Doch zurück zum Bau der Kitanda. Auf das wie beschrieben entstandene Gestell wird eine dicke – am dicksten am Kopfende – Schicht weichen Heus gelegt, die wie eine Matratze durch schmale Baststreifen auf die Lade festgenäht wird. Nun ist die Kitanda fertig. Wenn man ein gutes Gewissen hat und nicht gar zu arg empfänglich für Flöhe ist, schläft es sich, in die Pferdedecken gewickelt, großartig darauf. Feinschmecker in Kitandaangelegenheiten, besonders solche, die auf das Federn des Unterbettes Gewicht legen, lassen über das Gestell nicht biegsame Stöcke legen, sondern angefeuchtete Rindshautstreifen kreuz und quer ziehen, die, wenn sie trocken werden und sich stramm eingespannt haben, ein sehr elastisches Unterbett bilden.

Wenn ich nicht in dem festen Glauben lebte, daß alles in der Natur wunderbar zu meinem endgültigen Besten eingerichtet sei, müßte ich mich doch wundern, warum Ungeziefer mich immer gerade an den Orten am meisten peinigt, von denen ich nicht weglaufen kann. Nie haben mich, trotz täglichen Kochens meines einzigen Hemdes und, wenn dieses trocken war, meiner einzigen Hose, Kleiderläuse so vorgenommen, wie während der denkwürdigen Tage, die ich als Kriegsgefangener in Kondoa eingesperrt war; wohl aus Mangel an Energie, einen andern Platz zu suchen, aus dem wir nicht ausbrechen konnten, hatten die Engländer uns in das alte Eingeborenengefängnis mit etwa hundert Buschnegern zusammengesperrt. Nie haben mich Wanzen so gepiesackt, wie in Ahmednagar hinter dem Stacheldraht. Nie im Leben bin ich so von Flöhen gebissen worden, wie in den Grashütten und Graskitanden unserer ostafrikanischen Feldlager, wo ich als Feldwebel doch nicht entweichen konnte. Weder die häufige Erneuerung des Bettheus noch die peinlichste persönliche Sauberkeit nützen das geringste. Um die Flöhe loszuwerden, hätte man jeden Sonnabend das ganze Lager abbrennen müssen. Das ging natürlich nicht. Daß wir so viele Flöhe in unsern Feldlagern hatten, war zum Teil freilich unsere eigene Schuld. Die meisten von uns hatten einen Hund, viele hatten zwei Hunde, Trommershausen deren fünf oder sechs, und Martin Köhler, der Schaf-, Hühner-, Bienen- und Brieftaubenzüchter vom Meru, selbstverständlich eine Hundezucht. Diese treuen Gefährten des Menschen und unser Troß von Dienern und Trägern schleppten die Flöhe getreulich von einem Lager zum andern.

Da ich doch mal bei dem Thema »Floh« bin, will ich gleich einen besonderen Vertreter dieser Spezies erwähnen. Er war mir eine neue Bekanntschaft; in Australien und Südafrika hatte ich diesen Floh noch nicht kennengelernt. Er ist von Amerika importiert und dann vom Westen nach dem Osten durch Afrika verschleppt worden. Er hopst nicht vergnügt und offenkundig durchs Leben wie unser Hausfloh, sondern versteckt sich heimlich im Staub und Sand und lauert dort tückisch unter dem Namen »Sandfloh« auf seine Opfer. Hat sich was Nacktes in den Sand gesetzt oder fegt der Staub über nackte Füße, dann sagt Vater Sandfloh zu Mutter Sandfloh: »So, Altsche, nun ist es Zeit, niederzukommen.« Flugs bohrt sich die Alte unter die nackte Haut unter oder an der Seite der Zehennägel oder da ein, wo sie sonst eine weiche Stelle oder eine besonders bequeme Hautpore findet, und der Besitzer dieser Haut hat wieder mal einen Sandfloh.

Zuerst winzig klein und kaum erkennbar, läßt Mutter Sandfloh nun ihren Eiersack unter der Haut wachsen und, wenn sie niemand stört, bringt sie es damit bis zur respektablen Größe einer Bohne. Schlau ist sie dabei, teuflisch schlau. Sie sticht nicht, sie beißt nicht, sie zwickt nicht, nur ganz leise kitzelt sie ihr Opfer, so daß der Unerfahrene die Gefahr nicht ahnt, die an der sanft errötenden Stelle seiner kleinen Zehe anwächst. Er fühlt weder einen Schmerz noch ein Brennen oder Jucken, sondern nur einen sanften, ich möchte sagen wollüstigen Kitzel.

Nun ist es die höchste Zeit, den Boy zu rufen und »tafuta funza« [suche den Sandfloh] zu sagen. Der Boy holt sich eine Nähnadel – denn er ist natürlich auch der Flickschneider seines Bana –, sterilisiert sie im Feuer oder in der Lichtflamme, hockt nieder, nimmt deinen Fuß auf seinen Schoß und operiert mit einem Geschick und einer Zartheit, die nur die Übung und das Leiden am selben Übel erzeugen können. Rechtzeitig gerufen, ist der Boy dieser Operation immer gewachsen, und in Gegenden vieler Sandflöhe, gegen die weder Reinlichkeit noch Stiefel und Strümpfe absolut schützen, läßt man sich am praktischsten seine Füße täglich vom Boy genau untersuchen. Bei der weiteren Entwicklung des Eiersacks und gar beim Auskriechen der Maden können schwere Entzündungen eintreten. Leute meiner Kompanie wurden wochenlang dienstuntauglich durch Mutter Sandfloh und ihre Zicken. Neger mit verkrüppelten Füßen und Löchern in ihrer Sitzfläche sind, besonders in der Nähe von Karawanenstraßen, keine Seltenheit. –

Ich begann in diesem Kapitel die Schilderung eines Tageslaufs eines ostafrikanischen Etatsmäßigen mit dem sanften Wecken meines Boys. Inzwischen ist es höchste Zeit geworden, aufzustehen. Die Tasse schwarzen Kaffees und eine Morgenzigarette in der Kitanda haben mich ganz munter gemacht. Also nun schnell ins Wasser! Denn vor dem Kompaniebüro treten schon die hundertfünfzig zur Kompanie gehörigen und die fünfzig von der Abteilung geborgten Wapagazi zur Arbeit an. Der Kompanieschreiber, Unteroffzier Horn, verliest ihre Namen, und der Unteroffizier vom Tagesdienst geht vor ihrer Front auf und ab, ärgerlich, daß er so früh hat aufstehen müssen. Kalt war es ganz infam, und Alkohol zum Zähneputzen war für Geld nicht mehr zu haben. Wir befanden uns damals in der Zeit, in der der europäische Alkohol, der noch im Lande war, nicht mehr bis an die Front kam. Er reichte nicht mehr für beide, für Etappenpersonal und Frontsoldaten. Der Fehler lag also beim Alkohol – nicht etwa beim Etappenpersonal. Ein Hoffnungsstrahl leuchtete aber bereits hinein in diese trockene, durstige Zeit. Amani, die biologisch-landwirtschaftliche Versuchsstation, war daran, einen Whiskyersatz zu erfinden.

Die Träger waren natürlich nicht vollzählig zur Stelle, und die besten Listen des Unteroffiziers Horn stimmten mal wieder nicht. Unteroffizier Horn, Missionsbautechniker aus Aruscha, von der Kompanie »der Gesundbeter« genannt, ein unermüdlicher Arbeiter und der bravsten Soldaten einer, konnte noch so lange Reden halten, der Feldwebel und der Kompanieführer konnten – in umgekehrter Reihenfolge – sich noch so böse stellen, die Listen stimmten auf den ersten Anhieb nie mit den Trägern überein.

Die Trägeraufseher, meistens nur dadurch kenntlich, daß sie träger waren als die Träger und einen Regenschirm besaßen, und drei frühere Polizeiaskari, die der Trägerkolonne als Wächter zugeteilt waren, suchten nun die Trägerhütten heim und brachten die Drückeberger zum Vorschein. Unteroffizier Horn zählte sie und las die Namen nochmals vor, was nicht so einfach ist wie etwa beim Militär zu Hause. Die Neger sind so frühmorgens noch ganz dösig, und viele haben in ihrem Leben schon so viele »Alias« gehabt, daß sie sich, aus dem Halbschlaf plötzlich aufgeschreckt, auf ihren gegenwärtigen Namen nicht besinnen können. Es stimmte also immer noch nicht. Die Hospitalkranken wurden aufgerechnet, die Revierkranken zur Seite gestellt. Stimmte immer noch nicht genau, aber wir waren nicht mehr ganz so weit entfernt von der Richtigkeit. Da fiel dem Unteroffizier Horn plötzlich ein, daß er gestern sechs Träger zur Etappe Geraragua geschickt hatte, die noch nicht zurück waren. Na also! Der erste große Kampf des Tages war beendet.