Unteroffzier Karl Blaich hatte also seine Wapagazi angestellt und ging zum Frühstück. Es war 6 Uhr 15 geworden, gerade noch Zeit für mich, um vor Beginn des Stalldienstes und meiner Bürostunden ebenfalls behaglich zu frühstücken. Das Fenster meiner Hütte, an dem ich das zu tun pflegte, lag nach Osten mit der Aussicht auf den Kilimandscharo und die diesem vorgelagerte Shirakette, bewaldete Höhen, deren Urwald in die Steppe hinein bis auf etwa acht Kilometer an unser Lager heranreichte. Durch die Shirakette hat sich der Engare Nairobi Bahn gebrochen, im großen Bogen windet er sich durch die Steppe, im ganzen Laufe durch hohe Bäume und Baumgruppen an seinen Ufern kenntlich; er fließt nahe am Fuße des Doppelberges vorbei, um dann, zwei Kilometer weiterhin in der Steppe, in einen Sumpf zu enden. Es war ein herrliches, immer wieder erhebendes Schauspiel, die Sonne über den Schneegefilden des Kibo, der sich mir hier als Halbkugel zeigte, aufgehen und allmählich die Nebel und Schatten vertreiben zu sehen, bis endlich Urwald und Steppe in voller Sonnenpracht leuchteten.
Die Sonne geht in der südlichen Breite des Kilimandscharo das ganze Jahr über ungefähr um sechs Uhr morgens auf und um sechs Uhr abends unter.
Meine Frühstückspause im Genuß der schönen Aussicht war die einzige Zeit des Tages, die mir einigermaßen allein gehörte und mir ganz allein gehört hätte, wenn das Telephon nicht gewesen wäre. Einmal mindestens an jedem Morgen wurde sie durch die Telephonordonnanz unterbrochen mit den Worten: »Bana Feldwebel, sim imekuja« [das Telephon ist angekommen], und wenn es nur der erste Tagesanruf vom Kommando in Moschi war, der feststellen sollte, ob über Nacht die Giraffen nicht wieder mit dem Telephondraht abgegangen seien oder ob ein Zebra, sich an einem Telephonpfahl scheuernd, diesen umgeworfen habe. Aufregende Meldungen gab es zwischen sechs und sieben Uhr morgens, wo die meisten Herrn mit dem höheren Gehalt noch ruhten, in dieser Kriegsperiode kaum.
Ich höre den Unteroffizier vom Dienst durch das Lager zum Stalldienst rufen, und schnell statte ich noch meinem Halbblutpferdehengst Otto, der dem Herrn Feldwebel an Stelle des Maultiers Alphons zugeteilt worden war, einen Besuch ab; denn Punkt sieben Uhr durfte ich meinen Kompanieführer bereits im Büro erwarten. Die Tierpflege spielte sich in jener Übergangsperiode von einer berittenen bewaffneten Farmerschar zu einer Kompanie in der Weise ab, daß zwar jeder Schütze für die Pflege seines Reittieres verantwortlich war und zum Stalldienst erscheinen mußte, aber die eigentliche Arbeit seinem schwarzen Boy überlassen konnte. Jedem Schützen standen zwei von ihm selbst bezahlte und von der Truppe verpflegte schwarze Diener zu.
Unsere Schützen erschienen also zum Stalldienste. Die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife oder Zigarette im Munde, lebhaft oder noch schläfrig miteinander plaudernd, standen sie bei ihren Tieren und sahen zu, wie diese von ihren Boys gefüttert, aufgestallt, geputzt und gestriegelt wurden. Ein Tierpfleger von Natur, wie ich ihn z. B. in dem Basutokaffer in Südafrika kennenlernte, ist der ostafrikanische Neger nicht. Er hat keine Sympathie mit dem Reittiere. Woher sollte er sie auch haben? Keiner der ostafrikanischen Negerstämme hat je Reittiere gehabt außer vielleicht einigen störrischen Eseln, die ihnen aber nicht zum Reiten, sondern zum Lastentragen dienen. Der Negertierpfleger war nur ein Notbehelf, aber, wie es uns schien, ein unvermeidlicher. Denn die wenigen Leute der Kompanie, auf denen der ganze Aufklärungsdienst ruhte und die infolgedessen viel häufiger an die Reihe kamen, Patrouillen zu reiten, als es bei einer größeren Kavallerietruppe der Fall gewesen wäre, sollten doch während der wenigen Tage im Lager möglichst Ruhe haben, um sich körperlich und geistig aufzufrischen. Lassen wir sie darum die Stunde des Stalldienstes, morgens und abends, unter Lachen und Scherzen die letzten Patrouillenerlebnisse, die neuesten europäischen und afrikanischen Kriegsnachrichten erörtern und Lagerwitze austauschen. –
Ich mußte nun zurück in das Büro, allwo Unteroffizier Horn dem Kompanieführer bereits die eingelaufenen Postsachen vorlegte. In den ersten Wochen als Kompaniefeldwebel bin ich nun den ganzen lieben langen schönen Tag nicht mehr aus dem Büro herausgekommen, außer wenn ich die Kompanie zum Dienstempfang antreten ließ oder, zum Abteilungsführer Hauptmann Fischer befohlen, nach dem Telephonhügel hinüber ritt, um mir einen wohlverdienten Anpfiff abzuholen, der für das Telephon zu kompliziert war. Eine Tasse Kaffee bekam ich dann hinterher zur Beruhigung. Ich hätte nie für möglich gehalten, daß ein gereifter Mann noch soviel Bockmist anstellen könnte, bis er den täglichen Stärkenachweis so abzufassen versteht, wie der Abteilungsführer es haben will. Und ich hatte mal geglaubt, die ganze Kunst, Feldwebel zu spielen, bestände darin, wichtig auszusehen, gelegentlich Urlaub zu befürworten und sich dafür zu Weihnachten ein Piano schenken zu lassen!
Arbeit gab es im Büro, daß einem bange davor werden konnte. Außer einem Haufen unsortierter Akten und Schriftstücke, unfertiger Stammrollen der Mannschaften und einer angefangenen, aber nicht fortgeführten Stammrolle der Reittiere fand sich nichts im Büro vor. Mit Macht stürzte sich der neue Kompanieführer über dieses Chaos her, und mit der seinen Jahren zuständigen Ruhe folgte ihm der neue Feldwebel bedächtig nach. So ergänzten sich Oberleutnant Büchsels Arbeitswut und meine Ruhe ganz glücklich. Besondere Schwierigkeit machte die Stammrolle der Tiere. Es kamen von ihren früheren Besitzern Gesuche um Ausstellung von Requisitionsscheinen über Reittiere, die schon längst im Gefecht gefallen waren und die weder mein Chef noch ich je gekannt hatten. Dann entstand eine wilde Korrespondenz. Wer hat das Tier requiriert? Welcher Preis war vereinbart? Wer weiß, wo und wann das Tier geblieben ist? und so weiter, bis wir uns zu jemandem durchgefragt hatten, der die nötigen Angaben machen konnte. Nachdem der ganze Aktenstapel durchgeackert war, wurden sie in verschiedene Mappen klassifiziert. Es wurde ferner ein Korrespondenzjournal, es wurde eine Vorlage- und eine Wiedervorlagemappe eingerichtet. Es wurde ein Befehlsbuch geschaffen, in dem täglich die Kommando-, Abteilungs- und Kompaniebefehle eingetragen wurden. Zur Ergänzung des letzteren führte ich noch ein Dienstbuch, aus dem ich übersichtlich entnehmen konnte, wer für Wache, Patrouille, Vorposten, Arbeitsdienst oder Unteroffizier vom Dienst an der Reihe und zu kommandieren war.
In alle diese Arbeiten bimmelte Sim den ganzen Tag munter hinein, war doch der Apparat in meinem Büro vorläufig der einzige am Doppelberg. Die 21. Askarikompanie, die auf dem Kamme des Berges lag, und unser jüngeres Konkurrenzunternehmen, die »Fliegenden Hunde«, die jenseits der Einklüftung hausten, von der der Berg seinen Namen hatte, besaßen keine Telephonanlage. Das war zwar unter dem Gesichtspunkte der Anciennität sehr richtig, aber insofern doch unbequem, als nun ihre Telephonordonnanzen den ganzen Tag vor meinem Büro herumlungerten und es in diesem ein ewiges Gerenne und Gehaste von Telephonbesuchern gab – bis Karl Blaich ein Einsehen hatte, eine besondere Telephonbude vor meinem Büro baute und den ganzen Laden dort hineinsteckte. Übrigens mußten alle eingehenden und ausgehenden Telephongespräche, die meine Kompanie angingen, natürlich auch gebucht werden. Also schon wieder ein Buch mehr.
Die allergrößte Aufgabe des Kompaniebüros, um deren Lösung sich der geniale Unteroffizier Rimpler als Nachfolger des Unteroffziers Horn sehr verdient machte, war die Ausarbeitung eines Inventarienkontos. Es hat viele Monate gekostet, es fertigzustellen. Alles Inventar der Kompanie mußte doch verbucht sein! Vorläufig wußte aber kein Mensch, was Kompanie- und was Privateigentum der Schützen war. Viele der Farmer hatten sich zwar über die von ihnen in den Krieg mitgebrachten Reittiere, Waffen, Zelte und sonstige Ausrüstungsstücke nachträglich von irgendwem einen Requisitionsschein ausstellen lassen, aber diese Scheine erschienen doch nicht rechtsgültig, da auf ihnen der Einnahmevermerk der Kompanie und der Hinweis auf Seite und Nummer des Inventarienkontos fehlten, und überhaupt mußten doch erst einmal all diese Transaktionen zusammenhängend und übersichtlich verbucht werden. Man glaubt gar nicht, wieviel Schreibarbeit im Kriege unerläßlich notwendig ist!