Da kam, nach halbstündigem Gefecht, das Trompetensignal: Sammeln! Die Schützen kehrten zögernd, die Askari nur unter Androhung von Hieben und nach vielem Geblase zu den Tieren zurück. Unsere Askari, von Deutschen geführt, gehen ran wie Blücher, und dann beißen sie sich förmlich fest. Sich von einem Gefechtsfeld zu trennen, fällt ihnen schwer. Die befestigte Stellung des Feindes, die durch mindestens vierfache Übermacht besetzt war, zu stürmen, hatte nie in unserer Absicht gelegen. Wir wollten den Feind wecken, und das war überraschend gut gelungen.
Dieses Wecken vom 21. Juni 1915 zu Kambi ya nyuki war unsere Antwort auf das feindliche Wecken am Ingito. Der Feind hatte fünf Tote – Enthusiasten wollen sogar fünfzehn gezählt haben – und jedenfalls viele Verwundete. Mehrere Reittiere hatten wir ihm auch abgeknallt. Unser Überfall war weit glänzender gelungen als wir erwarten durften; denn daß wir eine feindliche Patrouille im Offenen erwischen würden, hatte niemand zu hoffen gewagt. Das Schönste war, daß wir keinerlei Verluste hatten.
Da der Telegraphendraht nicht abgeschnitten worden war, durften wir annehmen, daß Züge mit Verstärkung für den Feind bereits heranrollten. Es hat keinen Sinn, eine gute runde Sache zuspitzen zu wollen. Also: »Aufsitzen! Kehrt marsch! Schritt! – – Trab! – – Galopp!« Erst mal raus aus dem Kugelregen, der immer noch in den Akazienhain einschlug! Unsere Stimmung war ausgelassen fröhlich, wie von Schulbuben nach einem gelungenen Streich. Erst ganz allmählich dämpfte sie wieder ab. Wo würde sich die Besatzung des englischen Bezillagers, die bereits die Nachricht von unserm Überfall haben mußte, uns vorbauen? Der Leser darf nicht vergessen, daß sich die Berittene 9. Schützenkompanie um diese Zeit fünf schwere Tagemärsche vor ihrer und weit hinter der feindlichen Basis befand. Der Feind brauchte nur an unserer Rückzugslinie einige Wasserstellen zu besetzen, dann kamen wir schwer in Druck.
Obwohl wir eine Verfolgung von Kambi ya nyuki her nicht für wahrscheinlich hielten, denn die Männer dort konnten sich unser Erscheinen doch nur als Vorhut einer starken Abteilung erklären und nicht ahnen, daß wir ohne jeglichen Rückhalt in der Weltgeschichte schwebten, ritten wir doch anfangs, um weniger in Sicht zu sein, im Bett der Koongo, die uns über Nacht so viele Mühe gemacht hatten. Für zwei Stunden ging es abwechselnd Trab und Galopp. Der brüchige, hartgebackene Sandboden im Bett der Koongo war nichts für ungeschickte Reiter. Die Askari stürzten vom und mit dem Tier öfter, als mir angenehm war. Bei mir stellte sich der Hunger ein. Ich öffnete eine Büchse Sardinen und labte mich an ihrem Inhalt. An Durst war es besser gar nicht zu denken.
Eine Zeitlang ritt der Gefreite Fechter neben mir. Vor dem Kriege war er Angestellter der Nashornapotheke in Aruscha gewesen. Neulich, auf Feldwache am Naudéwasser, hatte er zum erstenmal in seinem Leben ein Nashorn gesehen und mit Klamotten nach ihm geschmissen. Da er klein von Statur war, wurde er in der Kompanie seit jenem Abenteuer und mit Berücksichtigung seiner früheren Tätigkeit in der Nashornapotheke »das kleine Nashorn« genannt. Am Tage nach Kaisers Geburtstag hatten die Engländer auch Fechters Posten am Nagasseni heimgesucht, und während er die Engländer im hohen Schilf des Nagassenisumpfes suchte, hatten diese ihn gesucht und seinen Zypernesel gefunden. Die Engländer nahmen den Esel mit und hinterließen einen Zettel, auf dem sie sich höflichst für den Esel bedankten. Hierüber hatte sich das kleine Nashorn schmählich geärgert und blutige Rache geschworen. Heute sei ihm, erzählte mir Fechter, seine Rache zur Hälfte wenigstens geglückt. Ein schönes englisches Maultier, das während des Gefechts reiterlos umhergeirrt sei, habe ihn so lange beschäftigt, bis er es umgelegt. Leider habe er aber den Zettel mit dem Gruß an die Engländer, den er schon seit Wochen in der Tasche trage, nicht zum toten Maultier hintragen können. Sein Gruppenführer habe ihn mit Gewalt zurückgehalten und ihn mit fortgerissen, als »Sammeln« geblasen worden sei.
Als wir fünf Stunden gen Süden geritten waren und es Mittag wurde, suchten wir den spärlichen Schatten vereinzelter Flötenakazien auf. Mit der Bezeichnung »Flötenakazie« hat es folgende Bewandtnis: Eine Wespe bohrt in der Saftzeit der Bäume die jungen grünen Dornen der Akazie an und legt ihre Eier hinein. Der Dorn erweitert sich sackförmig bis zur Größe eines Hühnereis. Dieser Sack, dessen Inhalt den aus den Eiern schlüpfenden Maden zur ersten Nahrung dient und der unter dem jetzt verkrüppelten Dorn hängt, stirbt in der Trockenzeit ab. Wenn die Wespenmaden den Inhalt ihres Hauses aufgefressen haben, verlassen sie es durch das jetzt erweiterte Bohrloch, und Ameisen ziehen in die hohlen Säcke ein. Auf dem erweiterten Bohrloch flötet der Wind wie die Knaben auf einem Schlüssel. Da sowohl die Säcke wie die Bohrlöcher verschiedener Größe sind, entstehen die verschiedensten Töne. Das Ganze ist ein melodisches, aber unheimliches Konzert. Die in Frage kommende Ameise hält sich nur in Gegenden geringer Niederschlagsmengen auf.
Wo die Akazien flöten, suchst du also vergebens nach Wasser. Wir sattelten ab und ruhten. Wer noch was zu essen hatte, aß. Abkochen konnten wir natürlich nicht. Zu trinken hatte keiner mehr. Die Tiere waren viel zu müde und vor allem viel zu durstig, um die paar trockenen Grashalme, die hier standen, zu suchen. Otto verschmähte sogar eine Handvoll Reis. An Wasser mußten wir unbedingt heute noch kommen, sonst versagten unsere Tiere. Das nächste uns bekannte Wasser war das Löwenwasser. Daß die englischen Truppen des Bezillagers unsere rückwärtigen Wasserstellen oder doch einige derselben jetzt besetzt haben würden, nahmen wir als ganz selbstverständlich an. Vielleicht kannten sie aber das versteckt gelegene Löwenwasser noch nicht. Es war reine Glückssache.
Mit schweren Gedanken lag ich, von Durst gequält, unter den flötenden Akazien – in Fiebertraumgedanken, die einen bei hellichtem Tage gruseln machen: »Die Tiere versagen, wir müssen sie zurücklassen. Ob wir ihr Blut abzapfen und trinken? Ich glaube, ja. Auch die Feldflaschen werden wir uns mit Blut füllen, wenn es nicht bereits zu dickflüssig ist. Dann weiter zu Fuß. Ob Blut den Durst stillt? Ich glaube, nein. Unser eigenes Blut wird nur noch dickflüssiger werden. – Ob Ordnung in der Kolonne zu halten sein wird? Eine Weile sicher. Später sicher nicht mehr. Strafen, Todesstrafen erschrecken niemanden mehr. Päng! – der beste Beweis ist gegeben, einer hat sich bereits selbst erschossen. Er hatte sein Gewehr noch, die meisten haben es bereits weggeworfen. Wie viele sind wir noch? Mühsam hebe ich die schwer verstaubten Augenlider. Eine lange Reihe strauchelnder Gestalten wandert vor mir im Staub. Die Sonne blendet mich, zählen kann ich nicht mehr. Da sinkt wieder einer hin. Ich spreche zu ihm mit belegter Stimme, die mir selber fremd erscheint. Er hört und antwortet nicht. Ich stolpere weiter mit bleischweren Knien. Da wird mir schwarz vor den Augen. Die Sinne vergehen mir. – Ich komme zu mir. Es ist Nacht. Die Sterne leuchten über mir, die Akazien flöten traurig, meine Augen brennen. Hui! Was ist das an meinen Beinen? Ein Kamerad? Mit Mühe richte ich mich halb auf. Ich will schreien, aber bringe keinen Ton heraus. Wo ich hinschaue, funkeln mich feurige Kohlen an, und lange Leiber kriechen um mich her. Hyänen greifen mich an, kaum können sie noch warten. Den Aasgeruch haben sie schon mitgebracht. Ich quäle mir den Browning aus der Tasche, entsichere und feuere auf sie. Heulend fliehen die Hyänen, und Ruhe umgibt mich. Wie lange? Ich kenne die Zeit nicht mehr. Ich taste nach meinem Karabiner und finde ihn nicht. Ob die Hyänen ihn verschleppt, um den Karabinerriemen zu fressen? Ob ich ihn verloren oder weggeworfen? Ich weiß nichts mehr. – Da sind sie wieder, die Hyänen. Päng! Jetzt habe ich noch sieben Schuß im Rahmen meines Browning. Die letzten drei Patronen sind für mich bestimmt – ich muß mit Versagern rechnen bei diesem Spielzeug. Kaum daß ich noch den Arm zu meinem im Sande gebetteten Haupt und die Mündung des Browning an meine Schläfe bringe. Ein kurzes Stoßgebet: ›Laß es kein Fehlschuß sein, o Gott.‹ Endlich Vergessenheit.« – –
Lieber, als solche Gedanken zur Musik der Flötenakazien, die Gewißheit – auch wenn ein paar Kugeln pfeifen sollten! Lieber einen fröhlichen Reitertod! »Satteln! Aufsitzen! Marschrichtung: Löwenwasser!«
Galopp und Trab zu reiten, hatten wir längst aufgeben müssen – kaum ein ordentlicher Schritt war noch aus den Tieren herauszukriegen. Sie krochen dahin. Da – gegen fünf Uhr fingen die Maultiere, in dieser Beziehung (wie überhaupt) viel klüger als Pferde, an, Wasser zu wittern. Sie spitzten wieder ihre Ohren, ihre Sehnen strafften sich, sie fingen an auszuschreiten, gingen selbständig in Trab über und brachen endlich in einen Galopp aus, den kein Reiter zügeln konnte. Die Spitze hatte Mühe, vorweg zu kommen, und unsere Packtiere, die auf dem Marsch nicht geführt wurden, sondern auf eigene Faust einherliefen, ohne sich je weit von der Kompanie zu entfernen, sausten voraus. Die Pferde wurden endlich auch von den Maultieren angesteckt, und um sechs Uhr abends, nachdem die Tiere achtundzwanzig Stunden ohne Wasser auf dem Marsch gewesen waren, brauste die ganze Berittene Neunte im rasenden Galopp zum Löwenwasser heran, das – Gott sei Dank! – nicht besetzt war.