefährten, Krieg oder ich, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Gebärden taten wir uns alle fünf wie toll und – nach langer Zeit gab es zum erstenmal wieder etwas Schmackhaftes zu essen.

Das war ja gerade die Kunst von Mohamadi, daß er überall, unter allen Umständen, ob Proviant da war oder nicht, seinem Bana irgend etwas Schmackhaftes, appetitlich serviert, vorzusetzen wußte. Kaum war der Befehl zur Marschpause bis zur Trägerkolonne durchgedrungen, hatte Mohamadi schon ein oder zwei Pötte über seinem Feuer. Dauerte die Pause nicht lange genug, um das Essen fertigzumachen, dann nahm er die dampfende Speise mit auf den Marsch, um sie beim nächsten Halt weiterzukochen, zu rösten oder zu schmoren. War auch nur einer meiner drei Getreuen bei mir, dann war ich stets mit allem Notwendigen versehen. Leider hatten wir Berittenen die Bagage, die zu Fuß ging, nicht immer bei uns.