Kurz nach der vorbeschriebenen Gnujagd, die mich auf Stein brachte, überschritten wir den höchsten Punkt der Winterhochlandsteppe. Das Gelände senkte sich, und nach kurzem Marsch erreichten wir den Lemungefluß, der, vom Olmotikratersumpf kommend, das Winterhochland durchfließt und im Ngorongorokrater endet. In seinem Oberlauf hat der Lemunge auch in der Trockenzeit Wasser genug, um bei systematischer Verteilung hundert Farmen zu versehen – ein idealeres Klima, als dort oben im Winterhochlande, kann ich mir für eine Europäerbesiedlung überhaupt nicht vorstellen. Am Ufer des Lemunge wurde abgekocht und für die Nacht gelagert. Am nächsten Morgen wollten wir in den Ngorongorokrater hineinreiten, in dessen Kessel Adolph Siedentopf seit 1905 seine Farm hat.
Adolph Siedentopf – welcher Ostafrikaner kennt diesen Namen nicht? Ich hatte schon in Berlin, ehe ich nach Deutsch-Ostafrika fuhr, von ihm gehört. In allen Erzählungen von Adolph Siedentopf haftete seiner Person eine überirdische Kraft an, etwa wie den Paladinen Karls des Großen. Nur ganz wenige Kompaniekameraden hatten ihn persönlich gesehen, und auf die mußte er einen erschütternden Eindruck gemacht haben, denn sie sprachen nur mit ehrfurchtsvoller Scheu von ihm. Sein Königreich im Ngorongorokessel hatte noch keiner der Kameraden zu betreten gewagt. Einzelne waren auf Viehsafari am Rande desselben vorbeigekommen – den alten Löwen in seinem Bau zu besuchen, hatte sich keiner getraut.
An jenem Abend am Lemungefluß war an jedem Lagerfeuer nur von Adolph Siedentopf die Rede. In ihre Indermäntel gehüllt, hockten die Krieger dicht an den Feuern und ließen die Pulle weitergehen; denn die Nacht war grausam kalt. Umgebung und Stimmung waren dazu angetan, Räuberpistolen zu erzählen und ihnen zuzuhören. Auch an unbeabsichtigten Übertreibungen wird es dabei nicht gefehlt haben, handelte es sich doch für die Erzähler um ihren afrikanischen Helden. Was ich erlauscht, will ich versuchen wiederzugeben. Was Wahrheit, was Dichtung ist, wird nur Adolph Siedentopf selbst beurteilen können.
Adolph Siedentopf ist Hannoveraner. Als Jüngling, nachdem er alle Studien für die Apothekerlaufbahn beendet, trieb es ihn in die Ferne. Vor heute vielleicht vierzig Jahren landete er in Daressalam und nahm Stellung in der dortigen Apotheke an. Seine Abenteuerlust war hiermit keineswegs befriedigt. Bald trieb sie ihn von der Küste ins Innere, und im jetzigen Bezirk Muansa handelte Adolph Siedentopf mit Elfenbein und Vieh. Das war noch zu der Zeit, in der man für drei Gnuschwänze oder eine Nähnadel eine Färse eintauschen konnte. Es unterliegt daher keinem Zweifel, daß Adolph Siedentopf bei diesen Viehpreisen gut vorankam, aber die Behauptung, daß er nahe daran gewesen wäre, sich zum selbständigen König von Muansa ausrufen zu lassen, halte ich dadurch allein noch nicht für begründet.
Im Jahre 1905, kurz bevor das Massaireservat eingerichtet wurde, belegte Adolph Siedentopf den Ngorongorokessel, in dem bisher deutsche Massai ansässig gewesen waren. Das Areal im Kraterkessel ist 24 000 Hektar groß, und von 1905 bis 1915 konnten sich die deutsche Regierung und Adolph Siedentopf nicht darüber einigen, ob, wie die Regierung sagte, 6000 Hektar oder, wie Adolph Siedentopf behauptete, 24 000 Hektar von ihm belegt seien. Erst 1915, im Kriege, hat, wie ich hörte, der frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Arning eine Einigung herbeigeführt – ihr Resultat kenne ich nicht.
Als Adolph Siedentopf sein Kraterreich bezog, brachte er zweitausend Stück Großvieh und eine Leibgarde von sechs aus dem belgischen Kongo entlaufenen, bis an die Zähne bewaffneten Askari mit, die früher Menschenfresser gewesen waren. Trekburen aus Südafrika, die damals in jener Gegend Elefanten jagten, halfen ihm für kurze Zeit; sie waren es auch, die ihm das Burenhaus nach südafrikanischem Stil bauten, in dem er 1915 noch wohnte. Adolph Siedentopf hätte es gern gesehen, wenn die Massai alle mit ihrem Vieh im Krater geblieben wären. Die Regierung war aber wieder anderer Ansicht. Ob die Regierung dem alten Muansagerücht doch Glauben schenkte und Adolph Siedentopf, der als Fundi [Kenner, Meister] in der Massaisprache und in Massaisitten galt, Selbstherrschergelüste zutraute? Nur mit Mühe gelang es Adolph Siedentopf, von der Regierung das Zugeständnis zu erhalten, zwanzig während der Rinderpest verarmte Massaifamilien, die kein Vieh mehr besaßen, als Hirten auf seiner Farm behalten zu dürfen. Diese zwanzig Familien waren 1915 noch bei Adolph Siedentopf, und sie besaßen bereits wieder tausend Kopf Rinder und zwölfhundert Stück Kleinvieh. Ob sie die alle selbst gezüchtet oder ob sie auch dazu geklaut hatten, darüber schweigt die Geschichte.
Mit dem Gouvernement stand Adolph Siedentopf aus begreiflichen Gründen lange auf leichtem Kriegsfuße. Daß eine Natur, wie er, und eine bürokratische Regierung sich schwer verstanden, ist eigentlich nicht zu verwundern. Polizeiaskari, die ihm eine Verfügung zuzustellen hatten, wagten sein Reich schon kaum mehr zu betreten, und einmal rückte sogar der Befehlshaber des Militärpostens Umbulu mit größerer Macht gegen Adolph Siedentopf aus. Sein Haus wurde umstellt, und mit »Seitengewehr pflanzt auf!« ging das Militär vor. Natürlich war Adolph Siedentopf viel zu gut unterrichtet gewesen und viel zu klug, um sich bei einer solch windigen Sache zu Hause aufzuhalten.
So und ähnlich erzählte man sich am Lagerfeuer, und ich darf sagen, daß ich selten der Bekanntschaft eines Mannes mit größerem Interesse entgegensah wie damals der von Adolph Siedentopf. –
Am nächsten Morgen brachte uns ein Marsch von drei Stunden von Südosten über den eingestürzten, leicht bewaldeten Rand des Ngorongorokraters in dessen Kessel hinein. Von der Stelle, wo wir ihn betraten, bis zu dem gegenüberliegenden Rande des etwas ovalen Kessels sollen es elf Kilometer sein. Obwohl die Kraterwände an einigen Stellen ein paar hundert Meter aufsteigen mögen, erscheint der Krater dem Auge wegen seiner Riesengröße doch nicht besonders tief. Die Kratersohle ist zumeist flach und baumlos und mit feinem, dichtem, vorzüglichem Weidegras bedeckt. Etwa zwei oder drei Kilometer vom südlichen Kraterrande, dort, wo eine leichte Erdwelle sich aus der Kratersohle erhebt und am Ufer des Lemungeflusses einige Baumgruppen zu sehen sind, liegt das Farmgehöft. Weiterhin endet der Lemunge in einem Sumpf, der sich nach der Regenzeit zu einem See erweitert. Aus der mir bei diesen Beobachtungen gegenüberliegenden Kraterwand ergießen sich drei weitere Gebirgsbäche in den Krater. An dem einen waren Adolph Siedentopfs Massai ansässig, an den beiden anderen, weiter östlich, hatte Friedrich Wilhelm Siedentopf, der jüngere Bruder unseres ostafrikanischen Helden, seit einigen Jahren vor dem Kriege einen vielversprechenden Farmbetrieb eingerichtet.