Zwei Wege führen hier zum Hochland hinauf. Unsere Trägerkolonne schlug den kürzeren, von Eingeborenen ausgetretenen Fußpfad ein, der sich in steilen Serpentinen hochwindet. Die Kompanie ritt auf dem von Stelzl für den Farmer Adolph Siedentopf angelegten längeren Fahrweg. Stelzl hat bei der Anlage dieses Fahrweges für den Ochsenwagenverkehr großes Geschick bewiesen. Freilich muß, wer hier hinauffahren will, aus dem ff mit Ochsen umzugehen verstehen – für Anfänger ist der Weg nicht gedacht.
Der Höhenunterschied zwischen der Tiefsteppe in der Grabensohle, aus der wir kamen, und der Hochsteppe des Winterhochlandes beträgt etwa tausend Meter; infolge der vielen Schlangenwindungen unseres Weges erfordert der Aufstieg mehrere Stunden. Bei einer Wasserstelle, nach dem zu Beginn des Krieges von den Wasonjo an die Engländer verratenen und bei einem Überfall gebliebenen Schutztruppenfeldwebel Bast »Kambi ya Bana Bast« benannt, traf die Kompanie wieder mit der Trägerkolonne zusammen. Hier wurde für die Nacht gelagert.
Am nächsten Morgen führte uns der Weg scharf am Rande des Elanairobikraters vorbei. Zehn Schritt von seinem Rande ahnt man noch nichts von ihm. Man stelle sich eine grasige, mit leichtem Busch bestandene Ebene vor, in der sich ganz unerwartet ein riesiges, trichterförmiges Erdloch auftut, das ein 1000-Zentimeter-Geschoß, wenn es das gäbe, gewühlt haben könnte. Das kreisrunde Kraterloch, dessen Wände bewaldet sind, ist nach meiner Schätzung etwa sechshundert Meter tief und hat oben einen Durchmesser von vielleicht fünfzehnhundert Meter. Unten im Kraterloch befindet sich ein kreisrunder See von schätzungsweise achthundert Meter Durchmesser, dessen Rand rosig in der Sonne schimmerte. Es sind aber nicht Wasserrosen, die dort leuchten, sondern die Rücken und Flügel von Tausenden von Flamingos, die am Seerande auf einem Bein im Wasser stehen und solange regungslos, den Kopf etwas auf einer Seite, in das Wasser schielen, bis sie ihren Fisch erwischt haben. Zuweilen sahen wir einen Schwarm Flamingos sich träge erheben und wie eine leichte Wolke Apfelblütenblätter über dem Wasser treiben. Ein Kiboko [Flußpferd], deren es viele in diesem Kratersee geben soll, mag sich dem Ufer genähert haben, seine Nasenlöcher aus dem Wasser haben auftauchen lassen und wie ein Walfisch einen Wasserstrahl in die Luft geblasen haben. Das Kiboko verschwand, und die schwärmenden Flamingos ließen sich wieder auf ihre alte Futterstelle nieder. Sicher haben sich die Flamingos nicht ohne geräuschvollen Protest aufscheuchen lassen, aber dort hoch oben, wo wir bewundernd standen, hörte man keinen Laut. Ich hatte das Gefühl, als ob eine ganz andere, fremde Welt dort tief unten zu meinen Füßen läge.
Wir ritten nun durch die saftige, grüne Landschaft des Winterhochlandes und stiegen dann hinein in den riesigen Bulbul-Krater, der beinahe bis an seinen Rand mit Geröll und Asche angefüllt ist. Über dieser Unterschicht hat sich eine dünne Humusschicht gebildet, durch die die Tiere bei jedem Schritt bis zum Knie durchtraten. Außerdem ist diese lose Unterschicht unterminiert von Tausenden von Schakalen. Wer im Bulbulkrater nächtigen wollte, der würde wegen des Gebells der Schakale wenig Ruhe finden. Dieser Krater hat einen Durchmesser von vielleicht zwölf Kilometer. Über eine steile Geländestufe klettern wir aus ihm heraus wieder in das saftige Winterhochland hinein, das immer noch langsam ansteigt.
In dieser Hochsteppe stießen wir auf eine Gnuherde, und ein prächtiger Bulle wurde für die Verpflegung der Kompanie erlegt. Da drei Schützen gleichzeitig auf ihn gefeuert hatten und sich darüber stritten, wessen Kugel – alle drei wußten genau, wo sie abgekommen waren – den Bullen zur Strecke gebracht hätte, wurde unser Sanitätsrat gerufen, um den Fall zu begutachten und den Wettstreit zu entscheiden. Nach längerer Untersuchung der drei Einschüsse, während der die Kompanie andächtig schweigend zusah, gab unser Sanitätsrat sein Urteil dahin ab, daß der Gnubulle an keiner Kugel, sondern am Herzschlag eingegangen sei. Mit lautem, anhaltendem Gelächter wurde dieses Urteil begrüßt.
Unser Sanitätsrat – er wurde sehr böse, wenn er hörte, daß wir ihn so nannten – war der Sanitätsfeldwebel Stein. Bei der Kompanie stand er in dem Ruf ungemeiner Gelehrsamkeit, von der er in selbstloser Weise gern seinen minderbegabten Mitmenschen recht viel mitteilte. Stein hielt sich auch für einen großen Praktiker, und es machte ihm ganz besondere Freude, sein tiefes Wissen auf allen Gebieten auch in die Praxis umzusetzen. Als er im Mai 1915 von der Infanterie zu unserer Kompanie versetzt worden war, hatte er im Lager bald Lernbegierige um sich versammelt, und es war ulkig anzusehen, wie diese alten erfahrenen Patrouillenreiter den Schalk in ihren Augen zu unterdrücken wußten, wenn Stein lange Vorträge darüber hielt, was man auf Patrouille essen und wie man auf Patrouille abkochen müsse.
Als nun unser lieber Sanitätsrat zum erstenmal auf Patrouille mitritt und seinen vorzüglichen Koch nicht mitnehmen durfte, hieß es, selbst seine Weisheit in der Praxis bewähren. Ob ihm dabei etwas unheimlich zumute war, weiß ich nicht. Merken ließ er sich nichts, und auch seine Bewunderer, die ihm zusahen, als er zum erstenmal selber abkochen mußte, machten die unschuldigsten Gesichter von der Welt.
Ich sehe das Bild noch heute deutlich vor mir. Stein kniete, nachdem er ein Feuer angemacht hatte, neben dem Sanitätslastpacksattel und würgte, stark schwitzend, mit Anstrengung aller seiner Kräfte aus demselben etwas wurstartiges Langes heraus, das kein Ende zu nehmen schien. Jemand fragte, was das sei. »Ein Sack mit Reis«, sagte Stein, »Reis ist das einzige richtige Patrouillenfutter. Im heißen Indien und in China leben die Menschen nur von Reis.« »Aber, Mensch«, rief jemand, »Sie haben da gut und gern zehn Kilo Reis in dem Beutel, der reicht ja für zweihundert Mahlzeiten, und die Patrouille soll doch nur sechs Tage dauern.« »Verstehen Sie nicht«, antwortete Stein gekränkt, »Reis kann der Mensch nie zuviel essen – übrigens bin ich kein Mensch, sondern der Sanitätsvizefeldwebel Stein. Merken Sie sich das!«
Nun füllte Stein sein großes Kochgeschirr beinahe bis an den Rand voll trockenen Reis, goß ein wenig Wasser nach und hing das Kochgeschirr über sein Feuer. Steins Bewunderer stießen sich heimlich an und blinkten sich zu, sagen taten sie aber kein Wort. Einige Erzschelme warfen unter dem Vorwande, sich besonders gefällig erweisen zu wollen, noch trockene Reisige auf Steins Feuer, so daß die Flammen hoch über dem Kochgeschirr zusammenschlugen. Bald kochte das Wasser, und die Reiskörner fingen an, sich mollig darin zu dehnen. Da sie im Kochgeschirr bei ihrer Menge hierzu nicht genügend Platz fanden, quollen sie in wildem Ungestüm oben aus ihm heraus. Stein machte ein sehr bedenkliches Gesicht, wie er all seinen schönen Reis ins Feuer kleckern sah. Er goß mehr Wasser zu. Für einen Augenblick beruhigte die kalte Dusche den Reis, und Stein fing an aufzuatmen. Zu früh! Schon wieder quoll der Reis oben aus dem Kochgeschirr – toller, denn zuvor. Energisch griff Stein jetzt zu seinem Löffel, schöpfte während zehn Minuten den überquellenden Reis oben ab und warf ihn wütend unter seine Jünger, die sich scheckig lachen wollten. – Seitdem kochte Stein nie mehr, sondern ließ sich auf Patrouillen seinen Reis von dem Askari kochen, der das Sanitätspacktier mitsamt der Reislast zu führen hatte.