Inzwischen war der Kompaniebaumeister, der Unteroffizier Karl Blaich, auf der Bildfläche erschienen – einer unserer umsichtigsten Patrouillenreiter und, ehe wir Buren zur Kompanie bekamen, wohl neben Unteroffzier Thiele der beste Porikenner und Patrouillenspitzenreiter. Karl Blaich war von deutschen Eltern in Palästina geboren, dort groß geworden, und manchen langen Patrouillenritt hat er mir verkürzt mit der Schilderung der dortigen Siedlungsverhältnisse. Seine beiden Vettern Gotthilf und Bernhard Blaich, der letztere wegen seines jugendlichen Aussehens von den Kameraden »Mariechen« genannt, waren ebenfalls bei der Kompanie. Deren Vater, ein schon älterer, aber noch rüstiger Mann, hatte ein hübsches Anwesen im Aruschabezirk, und wer mal sehen will, was eine fleißige Familie mit geringen Anfangsmitteln aus Wald- und Steppenboden Ostafrikas in wenigen Jahren machen kann, braucht nur Vater Blaich am Ussa zu besuchen.
Vater Blaichs Gastfreundschaft kannte keine Grenzen. Meine Kompanie hat eine Nacht bei ihm in Quartier gelegen. Das war Ende 1915. Wenn die Kompanie später mal ausnahmsweise – durch die Unvorsichtigkeit irgendeines Etappenfritzen – was Gutes zu essen erwischte, dann sagte August Dehnecke, der soviel verdrücken konnte wie zwei gewöhnliche Sterbliche, in seinem langsamen, tiefen Baß: »So gut wie bei Mutter Blaich ist es doch nicht!« Das Essen bei Mutter Blaich war der Maßstab geworden, an dem die Kompanie seit jenem unvergeßlichen Quartier alle materiellen Genüsse maß.
Während alle andern, die nicht auf Patrouille waren, sich im Lager aalten, mußte der Unteroffzier Karl Blaich immer gleich wieder ins Geschirr, sobald er von Patrouille zurückkam. Unteroffzier Blaich baute. Wie im Hades Sysiphos nie aufhört, den schweren Stein zu rollen, so hörte Karl Blaich nie auf zu bauen. Er baute aus Gras Soldatenwohnungen, Pferdeställe, Latrinen, Küchen, Trägerhütten ohne Zahl. War ein Lager halb, drei Viertel oder gar neun Zehntel fertig, dann wurde es sicher aus strategischen Gründen verlegt, und Karl Blaich mußte wieder neu anfangen zu bauen. Wenn Karl Blaich Fieber hatte, baute er Graspaläste in seinen Fieberträumen, einen noch kunstvoller als den andern. Alpdrücken äußerte sich bei ihm in Bauten, die nicht in Reih und Glied oder lotrecht stehen bleiben wollten.
Heute war Karl Blaich nicht auf Patrouille, folglich baute er heute. Ob es ein Sonntag oder ein Wochentag war, wußte in der ganzen Kompanie höchstens der Gesundbeter. Karl Blaich wußte es nicht. Er baute. Alle Träger, die nicht bestimmt waren, Futtergras für die Reittiere zu schneiden oder Proviant für Mensch und Tier von der nächsten rückwärtigen Etappe zu holen, bekam Unteroffizier Blaich zugeteilt. Mit Hilfe seines Adjutanten, des Gefreiten Knepper aus Sachsen, teilte er die Träger flink zur Arbeit ein.
Der Gefreite Knepper, im Zivilberuf Missionshandwerker, war die wandelnde Handwerkerstätte. Was er in seinen bauschigen Hosentaschen nicht bei sich trug, braucht man auch im Felde nicht. Wie seine Hosentaschen, die ihm wachend oder schlafend stets ein Viertel Meter von den mächtigen Schenkeln abstanden, waren auch die enormen Packtaschen am Sattel seines Reittieres bis zum Platzen gefüllt. War jemandem aber auf dem Marsch der Bügelriemen, der Bauchgurt gerissen oder am eigenen Leibe etwas abgesprungen oder geplatzt, so hatte sicher der Gefreite Knepper Handwerkszeug und Flickmaterial in der Tasche. Es bedurfte nur einiger, seine Fürsorge lobender Worte, und sofort beugte sich Kneppers großes, vor Gutmütigkeit strahlendes Gesicht über den reparaturbedürftigen Gegenstand. Während er fädelte und flickte, erzählte er gerne, wie er sich als Handwerksbursche auf der Walze durch Europa angewöhnt habe, stets eine Miniaturtischler-, -schneider- und -sattlerwerkstätte in seinen Hosentaschen mitzuschleppen.
Noch eine Gewohnheit hatte der Gefreite Knepper von der Walze her. Wenn wir auf nächtlicher Schleichpatrouille so dicht am Feinde waren, daß wir weder absatteln noch unsern Mantel abschnallen durften, aber diejenigen, die nicht gerade Posten standen, doch mit dem Zügel im Arm gern ein wenig pennen wollten, dann zog Knepper seine Jacke aus und wickelte sie um Füße und Beine bis zum Knie. Er behauptete, wenn die Beine warm wären, wäre der ganze Körper warm. In einer solchen Nacht, in der die Hundekälte mich nicht einschlafen ließ, dachte ich an Kneppers Worte und wickelte mir meine Jacke um die Füße. Bei mir funktionierte die Methode, die auf Kneppers Jugend und Konstitution zugeschnitten sein mochte, leider nicht. Mich fror schlimmer als zuvor, und am nächsten Tage hatte ich einen tüchtigen Schnupfen. Ob an dem von Knepper vertretenen alten Wanderbrauch was Wahres ist, können meine jüngeren Leser, wenn sie mal draußen nächtigen, leicht an sich selbst ausprobieren. Darüber diskutieren können wir mit dem stets hilfsbereiten Gefreiten Knepper leider nicht mehr, denn auch er ist ein Opfer des Krieges geworden.
Blaich und Knepper stellten also die Träger an. Die einen hatten Löcher in die Erde zu machen zur Aufnahme der Hauspfeiler, andere wurden in den Urwald geschickt, um das Holz zu holen, und wieder andere in die Steppe, um langes Gras zum Decken zu schneiden. So eine Grashütte zu bauen ist kein großes Kunststück für den, der einmal beim Bau mit offenen Augen zugesehen hat. Wenn ich es hier näher beschreibe, so tue ich das nur für die Leser, die noch nicht in Grashütten lebten – alte Afrikakrieger mögen getrost eine Seite überschlagen.
Nachdem Karl Blaich mit einem Bastseil den rechteckigen Grundriß der Hütte auf einem Stück vorher planierten Bodens sorgfältig und im Einklange mit dem Lagerplan festgelegt hatte, ließ er auf den Ecken vier starke Holzpfeiler einsetzen, zwei Meter hoch, mit den Gabelenden nach oben. Zwischen diese wurden auf den beiden Kurzseiten des Rechtecks zwei vier Meter hohe Pfeiler gepflanzt, die den Firstbalken tragen sollten; je steiler das Dach wird, desto leichter läuft der Tropenregen von ihm ab. Auf den beiden Langseiten des Rechteckes wurden in Abständen von einem Meter etwas schwächere Pfeiler gesetzt, von gleicher Höhe wie die Eckpfeiler und mit diesen hübsch eingerichtet. In die Gabeln sämtlicher Pfeiler der Langseiten wurden die Dachbalken und in die Gabeln der Firstbalkenträger der Firstbalken gelegt. Dann wurden, damit sich beim Auflegen des Daches die beiden Seitenfachwerke der Hütte nicht nach außen legten, diese durch selbstgedrehte starke Bastseile miteinander und mit den Firstbalkenträgern verbunden. Damit war das Skelett der Grashütte fertig.
Inzwischen haben einige besonders begabte Neger die Dachsparren an ihrem dicken Ende je mit einer Einkerbung versehen, die über den Firstbalken fassen soll. Die Dachsparren wurden je nach ihrer Stärke näher zusammen oder weiter auseinander aufgelegt, und dann wurden alle Holzteile dort, wo sie sich treffen, mit Bast fest miteinander verschnürt. Jetzt stand das Fachwerk so sicher, daß ein Dutzend Neger darauf klettern und auf die Dachsparren die Dachlatten anbinden konnten, die irgendeinem Gesträuch, möglichst ähnlich unsern Weidenruten, entnommen wurden. Mit demselben Material wurde das Fachwerk der Wände, den Tür- und Fensteröffnungen Rechnung tragend, überbunden. Nun erst war der Moment da, wo das Gras beim Grashüttenbau zur Geltung kam. Das Grasdach wurde gelegt wie bei uns zu Hause ein Schilfdach, nur weniger dick und, da wir doch bald wieder umziehen würden, einstweilen weniger sorgsam; ehe die Regenzeit kam, wurden alle Hütten noch mal nachgedeckt. Die Fachwände wurden auf gleiche Weise wie das Dach mit Gras verkleidet. Damit war Unteroffizier Blaichs Aufgabe vollendet.
Für die weitere Außen- und die gesamte Innenarchitektur wurde dem Geschmack und der Phantasie der rauhen Krieger, die die Hütten bewohnen sollten, der weiteste Spielraum gegeben. Diejenigen, die gerne mauschelten und pokerten oder aus sonst einem Grunde wünschten, daß das Auge des Kompanieführers nicht so ohne weiteres in ihr Heim einblicken konnte, sorgten durch Tür, Fenster oder vorgebaute Grasschirme dafür. Die meisten waren Liebhaber von Luft und Licht. Sie ließen nach der Lagergasse zu die Wände eines Teils ihrer Hütte nur bis zur halben Höhe mit Latten und Gras bekleiden, so daß ein geräumiges Verandazimmer entstand, das als Wohn-, Eß- und Besuchssalon diente. Hier standen die prächtigsten Tische, Sofas und Klubsessel, die aus biegsamen Ruten, Gras und Bast hergestellt waren; in dieser Kunst entwickelte sich mit der Zeit eine solche Fertigkeit, daß man glauben konnte, in einer Gartenmöbelausstellung zu sein. Nicht nur das Tragegerüst für Sättel und Zaumzeuge, sondern auch aus alten illustrierten Zeitungen entnommene Bilder, ein aus Kistenbrettern gezimmerter Geschirr- und Tassenschrank, ja zuweilen bunte Gardinen oder sogar ein von zarter Hand gestifteter rosa Lampenschirm zierten den Raum. Von ihm aus trat man durch eine Tür in das als Schlafzimmer dienende Gemach, in dem sich die schon beschriebene Kitanda befand und neben ihr, so daß man sie mit einem Griff erreichen konnte, Haken für Gewehr und Patronengurt. Um jede Hütte war ein Abflußgraben für Regenwasser gezogen. –