Bei der Inventaraufnahme stellte sich aber auch heraus, daß immer noch eine Menge militärischer Ausrüstungsstücke Eigentum der Schützen waren. Das führte zu bedenklichen Komplikationen. Wenn z. B. bei einer Sattelrevision festgestellt wurde, daß dieser oder jener Sattel das Tier drücke und deshalb umzutauschen sei, dann kam der Einwurf: »Herr Wachtmeister, der Sattel ist mein Privateigentum.« Der Farmer hatte Sattel und Tier mit in den Krieg gebracht, das Tier aber, das zu dem Sattel gepaßt hatte, war tot. Was war da zu tun? Wir konnten doch nicht dem Eigentumssattel zuliebe ein zu diesem passendes Tier suchen! Andererseits litt die Kompanie derartig Mangel an brauchbaren Sätteln und Ausrüstungsstücken überhaupt, daß sie die Privatstücke der Mannschaft gar nicht entbehren konnte. Die Lösung dieses Dilemmas geschah nun auf die Weise, daß ich in das Befehlsbuch den neuen Kompaniebefehl einzutragen hatte: »Eigentümer müssen ihre Ausrüstungsstücke an die Kompanie verkaufen.« Und dann gab es wieder neue Inventarstücke zu buchen. –

Während der Kompanieführer, Rimpler und ich im Büro schufteten und ich unter freundlicher Mitwirkung von Sim zum erstenmal in meinem Leben merkte, daß der Mensch seine Nerven fühlen kann, ritten die glücklicheren Kameraden lustige Patrouillen, aalten sich im Lager und schimpften auf die Verpflegung. Letzteres war unzeitgemäß, denn die Kompanie fing eben schon an, neben der Verpflegung, die die Etappe lieferte, auf eigene Rechnung Vorräte einzukaufen und an die Mannschaften zum Einkaufspreise weiterzugeben.

Bisher hatte das Kompaniemagazin nur die Aufgabe gehabt, die von der Etappe gelieferte Verpflegung an die Farbigen weiterzuverteilen und an die Europäer a conto ihres Verpflegungsgeldanspruches von monatlich neunzig Rupien weiterzugeben. Jeder Europäer hatte nehmen müssen, was die Etappe zufällig schickte; er mußte Tabak nehmen und dafür zahlen, ob er Raucher war oder nicht, er mußte Ölsardinen kaufen, und wenn ihm übel davon wurde. Das wurde jetzt anders. Der Schütze Bruno Muhl, ein Kaufmann aus Aruscha, wurde Magazinverwalter und kaufte nun ein: von unsern eigenen, peinlichst geheimgehaltenen Bezugsquellen in der Landschaft Speck, Wurst, Butter, Eier, Käse, Gemüse, Obst, und in den Küstenstädten Tabak, Zigarren, Zigaretten, Zucker, Schokolade und vor allem Alkohol, der, in Amani entdeckt, jetzt von vielen unternehmenden Leuten, meistens Griechen, in allen möglichen zweifelhaften Qualitäten, aber in unzweifelhaft großen Quantitäten hergestellt wurde. Das alles verkaufte Muhl in seinem Laden an Offiziere und Mannschaft zum Selbstkostenpreis weiter, jedem, was er haben wollte, und legte am Zahltage prompt seine Monatsrechnung vor.

Angespornt durch den Beifall, den dieses erste eigene Handelsunternehmen der Kompanie allgemein fand, befaßte sich die Kompanie dann auch mit dem Ankauf größerer Posten von Unterzeug, Hemden, Strümpfen, Handtüchern usw., lauter Sachen, deren Mangel um diese Zeit schon bedenklich fühlbar zu werden anfing. Der Soldat erhielt monatlich fünfundzwanzig Rupien Bekleidungsgeld, war also kaufkräftig.

Mit hartnäckiger Ausdauer erließ ferner unser neuer Chef eine Bedarfsanzeige nach der andern an das Etappenkommando für Ausrüstungsstücke. Da ging es mit einem Male, und nach und nach konnten die alten vorsintflutlichen Sättel und verschiedenkalibrigen Jagdgewehre abgestoßen werden. Ganz gleichmäßig mit dem Karabiner 98 konnte unsere Kompanie freilich erst ausgerüstet werden, nachdem die Ladung des vor Tanga im April 1915 durch die Engländer versenkten Blockadebrechers doch noch geborgen worden war.

Zu jener Zeit wurde auch in Afrika mit aller Kraft an der Heeresvermehrung gearbeitet. So wurde auch alles, was an Pferden und Maultieren im Innern der Kolonie noch aufgebracht werden konnte, aufgekauft, und jede der beiden Berittenen Kompanien erhielt etwa zwanzig neue Reittiere. Aber die dazu gehörenden europäischen Reiter konnte uns das Kommando wegen der allgemeinen Heeresvermehrung nicht mehr abgeben, nur noch Askari, die im ganzen Lande in vielen Rekrutendepots immer neu ausgebildet wurden.

In meiner Kompanie erhielt der Sergeant, spätere Vizewachtmeister Schmid, vor dem Kriege Polizeiwachtmeister im Aruschabezirk, der 1917 den Heldentod fand, den schwierigen Auftrag, die Negersoldaten im Reiten auszubilden. Schmid war bei der Feldartillerie Futtermeister und Reitlehrer gewesen und hatte jahrelang Rekruten ausgebildet – wenn also einer der Aufgabe gewachsen war, so war er es. Trotzdem war das Resultat wenig befriedigend. Unter den uns zugeteilten Askari waren einige Somali, Leute, die vielleicht selbst nie geritten hatten, aber deren Stamm in Englisch-Somaliland doch Reittiere besitzt; diese ließen sich leidlich an. Die andern Askari aber, die aus Deutsch-Ostafrika stammten, haben das Reiten nie gelernt, wenigstens nicht in den sechzehn Monaten, in denen ich sie beobachten konnte. Sie lernten auf den Tieren zu hängen, Schritt, Trab und, wenn das Gelände sehr gut war, auch Galopp zu reiten, ohne abzufallen, aber auch dabei war nicht der Wille des Reiters, sondern der des Tieres der maßgebende Faktor. Der Neger Deutsch-Ostafrikas ist einmal nicht im Einklange mit dem Reittier, er kennt es nicht.

Mit den Reittieren waren Sättel angekommen – leichte, elegante Sättel, wie sie sich nur der feine Stadtherr, der täglich eine Stunde spazierenreitet, andrehen lassen kann. Das Bedenklichste an ihnen war die Steigbügeleisenweite. Als die Askari zum erstenmal beritten gemacht wurden, konnten die meisten ihre breiten Negerfüße – Stiefelnummer 13! – nur seitwärts in die Steigbügel hineinschieben. Auf das Kommando »Absitzen« saßen viele in den Bügeln fest. Einer saß so fest, daß er überhaupt nicht mehr los kam, obwohl Sergeant Schmid es mit einem Hammer versuchte. Der unglückliche Askari glaubte bereits, zeitlebens auf dem Rücken des ihm höchst unsympathischen Reittieres verbleiben zu müssen, bis ich die Situation löste und den Askari mitsamt seinem Sattel vom Rücken des bockenden Maultieres abstreifen ließ. Dann wurde er hingelegt und befreite sich vom Sattel, indem er die Stiefel auszog; letztere mußten dann aus den Steigbügeleisen herausgemeißelt werden. Es dauerte lange, bis wir Steigbügeleisen auftrieben, die zu den Askarifüßen einigermaßen paßten.

Etwa gleichzeitig mit den Askari erhielten wir auch zwei neue Offiziere. Oberleutnant Meyer, ein aktiver Schutztruppenoffizier, ein baumlanger Hannoveraner vom Siebenmeyerhof, mit dessen Onkel ich in meiner Jugend in Verden acht Wochen geübt hatte, wurde von der 9. Feldkompanie zu uns versetzt und erhielt den zweiten Zug, zu dem auch die Reitaskari gehörten. Kurz zuvor war Oberleutnant Trappe, ein Viehfarmer des Nordbezirkes, zur Kompanie gekommen; er führte den dritten Zug.

So waren wir nun zu größeren Taten gerüstet.