Wir saßen ab, tränkten und ließen die Tiere zwei Stunden grasen. Direkt vor uns, in unserer Marschrichtung, stieg das Matumbatugebirge jäh auf. Haushohe Felsblöcke waren von ihm abgebröckelt und bis weit in die Steppe gerollt. Dort stehen sie nun ewig als Wächter eines Farmparadieses. Donnerwetter, was war das hier für ein Farmland! In dem Gebirgskessel, in den wir dann einschwenkten, kitzelte das Weidegras den Tieren den Bauch. In Südafrika und Australien würde es einen »rush« [Ansturm] geben nach einer solchen Stelle.
Einen Weg geradeaus über das Gebirge wird es auch geben, dafür werden Nashörner und Massai gesorgt haben. Wir kannten ihn nicht und konnten uns nicht damit aufhalten, ihn zu suchen. Wir wanden uns, den Berghang zu unserer Linken schräg anreitend, auf einem alten Massaiviehtriebwege langsam zum Kamm hinauf. Als wir über den Bergrücken hinwegsehen konnten, breitete sich vor uns ein Bergkessel aus, der vier oder fünf Kilometer im Durchmesser haben mochte. Wir bogen vom Massaiwege ab, saßen ab und führten, uns im Geröll einen Weg suchend, durch einen leichten Akazienbusch in den Bergkessel hinunter. Hier fanden wir wieder ein Gebirgswasser, das wir nach den an ihm wachsenden Eleleschosträuchern das Eleleschowasser benannten. C. G. Schillings hat ein Buch »Im Zauber des Elelescho« geschrieben. Ich habe den Eleleschostrauch immer nur in Hochsteppen über 1500 Meter gefunden. Es ist ein Strauch, dessen wollige, auf der unteren Seite fast weiße, aromatische Blätter im Mondscheine wie Silber leuchten. Wir prosaischen Kriegsknechte stopften die zartesten Zweige des Eleleschostrauches in unsere Schlafröhre als Unterbett. Sein Zauber hatte die Wirkung, daß wir in dieser Nacht weder durch Nashorn noch Löwe gestört wurden.
Wir waren frühzeitig beim Wasser eingetroffen, und da Unteroffzier Thiele, ein Kaffeepflanzer und Farmer aus dem Aruschabezirke und nebenbei unser bester Schütze, im Talkessel einige Grantgazellen geschossen hatte, konnte die Kompanie heute mal wieder frisches Fleisch im Kochgeschirr brodeln lassen oder am Holzspieß vor dem Lagerfeuer rösten; die ganz Hungrigen fingen mit gerösteter Wildleber an. Das war eine sehr willkommene Abwechslung. Unser Hauptpatrouillenfutter war Reis und immer wieder Reis; was »Blauer Heinrich« [in Wasser gekochter Reis] ist, haben wir alle zur Genüge kennengelernt, und später waren wir ganz zufrieden, wenn wir den wenigstens noch hatten. Von den Buren lernten wir Mealipapp mit wahrer Begeisterung essen. Chiroko, eine von den Küstennegern angebaute Bohnenart, die trocken geschrotet und in Wasser gekocht wie Erbsbrei schmeckt, sich schön sanft an die Magenwände anlegt und sich unter starker Entwicklung feindlicher Gase verdaut, wurde ebenfalls ein bei den Europäern beliebtes Patrouillenfutter. Ich war immer froh, an dem offenen Ende der Schlafröhre liegen zu dürfen.
Während Minjimvua unser Mahl bereitete, schnitt ich Gras für meinen Hengst. Etwas ruhiger hatten die Marschtage den Otto gemacht, aber mit den andern Tieren konnte ich ihn nicht frei weiden lassen. Er jagte sie und sie ihn, und keines hatte Ruhe zum Fressen. Wenn dann gerade auch noch eine Stute verliebt war, hätten sich unsere drei Zuchthengste Hotspur, Otto und Max auf freier Weide gegenseitig totgebissen. Max, den unser »Gesundbeter« ritt und vergeblich zu einem sittlichen Lebenswandel zu erziehen versuchte, war ein Somaliponyhengst mit dem Kopf und Ausdruck eines Dromedars. Schön war Max nicht, aber Matata [Spektakel] konnte er für zwei machen. Hengste gehören nicht hinein in den Frontdienst einer afrikanischen berittenen Truppe. Ohne Matata geht selten ein Tag ab, und meistens wiehern sie gerade dann los, wenn die größte Ruhe geboten ist. Wir hatten aber so wenige Reittiere in Deutsch-Ostafrika, daß auch die Zuchthengste mit an die Front mußten, und manches Bündel Gras habe ich für meinen Otto geschnitten. Nachts band ich ihn inmitten der Maultiere an. Für Maultier- und Eselstuten hatte er nichts übrig, sie ließen ihn ganz kalt. Andererseits wirkten sie aber doch wieder so weit auf das nach Geselligkeit sich sehnende Gemüt des Herdentiers, daß sich der Hengst ruhig verhielt. Band ich ihn allein an, dann hing er sich entweder auf oder weckte alle Echos in der Gegend mit seinem Geschrei.
Als Otto versorgt und ich gesättigt war, wandte sich meine Aufmerksamkeit wieder dem herrlichen Bergkessel zu, in den sich von dem uns gegenüberliegenden Bergrand noch ein Wasser ergoß. Schön friedlich lag er da im Sonnenuntergang, weltfremd auf die Zeit harrend, in der unternehmungslustige Ansiedler in ihm ihren Weizen bauen und ihr Vieh züchten werden. Über seinen Rand weg konnte ich in nordnordwestlicher Richtung auf einem höheren, sonst kahlen Berge einen größeren Baum erkennen, der einsam Grenzwacht hielt. In seiner Nähe lief die Grenzlinie zwischen Deutsch-Ostafrika und Britisch-Ostafrika. Morgen sollten wir die Grenze überschreiten.
Der nächste Morgen – es war der fünfte seit unserm Aufbruch vom Doppelberg – führte uns auf Massai- und Wildpfaden durch rauhes Gebirgsgelände, das mit kurzem Dornbusch dicht bestaudet war. Das Farmparadies hatte ziemlich plötzlich aufgehört. Wir ritten, wo es ging, und führten, wo das Reiten nicht ging. In beiden Fällen rissen wir uns an den Dornen Jacken, Hosen und Hände kaputt. Hatte der Vordermann vergessen, »Achtung!« zu rufen, wenn er den von ihm zurückgebogenen Zweig schnellen ließ, dann bekam man auch noch eine dornige Ohrfeige. Mein schöner Tropenhut, den ich mir auf der Ausreise bei Simon Arz in Port Said erstanden hatte, wurde bedenklich zugerichtet. Erst Mutter Weber hat ihn später wieder in die Verfassung gebracht, die es ihm ermöglichte, noch weiter an der Front mitzumachen, bis er im Handgemenge bei meiner Gefangennahme zum Schlapphut wurde.
Zum Glück dauerte der Marsch heute nur fünf Stunden. Schon um elf Uhr erreichten wir, wenig jenseits der Grenze, unser Marschziel, das letzte Wasser, an dem wir vor dem Angriff auf die Bahn lagern sollten. Nachdem die Spitze festgestellt hatte, daß das Wasser nicht vom Feinde besetzt war, ritten wir in einen ziemlich tiefen Sandkoongo ein, an dessen oberem Ende sich das Quellwasser in zwei Felsbecken gesammelt hatte, zu denen man hinaufklettern mußte. Aus dem oberen Becken wurde geschöpft, in dem unteren gebadet. Hier wollten wir vierundzwanzig Stunden ruhen, um Menschen und Tiere die nötige Kraft für die Endanstrengung sammeln zu lassen.
Wir waren heute, ohne es in dem dichten Busch sonderlich gemerkt zu haben, aus dem Matumbatugebirge heruntergestiegen an den Rand der nördlich desselben gelegenen Steppe. Es war bedeutend wärmer dort unten als oben im Gebirge – der Schlafröhre bedurfte es hier unten nicht. Die Vorbereitungen für die Nacht waren diesmal einfacher. Minjimvua maß alle seine Pfleglinge von hinten mit Kennerblicken und scharrte dann mit seinen Händen sämtliche Körperformen, als wolle er jeden von uns in Blei gießen, im festen weißen Sande aus. In Woilach und Zeltbahn gewickelt lag es sich herrlich in diesen Mulden.
Freilich, die erhoffte ungestörte Nachtruhe sollten wir nicht finden. Kaum war ich eingeschlafen, als mich Gewehrfeuer wieder weckte. Das große englische Bezillager war nur wenige Meilen östlich von dem versteckten Wasser, an dem wir lagerten. Sollte unser Anmarsch doch von Spionen gemeldet worden sein? War der Feind jetzt da, um uns auszuheben?! Meldung der Feldwache traf ein: »Der Feldwachhabende Vizewachtmeister Trommershausen läßt auf Löwen schießen, die aus der Steppe kommend zum Wasser wollen.« Ach was, Löwen! Weiterschlafen! Dreimal in derselben Nacht weckte mich das Geschieße der Feldwache, und am nächsten Morgen sah ich einen zweijährigen Löwen tot mitten im Sandkoongo liegen. Wir gaben dem bisher namenlosen Wasser wegen dieser Löwengeschichte den Namen »Löwenwasser«.
Schlimmeres brachte der nächste Morgen. Gotthilf Blaich lag in hohem Fieber – ich glaube, der Oberveterinär stellte Typhus fest. Ferner war ein Askari der Feldwache während der nächtlichen Löwenjagden von einem Felshang abgestürzt und hatte sich einen Arm gebrochen. Weiter mitnehmen konnten wir die beiden nicht. Hier zurücklassen konnten wir sie auch nicht, wußten wir doch selbst nicht, ob wir je zu diesem Löwenwasser zurückkommen würden. Es half alles nichts – die beiden mußten mit Fieber und gebrochenem Arm durch die menschenleere, an Raubwild reiche Gegend sich ihren Weg zu unserm Posten am Longido zurücksuchen; von dort konnten Träger den Typhuskranken weiter zurücktragen. Damals machte ich mir noch Gedanken über so was. Später habe ich an mir selbst erfahren, daß man Malaria oder Dysenterie, ja sogar beide gleichzeitig haben und doch, wenn man will, diensttauglich bleiben kann.