Ich nahm meinen einäugigen Boy, den ausgerissenen Missionspetro, auf dieser Patrouille mit. Trotz der oft langen Märsche, die er zu Fuß, mit seinem eigenen Gepäck und Proviant für mehrere Marschtage beladen, machen mußte, war Petro bei jedem Halt mit der Reserveflasche kalten Tees oder Kaffees zur Stelle, und wenn wir abkochten, hatte er sofort ein Feuer im Gange. Ich habe mich oft gewundert, woher der Junge nach zehnstündigem oder längerem Marsch in Staub und Sonne immer noch die Energie hernahm, für mich zu sorgen. Nicht ein einziges Mal habe ich ihn zu rufen brauchen; stets war er da, wo für meine Bequemlichkeit irgend was getan werden konnte. Und dabei machte Petro stets ein freundliches Gesicht, soweit ihm das mit seiner einen Gesichtshälfte gelingen wollte; die andere Hälfte mit dem fehlenden Auge grinste nicht mit, und der Gesamteindruck wirkte daher auf Leute, die ihn nicht kannten, etwas beängstigend. Ich nahm Petro mit, weil mein anderer, mehr rundlicher Boy Sakiva von starken Anstrengungen leicht Fieber bekam. Beide waren Wachagga, aber der hagere Petro hatte, glaube ich, einen Einschlag von Massaiblut.
An Trägern hatten wir etwa achtzig Mann mit, lauter ausgesucht kräftige Leute. Der Stamm unserer Träger bestand aus Wanjamwezi, die von der ehemaligen Abteilung Geraragua und von meinem Olmologposten übernommen worden waren. Sie haben vom ersten Tage des Krieges an mitgemacht, und sie waren noch bei der Kompanie, als ich nach zwei Jahren gefangen wurde. Was die Leute in der Zeit geleistet haben, ist gar nicht auszudenken, und wie viele tausend Kilometer sie mit einer Last auf dem Kopf zurückgelegt haben mögen, möchte ich nicht ausrechnen müssen. Und dabei waren sie bis zu Ende willig und meistens sogar recht vergnügt. Etwas Berechnung ihrerseits mag wohl dabei gewesen sein, daß sie so gern bei der Kompanie blieben. Wären sie weggelaufen oder auf Wunsch entlassen worden, so hätte irgendeine Etappe sie sicher sofort wieder aufgegriffen und als Etappenträger eingestellt. Letzteres galt aber als das größere Übel; der Dienst dort war noch anstrengender, weil er nie unterbrochen wurde. –
In den ersten drei Marschtagen durchquerten wir die Tiefsteppe des ostafrikanischen Großen Grabens – zwischen den Kilimandscharo- und Merusteppen einerseits und dem Winterhochland andererseits (nicht zu verwechseln mit dem Großen Zentralafrikanischen Graben, in dem der Tanganjika- und Albert-Njansa-See liegen). In der Hauptrichtung von Nord nach Süd laufend, hat jener Graben auf der Westseite einen scharf markierten Steilrand, auf der Ostseite aber, von der wir kamen, fällt das Gelände allmählich ab; erst nördlich vom Natronsee ist auch der östliche Grabenrand des hier enger werdenden Grabens klar erkenntlich.
Wir stiegen nordöstlich der Ostausläufer des Mondulgebirges in die Tiefsteppe hinunter und zogen dann zwischen dessen Westausläufern im Süden und dem Ketumbeinegebirge hindurch. In dieser Tiefsteppe ist man ganz auf Regen- und Grundwasser angewiesen. Wir fanden in Felslöchern noch genügend Regenwasser, das freilich weder sehr appetitlich aussah noch besonders schön roch; es wurde natürlich vor dem Gebrauch gekocht. Tausende zierlicher Webervögel in allen Farben frequentierten diese Wasserlöcher und ließen sich durch das Wasserschöpfen der Träger und Boys nicht im geringsten stören. In der Trockenzeit sackt alles Regenwasser ab, man muß dann nach Grundwasser graben. Solches wird man nach einigem Suchen fast immer in den mächtigen, oft haustiefen Koongos finden, von denen die Tiefsteppe zerrissen ist. Freilich darf man nicht damit rechnen, am Ende der Trockenzeit noch so viel zu finden, daß es für große Karawanen oder Viehtransporte genügt. Wer Grundwasser in einem Sandkoongo sucht, grabe dort, wo Wild gescharrt hat oder wo Schmetterlinge sich auf den Sand setzen.
Unser dritter Marschtag bedeutete eine Durststrecke von neun Stunden. Wir wußten, daß wir vom Koongo ya Kabrule bis Engaruka, unserm Ziele am Grabenrand, kein Wasser finden würden, und beschlossen deshalb, besonders unserer Träger wegen, einen möglichst großen Teil der Durststrecke in der Nacht zurückzulegen. Um acht Uhr morgens traf die Kompanie am Engarukabach ein, der, aus dem Winterhochlande kommend, sich in einer Reihe von Wasserfällen lustig den steilen Grabenrand herabstürzt. Bei seinem Wasserreichtum und dem zu erzielenden Wasserdruck würde er, systematisch ausgenutzt, mehrere hundert Farmen mit ausreichendem Wasser versehen können. Jetzt ergießt er sich in die Steppe und bildet dort ein übles, ungesundes Sumpfgelände. Selbst höher hinauf am Graben, wo der Posten lag, litten Europäer und Askari an Malariaanfällen; Stelzl, ein Bayer, der kurz vor dem Kriege hier eine Farm belegt und ein Wohnhaus zu bauen angefangen hatte, klagte sehr darüber.
Den starken Außenposten Engaruka, dem auch der Posten Ngorongoro angegliedert und unterstellt war, kommandierte der Vizefeldwebel unserer Kompanie Dr. Sinning, genannt »der alte Stock«, obwohl er lange nicht so alt ist wie ich. Der Posten selbst wurde von der Abteilung Aruscha gestellt; da diese anscheinend über keinen geeigneten Postenführer verfügte, hatte ihr unsere Abteilung den Dr. Sinning gepumpt. Vom Dezember an bis Anfang März 1916 bin ich sein Nachfolger gewesen.
Der gute Kamerad Sinning hatte für den Empfang und für den Aufenthalt seiner Kompanie alles aufs beste vorgesehen. Es gab Grasbuden für die, die nicht vorzogen, im Freien zu schlafen. Es gab Ochsen- und Ziegenbraten. Es gab Bananen, Papayen, Erdnüsse, Zitronen von den Mashamba [Pflanzungen] der Eingeborenen und, sage und schreibe, europäisches Gemüse aus Stelzls Gemüsegarten. Es gab Eier und Kükenbraten. Es gab Körnermais für die Tiere. Vor allem aber gab es aus dem Bergstrom ein herrliches klares, kaltes, ganz natronfreies Quellwasser zu trinken. Nach dem dreitägigen heißen Ritt durch die Tiefsteppe mit ihrem übelriechenden, abgekochten alten Regenwasser kamen sogar hartgesottene Sünder, am Rande des Engaruka sitzend, beinahe auf den Gedanken, für den Rest ihres Lebens Wassertrinker zu werden. Prächtig war auch die Badegelegenheit im Engarukabach. Den ganze Tag konnte man rauhe Kriegsknechte in Felslöchern sitzen sehen, um sich von den Wasserfällen ihre Haut peitschen zu lassen. Wenn sie genug hatten, lagen sie wie Seehunde auf den Felsplatten und sonnten sich.
Ich sagte oben: »natronfreies Wasser«. Das ist wichtiger, als das Wort ahnen läßt. Der Engaruka und sein Nachbar, der Rongai, sind nach Norden hin die letzten Wasser, die natronfrei sind. Alle Flüsse, die weiter nördlich vom Grabenrand herunterkommen, sind ebenso wie die, die sich aus dem östlich des Grabens liegenden Geleigebirge, aus heißen Quellen gespeist, in den Natronsee ergießen, stark natronhaltig. Natronhaltiges Wasser löscht aber nicht den Durst, sondern vermehrt nur noch das Durstgefühl. –
Der Abschied von Engaruka und unserm liebenswürdigen Wirt am nächsten Nachmittag ist uns allen recht schwer geworden. Um den Grabenrand erklettern zu können, mußten wir noch sieben oder acht Kilometer in nördlicher Richtung an ihm entlangreiten. Wir durchquerten hierbei das um diese Jahreszeit unten in der Steppe ausgetrocknete Flußbett des Engare Rongai und trafen am Fuß des Keremasiberges auf den Anfang des Aufstieges.