Karl Blaich führte. Auf seinem langbeinigen Bruno, einem Halbblutaraberwallach, trabend, gab er ein mächtiges Tempo an, so daß die Maultiere in der Kolonne fast ständig galoppieren mußten, um mitzukommen. So ein echter Poriführer, der seine Sache gut machen will, hat seine üblichen fünf Sinne und als sechsten seinen Poriinstinkt mächtig zusammenzuhalten. Es genügt nicht, daß er die richtige Marschrichtung innehält, er soll auch nachts in einem ihm gänzlich unbekannten Gelände, ohne Weg und Steg, stets da führen, wo das Gehen den Tieren am leichtesten wird; er soll Schluchten und undurchdringlichen Busch, wulstiges Gras, torfigen, brüchigen oder steinigen Boden, kurz alle Marschhindernisse instinktiv vermeiden, ohne dabei eine Sekunde zu zaudern oder unnötig große Umwege zu reiten. Die Fähigkeiten hierzu müssen angeboren sein – anerziehen lassen sie sich nur bis zu einem gewissen Grade. Unsere besten Poriführer, geborene Führer, waren unter den Buren: Piet Nievenhuizen, Louis van Rooyen und, wenn er aufpaßte, Alwin Botha, bei den Deutschen: Thiele, Karl Blaich und Max Truppel. Wir hatten genug Leute in der Kompanie, die sich vor dem Kriege auf Jagd und dann im Kriege durch Übung eine ganz brave Pori-Kenntnis angeeignet hatten, aber den Genannten konnten wir alle nicht das Wasser reichen.
Unter Karl Blaichs Führung waren wir flott vorausgekommen. Zwölf Uhr nachts sattelten wir irgendwo in Gottes schöner, freier Natur ab und schliefen vier Stunden. Dann ging es weiter, ein Stück Weges begleitet von einigen Löwen, zurück zu der Steppeninsel im unteren Namangasumpf. Hier kochten wir zum erstenmal ab, seitdem wir das Kompanielager verlassen hatten. Bis dahin hatten wir uns nicht getraut, Feuer zu machen. Schmeckte der »Blaue Heinrich« diesmal aber fein!
Nachmittags ritten wir quer durch die Steppe, die zwischen dem Kilimandscharo und Longido liegt, gerade auf die Ngasseraibuga los. Nach Sonnenuntergang wurde es grausam kalt. Es pfiff ein solch eisiger Wind, daß mir die Zügelhand ganz klamm wurde. Und dabei war ich so müde, daß ich im Reiten einschlief und immer dann erst wieder aufwachte, wenn ich beinahe unten lag. Ein Wunder war es eigentlich nicht, daß wir müde waren. Wir hatten in den letzten hundertzwanzig Stunden nur zwanzig Stunden geschlafen.
Gegen ein Uhr nachts waren wir in der Ngasseraibuga. Wir sattelten ab und hauten uns hin, aber die Kälte und die Löwen, die ständig unsere Tiere beunruhigten, ließen uns auch dort die richtige Ruhe nicht finden. Am nächsten Tage machten wir am Engare Nanyuki einen halben Ruhetag. Stein hatte ein Stück Wild geschossen, wir konnten baden – was wollten wir mehr?! Am übernächsten Tage, nach sieben Patrouillentagen, waren wir zurück im Kompanielager am Oldonjo-Sambu.
Durch den ostafrikanischen Großen Graben ins Winterhochland
Ende August 1915 widerfuhr der Neunten wieder einmal eine strategische Rückwärtsbewegung. Diesmal durften sogar alle entbehrlichsten Lasten der Europäer nicht mit nach dem neuen Lager überführt, sondern sie mußten nach dem befestigten Aruscha gebracht werden. Spottlustig, wie nun mal Soldaten sind, nannten sie das seitdem die »Angstlasten«. Daß sie abtransportiert wurden, war an sich recht gut; denn einzelne Leute hatten sich von ihren Farmen allmählich ihre halbe Einrichtung kommen lassen, und die Kompanie war dadurch immer mehr in ihrer Beweglichkeit gehindert. Aber der eigentliche Zweck des Abtransports, nämlich, jene »Angstlasten« in Sicherheit zu bringen, ist nicht erreicht worden. Sie fielen vielmehr sämtlich – darunter auch meine gesamte, für fünf Jahre berechnete Ausrüstung als Zivilmensch und alle meine Farmbücher und -akten – später beim Rückzug der Abteilung Aruscha in die Hände des Feindes.
Wir zogen also gegen Ende August wieder um, diesmal in unser letztes Dauerlager am Engare Olmotonje, unweit Aruscha. Seine Musteranlage habe ich schon oben beschrieben. Ich selbst habe es nur wenig frequentiert, denn zunächst rückte die ganze Kompanie auf fünf Wochen zu einer großen Fernunternehmung aus, und dann wurde ich von meinem Kompanieführer für drei Monate nach auswärts verpumpt.
Die große Monster- und Riesenpatrouille, zu der die ganze Berittene Neunte am 31. August, wenige Tage nach dem Umzuge, ausritt – sie war von vornherein auf eine Dauer von fünf bis sechs Wochen berechnet – wird den Leser hoffentlich nicht schon patrouillenmüde finden. Es hilft ihm nichts – wir durften ja auch nicht patrouillenmüde werden; ich bin es, im Vertrauen gesagt, nie geworden, denn als Etatsmäßiger war ich weit lieber auf Patrouille als unter den Büchern und Akten des Feldwebelbüros. Aber der Leser wird es auch nicht bereuen, uns bei dieser Unternehmung zu folgen – führte sie doch in eine ihm und auch den meisten von uns ganz neue Gegend, nach Westen zu über den ostafrikanischen Großen Graben in das Gebiet der Riesenkrater und in Landstriche, die für Europäerbesiedlung wie geschaffen erscheinen. Dazu lernen wir bei dieser Gelegenheit auch eine Persönlichkeit kennen, für die ganz Jungafrika schwärmte. Der militärische Zweck dieser Unternehmung war, wenn ich ihn richtig verstanden habe, der, den Feind an einer ganz neuen Front zu beunruhigen und ihn dadurch zu zwingen, Truppenverschiebungen zur Entlastung unserer alten Front vorzunehmen.
Von unsern Kompanieoffizieren ritten nur mit der Kompanieführer Oberleutnant Büchsel und Leutnant Berghöfer, der seit einigen Wochen als Ersatz für den vermißten Oberleutnant Trappe von der Berittenen Achten zu uns versetzt worden war. Leutnant Freund wurde gleich in den ersten Tagen der Patrouille krank und mußte umkehren. Oberleutnant Meyer hatte Typhus und lag im Lazarett in Aruscha. Typhus grassierte, bevor Oberarzt Klemm uns impfte, ziemlich stark in der Kompanie – kein Wunder, da unsere Patrouillen so manches Mal, durch den Durst gezwungen, in Versuchung kamen, Sumpfwasser oder verdorbenes Regenwasser aus irgendeiner Pfütze ungekocht zu trinken. Alle mir bekannten Typhusfälle sind aber leichter Natur gewesen, und ich habe überhaupt nie gehört, daß in Ostafrika unter einigermaßen normalen Verhältnissen ein Soldat an Typhus gestorben wäre.
Da wir auf den Reit- und Packtieren nicht für fünf Wochen ausreichende Verpflegung unterbringen konnten, mußten uns Verpflegungsträger für einen Teil des Marsches begleiten. Je zwei Europäer durften eine Last und jeder einen Boy mitnehmen.