Am nächsten Morgen in aller Frühe stand die Kompanie fertig zum Weitermarsch. Nur Vizefeldwebel Dr. Sinning blieb mit wenigen Leuten zur Besetzung des Postens zurück. Die alte Postenmannschaft, zu der auch der Dichter Müller gehörte, ritt mit uns, da sie uns den Schleichweg führen sollte, den sie durch den Urwald und Busch zur Steppe hinunter durchgeschlagen hatten, um dem Posten im Falle eines Angriffs durch überlegenen Feind eine Rückzugsmöglichkeit zu sichern. Unser Kompanieführer wollte die Gangbarkeit dieses Abstieges prüfen und wohl gleichzeitig die Leistungsfähigkeit seiner Kompanie auf die Probe stellen.

Romantisch schön war der Weg, der sich im Dickicht und unter hohen Urwaldbäumen an der Seite einer tiefen, steilen Schlucht über schräge Felsplatten und in scharfen Windungen um Felsblöcke herum steil abschüssig hinwand. Ich kann mir denken, wie ein Dichter, der diesen Weg mit anlegte, im Naturgenuß geschwelgt haben wird, wenn er dort auf den Felsblöcken saß, seine Beine über dem jähen Abgrund baumeln ließ und mit verträumten Dichteraugen in die weite Steppe hinausschaute. Militärisch betrachtet, war der Abstieg aber saumäßig. Die Tiere schlidderten auf den glatten, schiefliegenden Felsplatten, als wenn sie auf Eis gingen. Sie stürzten und rissen die sie führenden Reiter mit um. Sie fielen in Felsspalten, blieben mit Sattel und Gepäck an Bäumen und Büschen hängen und brachen in der Mitte fast durch bei den scharfen Wendungen um die Felsblöcke. Der ganze Abstieg bestand eigentlich nur aus Marschstockungen, Rettungsarbeiten, wildem Fluchen und Schmerzensrufen. Um die etwas über tausend Meter in die Steppe hinunter zu gelangen, brauchte die Kompanie volle drei Stunden. Sie hätte noch viel länger gebraucht, wenn nicht glücklicherweise Unteroffizier Müller und der Schütze Schoenbohm, die uns führten, ihren eigenen Weg, ehe wir drei Viertel unten waren, verloren hätten, und wenn nicht der Kompanieführer einen Nashornwechsel gefunden hätte, auf dem wir sogar bequem reiten konnten. Die Tiere waren so erschöpft, daß wir unten am Ostwasser absatteln und zwei Stunden rasten mußten.

Dann ging es in nordnordwestlicher Richtung weiter, immer durch offene schöne Grassteppen. Unser heutiges Marschziel waren die südlichen Ausläufer der Matumbatuberge, wo der Gefreite Max Truppel, der jetzt führte, ein Wasser wußte aus der Zeit her, als er noch für Hagenbecks Tierpark die Tiere der Steppe einfing. Das Wasser war nach einem Buren, der an ihm mal gelagert hatte, das Naudéwasser genannt worden. Auf der Karte ist es nicht verzeichnet. Wer Deutsch-Ostafrika nur nach der Karte beurteilt, bekommt keinen rechten Begriff von seinem Reichtum an ständig fließenden Wassern.

Nach fünfstündigem Ritt durch erstklassiges Farmland, das immer besser wurde, je mehr wir uns den Matumbatubergen näherten, waren wir am Ziel. Das Naudéwasser, ein schwacher Bach, der in einem kleinen Tümpel endete, lag ein Stück von der Steppe zurück in einem Koongo. Hier wurde abgesattelt, abgekocht, und für die Nacht suchte sich jeder einen bequemen, geschützten Platz zum Schlafen; denn die Nächte waren kalt und feucht, und der Morgen brachte Tau. Unsere Messe baute sich mit Hilfe von einigen Askariordonnanzen aus sechs Zeltbahnen eine lange Röhre, die an dem einen Ende, da, wo der Kompanieführer liegen sollte, durch eine siebente Zeltbahn geschlossen wurde. In die Röhre wurde eine dicke Lage Gras gestopft, und wir krochen hinein nach Rang und Würden, jeder mit seinem Sattel und seiner ganzen Kriegsausrüstung. Neben dem Kompanieführer lag Oberleutnant Meyer, weil ihn kein Schnarchen störte. Sein Nachbar war Oberveterinär Dr. Huber, den uns das Kommando mitgegeben hatte, weil die Kompanie zur Zeit weder einen Arzt noch einen Sanitäter besaß. Ihm zunächst ruhte Oberleutnant Trappe, der, korrekt wie im Manöver, als einziger in der ganzen Kompanie auch auf Patrouillen einen weißen Kragen trug – freilich, sehr weiß war er schon nicht mehr. Ihm folgte Leutnant Freund, und am offenen Ende der Röhre lag ich, mit der Nase der frischen Luft zu. Mit dem Kopf auf dem Sattel schlief es sich famos so.

Mitten in der Nacht kam Bernhard Blaich, unser »Mariechen«, von der Feldwache und meldete dem Kompanieführer: »Der Feldwachenführer Vizewachtmeister Mittag läßt melden, ein Nashorn sei bei der Feldwache eingetroffen. Die Feldwache – geschossen sollte nicht werden – hat es mit Steinen beworfen. Das Nashorn kümmert sich aber nicht um die Klamotten und wandert jetzt gemütlich auf das Lager und die Reittiere zu.« Die Meldung war kaum gemacht, als im Lager auch schon der Ruf »Kifaru« erscholl und sämtliche Röhreninsassen mit ihren Gewehren in der Hand über mich wegkletterten. Ich blieb liegen und rief laut ins Lager hinaus: »Hinlegen! Nur die Wache darf schießen!« Ich ahnte, was kommen würde. Aus dem Schlaf aufgesprungene aufgeregte Menschen ballerten wild in die Dunkelheit hinein. In jedem größeren Felsstein, in jedem schwarzen Schatten sahen sie ein Nashorn. Es knallte und pfiff wie bei einem ganz leidlichen Gefecht, und nachher wollte es natürlich keiner gewesen sein. Glücklicherweise lief diesmal die Sache ohne Unheil ab, nicht einmal das Nashorn wurde beschädigt. Es mag durstig gewesen sein, aber, obgleich es wohl nie vorher einen Menschen gesehen haben mag, empfahl ihm doch sein Instinkt, sich schleunigst von da zu entfernen, wo so viele Knallteufel in die Luft spieen. –

»Spitze aufsitzen! Anreiten!« lautete das Kommando fünf Uhr dreißig am nächsten Morgen. Ich hörte es und sah noch gerade, wie der Spitzenführer, der Agrarier Mittag, dessen Rappstute Seta, noch aufgeregt von den Ereignissen der Nacht, einige wilde Sprünge machte und mit der ganzen Vorderhand in ein Erdferkelloch einbrach, samt seinem Tier kopfheister schoß. Das fing ja gut an! An der Westseite der südlichen Ausläufer der Matumbatuberge entlang reitend, passierten wir verschiedene aus diesem kommende Koongo. Als wir den zweiten Koongo durchritten, fiel Unteroffzier Müller wieder mal schwer auf. Als er die jenseitige steile Böschung des Koongo hinaufreiten mußte, vergaß der Dichter in ihm, die Beine fest anzuklemmen. Er verließ sich ganz auf Sattel und Steigbügel, und das hat in solchen Situationen seine Bedenken.

Es war unterwegs nicht nachgesattelt worden – wir wissen ja, immer: Volldampf voraus! – und ein Maultier in einemmal gründlich zu satteln, will studiert sein. Wie sich ein Maultier beim Satteln aufblasen kann, weiß jeder, der mal ein Maultier gesattelt hat. Beizukommen ist ihm nur mit List. Du stellst dich unter Knurren und Geschimpfe so an, als ob durch das Satteln deine ganze Kraft erschöpft sei. Das Maultier wird dich schadenfroh dabei angucken und seine Ohren zurücklegen. Dann mache dir mit allem möglichen zu schaffen, nur nicht mit dem Maultier und dem Sattelgurt. Das Maultier darfst du währenddessen beileibe nicht ansehen; denn es beobachtet dich scharf und mißtrauisch. Während du nun in aller Unschuld dir mit der linken Hand die Feldflasche umhängst, fährt deine Rechte wie ein Blitz unter die Sattelklappe an die Sattelgurtstrappe und zieht den Gurt zwei oder drei Löcher an. Darauf, daß das Maultier dich dabei aus Wut in den Hintern beißt und dir gleichzeitig einen Tritt vor den Magen zu geben versucht, mußt du gefaßt sein und durch aalartiges Winden deines Körpers beiden Möglichkeiten gleichzeitig auszuweichen wissen. Gelingt es dir, dem Maultier dann noch einmal mit List beizukommen, dann darfst du rechnen, daß der Sattel sitzen wird. Du wirst selbstredend deine Taktik ständig ändern müssen. Die Posse mit der Feldflasche darfst du höchstens zweimal spielen, dann hat das Maultier dich durchschaut und bläht sich auf, sobald du die Feldflasche nur berührst.

Natürlich bedingt diese Art des Sattelns, daß man rechtzeitig damit anfängt und sich mit Ausdauer und Anspannung aller Geisteskräfte der Sache widmet. Man darf z. B. nicht gleichzeitig dichten wollen. Die Askari haben es nie und manche Europäer auch nur soso gelernt. Als Müller die steile Böschung nahm, fiel es seinem Maultier ein, daß es sich beim Satteln tüchtig aufgeblasen habe, daß Müller ein Dichter sei und daß der Sattelgurt jetzt eine gute Handbreite lose unter dem Bauch hängen müsse. Daß der Dichter vergessen werde, die Schenkel einzuklemmen, vermutete das Maultier. Ergo, dachte es, lassen wir den Sattel samt dem Reiter jetzt im geeigneten Moment mal sanft nach hinten abgleiten. Es sah drollig aus, wie Müller, mit den Händen in die leere Luft greifend, über den Rücken seines Tieres zurückrutschte, durch ein Gebüsch schoß und unten im Koongo verschwand – zustoßen konnte ihm nichts, denn im Koongo lag tiefer Sand, der ihn weich aufnahm. Ich bin nicht herzlos, aber eine gewisse Schadenfreude konnte ich mir doch nicht verkneifen. Daß der Unteroffzier mal für seine Sünden büßen mußte, darüber freue ich mich noch heute. Schade war nur, daß der Dichter mitleiden mußte.

Immer noch ritten wir Stunde für Stunde durch das herrlichste Farmland, und nach vierstündigem Ritt kamen wir wieder an ein fließendes Wasser. Diesmal war es ein starker Bach, und unsere Spitze meldete, daß noch zwei weitere starke Bäche ganz in der Nähe flössen. Wie diese Wasser heißen, weiß ich nicht – wir nannten sie die Wasser des falschen Narok; denn der wahre Narok, ein Berg, der auf seiner Spitze noch einen Rest von Urwald und Bambushainen trägt, liegt in der Steppe etwas südwestlich von dieser Stelle.