So als Schließender hinter der Kompanie durch das Pori zu reiten hat seine Schattenseiten, besonders wenn der Wind von vorne kommt und Reitaskari bei der Kompanie sind. Staub setzt sich in alle Poren und bildet allmählich, mit dem Schweiß gemischt, eine feste Kruste über der Haut. In den ersten beiden Stunden nach dem Ausrücken war ich außerdem voll damit beschäftigt, die Ausrüstungsstücke auflesen zu lassen, die die Askari und zuweilen selbst die Schützen verloren. Brotbeutel, Feldflaschen, Seitengewehre, Packtaschen, Woilachs, gelegentlich ein Askari mit seinem ganzen Sattel lagen in der Spur der Kompanie. Und dabei wollte mein Hengst in den ersten Marschtagen nach längerer Lagerruhe recht ungern hinter der Kompanie zurückbleiben.
Ich hatte bereits nach der Patrouille zu den Nyirisümpfen dafür plädiert, die Kompanie möge nach einem Ritt von einer halben Stunde prinzipiell eine kurze Marschpause zum Stallen, Nachsatteln und auch aus andern rein menschlichen Gründen einführen. Später wurde es auch so gehalten, aber unser gegenwärtiger Kompanieführer, der als früherer Torpedobootskommandant und auch als Mensch »Volldampf voraus« zu gehen gewohnt war, hatte keine Geduld für solche Schwächen und Marschverzögerungen. Das Resultat war, daß sich ständig einzelne Reiter weit hinter der Kompanie befanden, um nachzusatteln, verlorenes Gepäck fest oder sonst was zu machen. Mit den Geschäften fertig, bädelten sie dann, haste, was kannste, der Kompanie nach. Das Schrecklichste für den Schließenden aber war, daß die Askari nie den vorschriftsmäßigen Abstand zu reiten lernten. Für den, der hinter ihnen ritt, blieb der Marsch von Anfang bis zu Ende ein ewiges Aufjuckeln.
Außer in der Nähe und unter Sicherheit unseres eigenen Lagers ritten wir gewöhnlich in folgender Marschformation. Die Spitze war tagsüber im offenen Gelände fünfhundert Meter vor der Kompanie, nachts und im Busch natürlich sehr viel näher und mit der Kompanie durch Verbindungsreiter in Fühlung. Seitendeckungen ritten tags zwei- bis dreihundert Meter rechts und links der Kompanie; nachts und im Busch mußten wir diese einziehen, da wir sie sonst verloren hätten. Die Kompanie ritt, wie es das Gelände und die schmalen Wildwechsel, die benutzt wurden, bedingten, stets in Kolonne zu Einem mit einem Zwischenraum von fünfzig Metern zwischen den einzelnen Zügen. Innerhalb der Züge wurde, oder richtiger sollte der Abstand von drei Schritt von Tier zu Tier gehalten werden; nur wenn ein Feuerüberfall zu erwarten stand, wurde dieser Abstand auf zehn Schritt erweitert. Nachspitze, in ähnlichem Abstand von der Kolonne wie die Spitze, wurde dann gestellt, wenn wir den Feind in unserm Rücken wußten.
An diesem schönen Morgen ritten wir am Fuß des Telephonhügels vorbei durch den Fluß und folgten dann der Fahrstraße, die durch das Transportfahren zum Longido zu Anfang des Krieges entstanden war. Den Zuckerhutberg, unsern Ausguckberg, rechts liegen lassend, windet sich die Fahrstraße durch den Buschwald südlich vom Ngasserai, einem felsigen, kahlen Berg, auf dessen Spitze tags ebenfalls ein Ausguckposten unterhalten wurde. Am Rande des Buschwaldes wurde vom Fahrweg halbrechts abgebogen. Vor uns lag jetzt die weite Ngasseraibuga, baumlos, flach, mit kurzem Gras bewachsen, soweit dieses nicht schon ganz vertrocknet war. Sie lud geradezu ein zu einem fröhlichen Galopp. Jedesmal, wenn ich über diese Buga ritt, mußte ich an den Truppenübungsplatz Lockstedt denken; Feldartillerie im Regimentsverbande hätte dort fein üben können. Nach der großen Regenzeit steht diese Buga, die niedrigste Stelle der Steppe zwischen Kilimandscharo, Meru und Longido, einige Tage unter Wasser. Das ganze übrige Jahr durch ist es hier trocken, heiß und staubig – Schafland, wie es im Buche steht.
Nachdem wir die Buga durchquert hatten, nahm uns wellige, leichte Buschsteppe auf. In nordwestlicher Richtung den Marsch fortsetzend, ließen wir die Vorberge des Longido links liegen, um von Norden her in das Longidogebirge einzudringen, das sich in der Form eines langgestreckten Hufeisens nach dieser Seite der Steppe zu öffnet. Kurz vor dieser Öffnung, nachdem wir sieben Stunden ohne Halt geritten waren, sattelten wir gegen ein Uhr für zwei Stunden ab. Aber die Tiere waren viel zu müde und zu durstig, um gerade jetzt, in der heißesten Zeit des Tages, Appetit zu entwickeln. Den Menschen ging es ähnlich. Sie legten sich ins Gras und nahmen im spärlichen Schatten der Akazien ein Auge voll.
Das Longidogebirge war seit einigen Wochen vom Feinde wieder geräumt, nur Schleichpatrouillen der Engländer besuchten es regelmäßig. Zur Zeit unserer Patrouille unterhielt meine Kompanie dort einen ständigen Posten oben im alten Büchsellager. Oberleutnant Trappe war hier mit einigen Schützen und Askari auf Posten, und einen der letzteren hatte kürzlich eine englische Schleichpatrouille weggeschnappt.
Da! »Satteln! Weitermarsch! Marschordnung wie zuvor!« – Die von den Engländern angelegte Automobilstraße führte leicht ansteigend mitten in das Gebirge hinein bis zu einem Bach im Gebirgskessel, an dem die Engländer und Inder ihre Lager gehabt hatten. Wir ritten durch diese alten Lager durch und durften mit Stolz feststellen, daß unsere Grasarchitektur, die unter Karl Blaich aufgeblüht war, doch auf bedeutend höherer Stufe stand als die des Feindes. In welch elenden Hundehütten hatten die Feinde, besonders die Inder, hier gewohnt! Kein Wunder, daß nach der Regenzeit Epidemien bei ihnen ausbrachen, die sie zwangen, den Longido zu räumen.
Nachdem wir am Bach getränkt hatten, begann der Aufstieg zum Büchsellager, das oben im Gebirge, unterhalb der 2609 Meter hohen kahlen Gebirgsnadel, am Rande des Urwaldes lag. »Absitzen! Führen!« hieß das Kommando. Schwer, sehr schwer ist mir nach dem neunstündigen Ritt dieser Aufstieg geworden. Bei solchen Gelegenheiten fühlt man doch, daß Herz und Lungen alt werden. Aber nur nichts merken lassen! Sollte ich doch gerade durch das Beispiel des Alters dahin wirken, daß die jüngeren Leute Strapazen ohne Murren ertrugen.
Oben im Lager hatte Oberleutnant Trappe alles aufs beste für den Empfang der Kompanie vorbereiten lassen. Für Unterkunft war gesorgt, Stände zum Anbinden der Reittiere waren errichtet, und reichlich Reittierverpflegung war einige Tage früher vom Kompanielager herbeigeschafft worden. Morgen sollte Ruhetag sein. Nachdem Mensch und Tier untergebracht waren, servierte uns Oberleutnant Büchsels unübertrefflicher Koch Minjimvua aus den Packtaschen des Offizierspacktiers, mit dem und einigen Boys wir ihn vorausgeschickt hatten, ein kräftiges Abendessen. Welche ostafrikanische Whiskykriegsmarke damals die beliebteste war, ob Marke »Sarglack«, »Heldentod«, »Stacheldraht« oder »Blutsturz«, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls schwangen wir an jenem Abend noch einige Zeit den Becher, obwohl es eigentlich eine Sünde war, das herrliche Quellwasser des Longido mit den Erzeugnissen der jetzt blühenden ostafrikanischen Alkoholindustrie zu vermengen. Lange saßen wir nicht, denn wir waren alle hundemüde. Eine Graskitanda, die vorsorgende Hände gebaut, nahm mich auf. An Schlaflosigkeit habe ich im Kriege nie gelitten.
Am Vormittage des Ruhetages habe ich in einem nahen Felsenbassin in eiskaltem Gebirgswasser ein herrliches Bad genommen. Sonst habe ich den Tag geruht, das heißt, wie halt so ein Kompaniefeldwebel ruht; spät am Abend mußte noch ein Kreis hartnäckiger Zecher, der von dem herrlichen Quellwasser mit Schuß nicht wegfinden konnte und die Nachtruhe ernstlich zu stören drohte, auf diplomatischem Wege gesprengt werden, damit es mir erspart blieb, jemanden für das kürzlich ordnungsmäßig neu eingerichtete Strafbuch vorzumerken. Oberleutnant Meyer hatte es mir geschenkt. Es war ein Zehn-Heller-Büchlein mit himmelblauem Umschlage, auf dem sich in grellen Farben das Bild eines Engels und eines Lämmleins befand – Missionare mochten es ursprünglich für den Verkauf an eingeborene Christen importiert haben; ein anderes Notizbuch war im Norden der Kolonie nicht mehr aufzutreiben gewesen. Ich fand seine Symbolik für ein Kompaniestrafbuch sehr sinnig.