Um zwölf Uhr mittags wurde getränkt und abgekocht. Wann wir wieder an Wasser kommen würden, darüber nachzudenken war nicht gut. Zur Magadbahn waren es fünfundvierzig Kilometer Luftlinie, zu reiten mindestens fünfundsiebzig Kilometer. Sollten wir abgeschnitten werden durch Truppen aus dem englischen Bezillager, dann würden wir völlig in der Luft hängen. Die Tiere schienen zu wissen, was ihnen bevorstand. Sie soffen sich ordentlich voll. Auch wir tranken, soviel wir konnten, und jeder füllte seine zwei Feldflaschen mit Wasser oder kaltem Kaffee.

Um zwei Uhr nachmittags ritt die Kompanie in glühender Hitze aus dem Koongo des Löwenwassers in die Steppe hinein. Zu Anfang konnte man noch von einer Grassteppe sprechen, aber bald wurde das Gras spärlich und spärlicher und dafür der Sand tief und tiefer. Ohne Weg und Steg mahlten die Tiere durch den Sand, und feiner Staub flimmerte in der heißen Luft. Der Durst stellte sich schon ein, als wir kaum zwei Stunden geritten waren. »Kinder, mit dem Wasser sparen! Wenn man sich den Durst in den ersten Stunden verkneift, nachher merkt man ihn schon gar nicht mehr. Vom Trinken wird man nur durstiger« – so predigte ich mit mehr guter Absicht als Überzeugung.

Nachdem wir uns eine Zeitlang durch den losen Sand gewühlt hatten, mischten sich mit ihm runde lose Steine von Kindskopfgröße, die umkippten, sowie ein Tier drauftrat. Die Gegend wurde immer öder und wüstenartiger; Wild hatten wir schon lange nicht mehr gesehen. Wir stolperten weiter. Kurz vor Dunkelwerden kamen wir an einen tiefen, breiten Koongo. Ströme der Urzeit mögen ihn in das Gelände eingerissen haben oder die Regenzeiten vieler Jahrtausende. »Absitzen! Führen!« Dreißig Meter tief polterten wir über Geröll in den Koongo hinein, durchquerten sein versandetes altes Flußbett und dreißig Meter hoch kletterten wir auf der andern Seite wieder aus ihm heraus. Es wurde Nacht. Wieder ein Koongo. Runter von den Tieren. Autsch! da lag einer. Mondlose Nacht. Noch ein Koongo. Wie viele Koongo wir in dieser Nacht durchkletterten, weiß ich nicht mehr. Sie wirkten wie Alpdrücken auf mich. Vielleicht war es auch öfter derselbe Koongo, der, sich windend, mehrere Male in unsere Marschrichtung kam. Eine Karte dieser Gegend besaßen wir nicht.

Unteroffizier Thiele und Gefreiter Truppel führten. Sie hatten sich, bevor es ganz dunkel wurde, einen Stern ausgesucht und auf diesen hielten sie los, bis sie von Zeit zu Zeit mit dem Vorrücken der Nacht sich ein neues Sternbild aussuchen mußten. Ob sie ritten, gingen, standen oder auf ihrem Hintern in ein Koongo hineinrutschten – ihr Sternbild durften sie nicht aus den Augen verlieren, sonst wäre unsere Marschrichtung zum Teufel gewesen. Neun Stunden lang sind ihre Augen unverwandt auf den Himmel gerichtet gewesen.

Um drei Uhr morgens, nach dreizehnstündigem ununterbrochenen Reiten, Klettern, Stolpern, Fallen und Rutschen konnte die Kompanie nicht mehr. Unser Plan war, vor Tagesgrauen rechts und links der Bahnstation Kambi ya nyuki die Telegraphenleitung zu durchschneiden, mit Tagesanbruch den Bahndamm zu sprengen und gleichzeitig den starken Stations- und Bahnschutzposten anzuknallen. Um drei Uhr morgens wußten wir überhaupt nicht mehr, wo wir hingeraten waren; eigentlich hätten wir schon längst an der Bahn sein sollen. Die verfluchten Koongo! Ganz egal, wo wir lagen, ob irgendwo im weiten Pori oder vielleicht nur fünfzig Meter vor dem englischen Bahnschutzposten – die Kompanie mußte erst etwas ruhen.

Sie ruhte zwei Stunden wie sie war und wo jeder gerade hielt. Dort, wo wir im Dunkeln gelandet waren, gab es überhaupt keinen Sand mehr, sondern nur noch Steine. Große Steine und kleine Steine. Kein Halm Gras war dort für die Tiere. Ich ruhte, indem ich meinen langen dünnen Leib wie eine Schlange um einen großen Stein schlang und auf diesen mein Haupt legte, auf einem Unterbett freundlicher kleiner Steine. Neben mir stand Otto gesattelt und gezäumt und schnupperte an meinem Brotbeutel, aus dem ich ihm noch ein paar Händevoll Reis geben konnte. Eigentlich war das ja meine Ration, aber welcher gute Reitersmann kann sein Tier hungern sehen! Gesprochen durfte nicht werden, geraucht auch nicht. Um fünf Uhr morgens lief der geflüsterte Befehl »Weitermarsch!« durch die Reihen.

Das Gelände wurde bald besser, wir konnten aufsitzen. Als wir in der Morgendämmerung durch einen leichten Akazienbusch ritten, ließ Unteroffizier Thiele von der Spitze melden: »Stationsgebäude siebenhundert Meter vor uns.« Zum Telegraphendrahtschneiden und Sprengen war es leider nun zu spät geworden, aber unsanft aufwecken wollten wir den bösen Feind doch. Zwischen dem Akazienwäldchen und der hochliegenden, befestigten Bahnstation lag eine offene Talmulde. Im Akazienhain, also noch außer Sicht von der Station, entwickelte sich die Kompanie. »Halt! Absitzen! Pferdehalter! Schützen vor! Schwärmen! Marsch!« – alle Kommandos wurden leise gegeben und weitergegeben. Jetzt war keiner mehr müde oder durstig.

Als Wachtmeister mußte ich bei den Tieren bleiben. Ich nahm sie weiter in den Wald zurück, deckte Rücken und beide Flanken durch ausgeschobene Posten und ritt dann selbst wieder vor an den Buschrand, wo ich das kommende Gefecht fein übersehen konnte. Noch krochen unsere Schützen schweigend näher an die Station heran. Da zeigte sich unten in der Talmulde, nahe der Station, eine feindliche Patrouille, Reiter und Fußvolk. Gesehen hatten sie uns nicht. Sie rückten anscheinend wie jeden Morgen aus, um die Bahn abzupatrouillieren. Die Leute plauderten harmlos und rauchten Zigaretten. Nicht lange! Zwei Züge unserer Kompanie nahmen sie unter Feuer, der dritte Zug feuerte in die Zelte, die neben dem Stationsgebäude aufgebaut standen.

Die Wirkung war groß, wie die jedes überraschenden Angriffs. Was von der feindlichen Patrouille beritten gewesen war, war bald unberitten, und ich konnte beobachten, in welcher Konfusion die Herren Engländer in Schlafanzügen aus ihren Zelten stürzten, zurückliefen, Gewehre und Munition holten, um endlich einen Schützengraben hinter dem Bahndamm zu besetzen. Soviel ich mit meinem Feldglas sehen konnte, war die Station von Engländern und Indern besetzt und ihre Gesamtstärke zwei- bis dreihundert Mann.

Bald bekamen wir auch Antwortfeuer. Wo unsere Schützen lagen, schien der Feind nicht sofort erkannt zu haben, oder er schoß aus Versehen zu hoch. Unsere Schützen lagen etwa dreißig Meter tiefer als die Stelle, wo ich hielt, hundert bis hundertfünfzig Meter vor mir, aber die feindlichen Kugeln gingen noch über meinen Kopf weg. Auf den Akazienbusch hatte der Feind es jedenfalls abgesehen; denn jetzt fing er auch an, sich hinter dem Bahndamm, unsere Stellung flankierend, zu entwickeln, und der Einschlag in den Akazienhain wurde so bedenklich, daß ich mir bereits vornahm, für unsere Tiere eine andere Deckung zu suchen.