Also, nun nach einjähriger Kriegszeit mußten auch die schon bejahrten Kriegsfreiwilligen, die größtenteils schon wegen besonderer Tapferkeit Gefreiter und Unteroffzier geworden waren, noch wie Rekruten ausgebildet werden. Die alten, zum Teil recht alten, ungedienten Krieger konnten einem leid tun. Sie hatten gewiß nicht beabsichtigt, eine Mißachtung des Vorgesetzten zu bekunden, wenn sie im Stehen mit der Hand an der Mütze grüßten. Im Felde und am Feind waren sie die Bravsten der Braven, und schießen konnten die alten Jäger, daß es eine Lust war.

Jetzt wurden ihnen Kriegsartikel vorgelesen. Die alten ungedienten Afrikaner haben gestaunt, was es für eine Masse militärischer Vergehen und Verbrechen gibt, auf die sie von sich aus sicher nie gekommen wären. Ihre Ruhe ließen sie sich aber nicht nehmen. Jeder alte Kolonist, gewohnt, sich seinen Weg selbst zu erkämpfen, hat eine eiserne Ruhe und ein hartes Pflichtgefühl. Unsere jungen, zum Teil blutjungen Rekruten wurden blaß vor Schreck. Ihnen hatte ich ja freilich schon öfters in väterlicher Weise vorgehalten, daß es beim Militär nicht üblich sei, auf den Befehl eines Unteroffiziers zu antworten: »Du Armloch, du kannst mir sonst was.« Ausgeführt hatten sie ja trotzdem auch früher den Befehl des Unteroffziers – jetzt durften sie sich aber nicht mal mehr in Worten erleichtern.

Die gedienten Leute sahen ja recht wohl ein, daß der Garnisondienst auch zur Ausbildung eines guten Soldaten gehöre. Allgemein bedauert wurde nur, daß niemand in den ersten Monaten des Krieges auf den Gedanken gekommen war, die ungedienten Leute hinter der Front zusammenzuziehen und methodisch auszubilden. An andern Fronten war das, glaube ich, gemacht worden.

Im stillen, dunklen Urwalde des Meru wurde eine Schneise geschlagen, so weit entfernt vom Lager, daß die Askari und Träger von der Ausbildung der Europäer weder was sehen noch hören konnten. Hier wurden das Vorbeigehen in strammer Haltung, das Grüßen durch Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung und viele andere militärische Sitten und Gebräuche fleißig geübt. Leutnant Freund instruierte die ungediente Mannschaft, ich repetierte mit der alten gedienten. Botha und von Richthofen, die beide nur mit einem Bein vorschriftsmäßig marschieren konnten, weil das andere verletzt war – Botha hinterließ im Sand eine Fährte wie von zwei linken Füßen, die den Feind oft in Staunen gesetzt haben mag –, ersetzten die stramme Haltung durch ihren Eifer. Maushake, dem die Sehnen beider Oberschenkel durchgeschossen waren, brachte das »Leicht-Vornüberliegen« mit dem besten Willen nicht mehr fertig. Unteroffizier Dornier, der Chasseur alpin gewesen war, zeigte uns in den Instruktionspausen, wie man bei den Franzosen »Gewehr über« mache: er schlug mit dem rechten Fuß an den Gewehrkolben, das Gewehr überschlug sich ein paarmal in der Luft und lag dann auf der rechten Schulter – das reine Taschenspielerkunststück. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, daß Dornier uns nur veräppelte.

Als Fliegerersatz über dem englischen Bezillager

Schon seit einiger Zeit hatte unsere Kompanie, abwechselnd mit dem Konkurrenzunternehmen, das jetzt nach Geraragua, am Urwaldrande des Kilimandscharo, zurückverlegt war, Patrouillen zum englischen Bezillager zu reiten. Das Bezillager, an dem ich den Leser auf unserm Marsch zur Magadbahn westlich vorbeigeführt habe, war das Hauptkonzentrationslager der englischen Truppen gegenüber unserer Front. Von hier aus mußte an unserer Front die große englische Offensive – der Hunderttausend-Tonnen-Hammer, mit dem der Feind schon lange gedroht hatte – ihren Ausgang nehmen, und darum war es höchst wichtig für unser Kommando, ständig informiert zu sein, was im Bezillager vor sich ging. Da wir keine Flieger hatten, war dies eine Aufgabe der Kavallerie. Alle Patrouillen dorthin waren Schleichpatrouillen; den Auftrag, das große Bezillager anzugreifen, hatten sie natürlich nicht. Nur so stark sollten sie sein, daß sie es unterwegs eventuell mit einer englischen Patrouille aufnehmen konnten.

Am 1. August 1915 war unsere Kompanie wieder dran gewesen, die Bezilpatrouille zu stellen. Der Führer der Patrouille war Oberleutnant Trappe, mit ihm waren die Unteroffiziere Thiele und Müller, die Gefreiten Roth, Becker und Apel, der Bur Alwin Botha und vier berittene Askari. Thiele war schon am Bezillager gewesen, Roth und Botha, uns bereits durch den früher beschriebenen Reittierraid bekannt, waren beide erstklassige Porileute – unvorsichtig zusammengestellt war die Patrouillenmannschaft also nicht. Und doch war die Sache schief gegangen.

Die Patrouille war die Nacht durchgeritten. Als sie am nächsten Morgen am Wasser des Schwarzen Steins, am Südwestabhange des Longidogebirges, hatte tränken und abkochen wollen, stand sie unvermutet dem Feinde in einer Stärke von hundertfünfzig Gewehren und zwei Maschinengewehren gegenüber. Nur Unteroffzier Thiele, Botha und zwei Askari waren zum Kompanielager zurückgekehrt, auch sie ohne ihre Reittiere – für Alwin Botha eine staunenswerte Leistung, da er nur ein felddienstfähiges Bein besaß; von dem andern hatte er sich mal beim Gewehrreinigen die ganze Wade weggeschossen. Alle andern, die fünf Europäer und zwei Askari, galten seitdem als vermißt – ein herber Verlust für die Kompanie, der erste größere seit dem Gefecht am Ingito.

Als keine Hoffnung mehr bestand, daß der eine oder andere der Vermißten noch eintreffen könne, rückte die ganze Kompanie aus, um festzustellen, ob das Wasser noch besetzt sei, und um andernfalls das Gefechtsfeld abzusuchen. Vom Schwarzen Stein sollte dann gleich eine neue Bezilpatrouille, zu der ich mich freiwillig meldete, weiterreiten.

Am Tage vor unserm Abmarsch war Frau Trappe im Kompanielager eingetroffen. Sie bestand hartnäckig darauf, den Ritt zum Schwarzen Stein mitzumachen, und drohte ernstlich damit, allein hinreiten zu wollen, wenn ihr die Erlaubnis mitzureiten verweigert würde – sie wollte sich Gewißheit verschaffen über das Schicksal ihres Mannes. Frau Trappe kam hoch zu Roß bei uns an, den Karabiner im Gewehrschuh, Packtaschen am Sattel, ganz wie einer von uns. Wir wußten, daß sie reiten konnte wie wenige, Furcht nicht kannte und gewohnt war, allein auf Löwen oder Nashorn zu jagen. Aber trotz der hellen Bewunderung, die wir alle dem Mut und der Entschlossenheit dieser Farmersfrau zollen mußten, verursachte es uns doch ein ungemütliches Gefühl, sie mit uns zu wissen; denn der Feind würde die in Khaki gekleidete Frau kaum von einem Soldaten unterscheiden können. Nur mit Mühe hatten wir sie überreden können, wenigstens ihren Karabiner im Lager zurückzulassen.