So, nun war vorläufig alles gut. Über das Heute hinaus soll ein Soldat im Kriege nicht denken. Nur die armen Menschen, die diese Nacht, nach dem Marsch von achtundzwanzig Stunden einschließlich Gefecht, auf Feldwache ziehen mußten, taten mir leid. Ich bin zweimal aufgestanden, mir die Feldwache anzusehen. Der Wachhabende, Unteroffzier Thiele, pendelte ständig zwischen seinen Askariposten hin und her und unterhielt sich mit ihnen. Er behauptete, wenn er sich hinsetzte, schliefe er sofort ein, um nie wieder aufzuwachen, und wenn er die Askari nicht unterhalte und Antworten von ihnen verlange, schliefen sie ihm im Stehen ein.
Von dieser Patrouille ist nicht mehr viel zu berichten. Das Eleleschowasser berührten wir auf dem Rückmarsch nicht, auch nicht das am falschen Narok. Wir hielten uns östlich von beiden, legten zwei Tagemärsche in einen, ritten durch paradiesische Täler der Matumbatuberge und erreichten um sieben Uhr abends nach vierzehnstündigem Marsch das Naudéwasser. Gegen Mittag, als wir in einem Tal der Matumbatuberge am Ufer eines starken Baches in hohem, saftigem Grase absattelten, um abzukochen, gab es noch eine kleine Aufregung. »An die Gewehre! Feind rückwärts!« Richtig, da tauchten in unserer Spur einzelne Reiter auf. Die Schützen besetzten den Bachrand – glücklicherweise wurde erst beobachtet, ehe geschossen wurde. Die Reiter waren Unteroffizier Fokken mit der Nachspitze. Wie man nur vergessen konnte, daß die Nachspitze noch hinter uns war?! Überanstrengung muß doch wohl den Geist stumpf machen.
Vom Naudéwasser brachte uns ein kleiner Tagemarsch zurück zum Longido, zu unsern Boys, zur Badegelegenheit, zur reinen Wäsche und zum guten Essen und Trinken. Die Tiere hatten bereits am Naudéwasser wieder Kraftfutter erhalten, das wir dort auf dem Hinmarsch versteckt hatten. Im Longido wurde der nächste Tag geruht. Am übernächsten Tage zogen wir mit Staub und Ruhm bedeckt im Doppelberglager wieder ein. Hauptmann Fischer, unser Abteilungsführer, dem der glückliche Verlauf der Patrouille schon vom Longido aus telephonisch gemeldet worden war, ritt uns entgegen und nahm schmunzelnd die Parade der heimkehrenden Krieger ab. Am Abend war großes Karama [Festessen] in der Offiziersmesse, bei dem auch das Ziel erreicht wurde – jedenfalls hatte ich vierundzwanzig Stunden später noch Haarweh.
Ausbildung im Garnisondienst
Im Feldlager auf dem Doppelberg gab es außer der altgewohnten Arbeit auch allerhand Neues. Die Buren wurden von der Berittenen Achten zu uns zurückversetzt, und der Abteilungsarzt, Oberarzt Klemm, vergnügte sich damit, uns allen einen leichten Typhusanfall einzuimpfen; er begleitete jede Einspritzung mit einem teuflischen Grinsen, obwohl er eigentlich ein ganz lieber Mensch war. Karl Blaich baute natürlich wieder. Das Lager war bereits neun Zehntel fertig. Das war sehr fatal; denn nun mußte es notwendigerweise aus strategischen Gründen verlegt werden. Wir schimpften alle, vom jüngsten Rekruten bis zum ältesten Offizier. Der Soldat schimpft gern mal, das gilt als sein gutes Recht. Am meisten schimpft er aber, wenn er zurück soll und nicht versteht, warum; Rückzugsbewegungen aus strategischen Gründen, mögen diese noch so berechtigt sein, liegen dem Soldaten nicht.
Aller Ärger half aber nichts, packen mußten wir doch. Am 5. Juli 1915 war das Lager abgebrochen, nur seine äußere Schale blieb stehen, und die Kompanie trat mit ihrem ganzen Troß die strategische Rückwärtsbewegung an.
Wir lagerten einige Tage vor dem Posten Kamfontein am Nordwesthange des Meru, während oberhalb des Postens am Urwaldrande ein Platz für das Kompanielager frei geschlagen wurde. Benannt wurde dieses neue Kompanielager nach einem in der Steppe vorgelagerten Berge das Lager am Oldonjo Sambu. Karl Blaich baute mit nie rastendem Eifer ein neues Lager von Graspalästen, noch viel schöner als das am Doppelberg.
Wir wohnten hier etwa zweitausend Meter über dem Meeresspiegel. Nachts und bis elf Uhr vormittags war dort eine Hundekälte. Die Schützen trugen fast den ganzen Tag ihre Indermäntel, so genannt, weil sie nach der Schlacht von Tanga den gefallenen Indern abgenommen, chemisch gereinigt und an die Europäer verkauft worden waren. In den kalten Hochsteppen, wo wir operierten, waren diese Mäntel eine reine Gottesgabe. Im Feldwebelbüro ließ ich mir sogar einen Ofen bauen – ein eisernes Zementfaß wurde mit vielen kleinen Löchern versehen und Holzkohle darin gebrannt.
So hätte es auch im neuen Lager eigentlich ganz behaglich werden können, wenn nicht plötzlich ein neuer Befehl eingetroffen wäre, des Inhalts: Die Kompanie ist im Garnisondienst besser auszubilden! – irgend jemand mußte dem Abteilungsführer schwer aufgefallen sein.