Unsere Sorge war überflüssig gewesen. Wir fanden das Wasser am Schwarzen Stein vom Feinde bereits wieder geräumt. Ausgeschwärmt suchte die Kompanie nun das Gefechtsfeld genau ab. Wir fanden die Knochen von einigen unserer Reittiere – Hyänen, Schakale und Aasgeier hatten sie längst kahl gefressen –, die Lanzen der beiden Bengallancers, die Thiele umgelegt hatte, und – eine leere Whiskyflasche mit dem Namen »Apel«, mit Bleistift auf das Etikett geschrieben. Gräber fanden wir nicht. Also konnte keiner, weder Freund noch Feind, so schwer verwundet gewesen sein, daß er nicht mehr transportfähig gewesen wäre. Im Gefangenenlager zu Ahmednagar traf ich später die vermißten Europäer zu meiner Freude alle wohlbehalten wieder; Müller hatte sogar seine Hornbrille noch.

Die Bezilpatrouillen hatten schon immer als gewagte Unternehmen gegolten. Nun, nachdem sie der Achten einmal einen Askari und einundzwanzig Reittiere und jetzt uns fünf Europäer, zwei Askari und elf Reittiere gekostet hatten, galten sie für gefahrvoller denn je. So, wie die Neunte geartet war, gehörte es folglich zum guten Ton, eine Bezilpatrouille mitgeritten zu haben.

Die Bezilpatrouille, die am Sonntag, dem 7. August, mittags vom Schwarzen Stein weiterritt, war zehn Europäer und zehn Askari stark. Ihre Führung hatte Leutnant Freund, ein früher in Deutschland aktiver Offizier, der kurz vor dem Kriege aus Deutsch-Südwest- nach Deutsch-Ostafrika gekommen war mit der Absicht, sich dort als Farmer niederzulassen. Mit ihm zogen meine Wenigkeit, Trommershausen, Mittag, Stein, Schmid, Karl Blaich, Fokken, Hans Kaufmann und – als einziger dem Leser noch nicht Bekannter – der Unteroffizier Zierold, den das frühere Patrouillenkorps Büchsel mit in den Kompanieverband eingebracht hatte, ein junger, lustiger, bei allen Kameraden beliebter Mensch.

Wir ritten den ganzen Nachmittag quer durch die Steppe in der Richtung zum Namangasumpf, der, vom gleichnamigen Fluß gebildet, kurz jenseits der Grenze südöstlich vom Erok liegt. Leider erreichten wir ihn erst nach Dunkelwerden, und leider stand Mondschein nicht im Kalender. Es gibt verschiedene Stellen, an denen man den Sumpf leicht durchschreiten kann, aber im Dunklen fanden wir sie nicht. Wir versuchten, durch das Schilf durchzudringen. Das Schilf ist dort zwei bis drei Meter hoch und so stark und dicht, daß wir es ein Stück erklettern mußten, um es durch unser Körpergewicht umzuknicken. Schwitzend, schimpfend und von Moskitos arg gequält, drangen wir in diesen Schilfwald ein, um, als nach einstündiger harter Arbeit das Schilf dünner wurde und endlich in Steppenland überging, die Entdeckung zu machen, daß wir auf derselben Seite, von der aus wir eingedrungen, auch wieder herausgekommen waren. (Wer einstens diesen Sumpf drainiert und beackert, wird der reichste Farmer in Ostafrika werden.) Nach einem nochmaligen Versuch, uns einen Weg durch das Schilf zu bahnen, gaben wir es auf und ritten östlich, dann südöstlich am Sumpf entlang, bis wir uns einbildeten, daß er schmäler würde und die Moskitos weniger. Dann lagerten wir für den Rest der Nacht.

Glück muß der Soldat haben. Am nächsten Morgen fanden wir, daß wir auf einer Steppeninsel des unteren Namangaflusses gelagert hatten, daß das Schilf tatsächlich dort nur dünn und der Sumpf leicht passierbar war – wir merkten uns diese Stelle und den Lagerplatz für den Rückweg vor. Wir ritten nun durch das alte, jetzt verlassene Low-Hills-Lager der Engländer, ließen deren Kidongoilager am Erok links liegen und hielten den ganzen Tag, ohne seit dem Namanga wieder auf Wasser zu stoßen, in nördlicher Richtung auf das Elmobarashagebirge zu, nordwestlich von dem das Bezillager liegen sollte. Ich sage »sollte«, denn keiner von uns allen war bisher je dort gewesen.

Solange es Tag war, ritten wir nach der Karte immer querfeldein durch Steppe und Busch. Als es Nacht geworden war, ritten wir nach den Sternen – Sternkunde muß unbedingt unter die Instruktionsthemata ostafrikanischer Porisoldaten aufgenommen werden. Als die Sterne durch Wolken verschleiert waren, ritten wir auf gut Glück und nach einem Taschenkompaß. So ein Ding für die Uhrkette, wir kennen es alle, 3,60 Mark das Dutzend – wer sich darauf verläßt, ist verraten und verkauft. Berge gab es genug in der Gegend. »Der springende Punkt« war, den richtigen Berg noch in der Nacht zu finden. Nur von ihm aus konnte man in das englische Lager einsehen, und nach Tagesgrauen durften wir hier in der blanken Steppe, in der Nähe der großen englischen Etappenstraße und des Bezillagers, nicht mehr gesehen werden. Berge, die vor Sonnenuntergang schon ganz nahe vor uns zu liegen schienen, wollten in der Nacht nicht näherkommen. Berge, die uns bei Tage aus der Entfernung hoch vorgekommen waren, waren jetzt plötzlich ganz niedrig. Es war zum Verzweifeln. Unter dem Schirm eines Indermantels, auf dem Boden liegend, wurde beim Streichholzschein die ausgebreitete Karte studiert, um festzustellen, wo wir hingeraten sein mochten. Viel kam dabei nicht heraus, höchstens, daß es jetzt zehn verschiedene Meinungen gab anstatt fünf, wie vorher.

Nach stundenlangem Wursteln kamen wir an was Gebirgiges. Wenn dies das Elmobarashagebirge sein sollte, dann war es ein Betrug. Das war ja höchstens ein Hügel. Da wir aber achtzehn Stunden auf dem Marsch und alle hundemüde waren, beschlossen wir einstimmig, daß dieser scheinbare Hügel das Elmobarashagebirge sein müsse. Wir ritten noch ein Stück hinein, sattelten in einem flachen Koongo ab und pennten.

Einstimmigkeit soll man gelten lassen. Als wir uns bei Morgengrauen umschauten, waren wir richtig im Elmobarashagebirge. Wir hatten in der Nacht nicht gemerkt, daß wir bereits lange Zeit sanft bergan geritten waren. Der Hügel, der uns als ein Betrug erschienen war, sollte uns noch viel Gelegenheit zum Klettern geben. Vor allen Dingen mußten wir fix da weg, wo wir gelagert hatten. Wir standen dort wie auf dem Präsentierteller, von überall aus der Steppe sichtbar. Kaum hatten wir dies mit Schrecken bemerkt und festgestellt, daß wir von Osten, unweit von einem feindlichen Posten, in das Gebirge eingedrungen waren, als ein dichter Nebel uns freundlichst einhüllte. Unter seinem Schutz kletterten wir höher in das Gebirge hinein. Wir trafen auf eine Massaiviehtränke, aus der wir tränkten und unsere Feldflaschen neu füllten. Frischer Dung verriet, daß Massai hier täglich verkehrten. Wir durften also da nicht bleiben, wollten wir nicht gemeldet werden. Wir kletterten mit unsern Tieren noch höher ins Gebirge hinein, bis wir einen von der Steppe her gegen Sicht gedeckten schönen Weideplatz fanden. Hier wurde abgesattelt.

An der Nordwestecke des Gebirges gab es, wie wir aus den Patrouilleberichten wußten, einen Punkt – aber auch nur diesen einen! –, von dem man wie aus der Vogelperspektive in das Bezillager hineinsehen konnte. Die Engländer unterhielten verschiedene Posten im Elmobarashagebirge, aber diese eine Stelle haben sie merkwürdigerweise nie besetzt. Leutnant Freund machte sich mit zwei Europäern zu Fuß auf den Weg, um diesen Aussichtspunkt zu suchen, in der Hoffnung, daß sich der Nebel, der uns am Morgen günstig gewesen war, gegen Mittag verziehen werde. Wieder hatten wir das Glück auf unserer Seite – der Nebel tat uns den Gefallen und verzog sich. Sonst hätten wir solange im Gebirge bleiben müssen, bis ein nebelfreier Tag gekommen wäre. Das Elmobarashagebirge hat von Norden nach Süden drei oder vier parallellaufende Kämme, die Freund und seine Gefährten alle überklettern mußten. Erst gegen vier Uhr nachmittags kamen sie todmüde, aber mit einer genauen Skizze des Bezillagers in der Tasche, zu den Tieren zurück.

Um fünf Uhr sattelten wir und führten auf einem Nashornwechsel, durch Busch gedeckt, zurück an den Waldrand im Nordosten des Gebirges. Erst nach Dunkelwerden brachen wir aus der Deckung heraus in die offene Steppe, in der Nacht und Tag feindliche Patrouillen das Elmobarashagebirge umritten; sobald wir durch diesen Patrouillengürtel zum zweitenmal glücklich durch waren, war unsere Aufgabe in der Hauptsache gelöst. Abwechselnd im Trab und Galopp durchritten wir schnell und ungehindert die gefahrvolle Zone.