Der Gesamtplan unserer verschiedenen Kriegslager war mit jeder neuen Lageranlage zweckentsprechender geworden. Das erste Lager, unten in der Niederung zu beiden Seiten des Engare Nairobi, war ein wildes Durcheinander von Hütten, Ställen und Küchen gewesen, so daß selbst seine Bewohner im Dunkeln nur mit Mühe ihr Quartier oder ihr Pferd finden konnten; als ich einmal vom Posten Olmolog aus auf einige Stunden zu Besuch dort war, mußte ich mir einen ortskundigen Führer nehmen. Es war jedem Krieger erlaubt worden, seine Hütte mit Hilfe seiner Boys da zu bauen, wo es ihm gefiel. So glich das Ganze mehr einem Chinesenviertel, und bald war das Lager von Malaria und Typhus durchseucht. Auch im Lagerbau fehlte es zu Anfang des Krieges eben an Erfahrung und Organisation.
Unser zweites Lager, das ich eben beschreibe, war namentlich aus Gesundheitsrücksichten auf den »Doppelberg«, der wohl hundert Meter aus der Steppe herausragte, verlegt worden. Seiner Anlage kam schon das Organisationstalent von Oberleutnant Büchsel zustatten.
Geradezu eine Musteranlage aber war unser letztes großes Kriegslager am Engare Olmotonje auf einer Anhöhe am Urwaldrande des Meru, in der Nähe von Aruscha. Später, als die große feindliche Offensive begonnen hatte, kamen wir nur noch zweimal dazu, den schwachen Versuch zu einem Lagerbau zu machen, über wenige Hütten kam es aber nie mehr hinaus.
Dieses Lager bei Aruscha wurde in der Form eines großen Rechteckes angelegt, dessen eine Kurzseite als Lagerzugang offen blieb. In der Mitte des Rechtecks lagen in einer schnurgeraden Linie Stall neben Stall. Diesen parallel, auf der einen Langseite des Rechtecks, standen zwei Reihen hübscher Soldatenwohnungen, die so belegt waren, daß die zu einem Zug gehörige Mannschaft stets in der Nähe ihres Stalles wohnte. Hinter den Soldatenwohnungen, etwas in den Busch hineingedrückt, lagen die Hütten der Boys und die Küchen. Noch mehr in den Busch hinein waren die Latrinen ausgehoben, getrennt für Europäer, Askari und Troß.
Nach den ersten bösen Erfahrungen waren die Latrinen stets die ersten Baulichkeiten, die angelegt wurden. Sie mußten fertig sein, ehe eine Hand zum Lagerbau erhoben werden durfte. Dafür sorgte mit unerbittlicher Strenge unser Sanitätsfeldwebel Stein. Auch wenn wir auf unsern späteren Wanderungen kein Lager mehr bauten, sondern nur infolge eines Haltbefehls die Möglichkeit entstand, daß die Kompanie an dieser Stelle einen Tag liegenbleiben könnte, wurden Latrinen ausgehoben.
Zwischen den Ställen und der andern Langseite, an der die Offizierswohnungen, ebenfalls mit den Küchen dahinter, lagen, war eine breite Lagergasse, auf der die ganze Kompanie bequem mit ihren Tieren antreten konnte. Die zweite Kurzseite des Lagers wurde in der Mitte durch mein Feldwebelbüro geschlossen. Links davon befand sich das Magazin und rechts die Kasse, Kammer und Handwerkerstube. Nahe außerhalb des Lagers lagen lange niedrige Hütten für die Wapagazi, ferner die Viehhöfe, der Schlachthof und zwei Reitbahnen – sagte ich zuviel: »eine Musteranlage«?
Die Kasse, die zugleich unsere Bankstelle war, verwaltete mit vieler Umsicht der Agrarier und Vizewachtmeister Mittag. Bei ihm hoben wir unser Verpflegungsgeld, Kleidergeld und Löhnung bzw. Gehalt ab, und da wir mit letzteren nicht recht was anzufangen wußten, der Staat das Geld aber recht gut brauchen konnte, zahlten die meisten ihre Löhnung gleich wieder als Kriegsdepot ein. Der Gefreite Storch, der – weiß Gott, warum – immer nicht mit seiner Löhnung auskam, erschien unerwartet auch mal an der Kasse, um ein Kriegsdepot zu eröffnen. »Mensch«, sagte der Kassenführer, »es freut mich doch, daß Sie endlich auch vernünftig werden.« – »Ja«, antwortete Storch, »da alle Kameraden ein Depot haben, will ich die Sache doch auch mitmachen. Ich habe mir dazu von einigen guten Freunden hundert Rupien zusammengepumpt. Hier sind sie!«
Alle unsere Gebäude – mit einziger Ausnahme der Dächer der Ställe, die, wie es sich für einen guten Reitersmann schickt, den Vorzug vor seiner eigenen Behausung hatten und mit Wellblech belegt waren – bestanden, wie wir gesehen haben, ausschließlich aus Naturholz und Gras, zusammengehalten durch selbstgewonnenen Baumbast. Kein Eisennagel oder Stahlstift war im ganzen Gebäude verwendet, nichts, woran ein Fabrikant oder Kaufmann auch nur einen Heller hätte verdienen können. Wir waren ganz zum primitiven Naturzustand zurückgekehrt. Und doch, wie wohnlich konnte solch ein Kriegslager sein, wie heimisch konnte man sich in ihm fühlen!
In ihm konzentrierte sich alles, was das Leben noch an Annehmlichkeiten bot. Die Sehnsucht zum Lager ließ den Rückmarsch von einer Fernpatrouille stets bedeutend länger erscheinen als den Ausmarsch, obwohl die Tiere, alle Müdigkeit vergessend, auch mit aller Macht dem Lager zustrebten. Im Lager harrten des dreckigen Patrouillenreiters die freundlichen Gesichter der Freunde und Kameraden, froh, daß er diesmal noch nicht geschnappt war. Es harrten seiner die neuesten Kriegsnachrichten. Es harrten seiner die Boys mit dem fertigen Bade, der reinen Wäsche und einem guten Schlag Essen. Es harrte seiner die Ruhe des Körpers und der Nerven – d. h. wenn er nicht zufällig Kompaniefeldwebel war.
Das Lager war die Heimat, die einzige Heimat, die wir noch hatten. Von der fernen Heimat, von den Lieben zu Hause waren und blieben wir seit Kriegsausbruch dauernd abgeschnitten. Kein Brief erreichte sie oder uns. Nach zweieinhalb Jahren, als ich bereits sechs Monate in Gefangenschaft war, bekam ich den ersten Brief aus der Heimat. Mit Zagen habe ich ihn geöffnet. Wie viele meiner Verwandten und Freunde schlummerten schon längst im Heldengrab! Ja, den Gedanken an die ferne Heimat durfte der ostafrikanische Krieger nicht aufkommen lassen – seine Heimat war das Lager, die Kompanie und die Herzen seiner Kameraden. –