Dr. Sinning hatte seinen Postenführer in Ngorongoro, den Unteroffizier Oskar Frowerk, von der Ankunft der Kompanie unterrichtet. Sicher kannte auch Adolph Siedentopf, der nicht eingezogen war, genau Datum und Stunde unseres Eintreffens, und wenn er es nicht wußte, mußte er uns die drei Kilometer auf blanker Steppe doch haben anreiten sehen. Tatsache ist, daß, als die Kompanie vor seinem Hof-Fenz [Einfriedigung] absaß und der Dinge oder richtiger der Personen harrte, die da kommen sollten, lange keine kamen. Endlich erschien ein Askari des Postens, um uns über den Hof weg zu der Stelle am Lemungefluß zu führen, die Unteroffizier Frowerk unter Schattenbäumen als Lagerplatz für die Kompanie ausgesucht hatte. Vorbereitungen wie die, mit denen Dr. Sinning uns so angenehm überrascht hatte, waren hier nicht getroffen worden. Auch als die Kompanie über den Farmhof ritt und zum Farmhause kam, zeigte sich kein Adolph Siedentopf. Erst als der Kompanieführer absaß, den kleinen Vorgarten vor dem Hause durchschritt und die Verandastufen hinanstieg, trat die Hünengestalt von Adolph Siedentopf aus der Haustür auf ihn zu. Der offizielle Empfang der Kompanie war also kühl – kalt wie eine Hundeschnauze. Dafür ist dann der inoffizielle Empfang und die Aufnahme der einzelnen Krieger seitens Adolph Siedentopfs und seiner hübschen jungen Frau, wie wir sehen werden, um so wärmer und herzlicher gewesen.
Ich hatte Adolph Siedentopf bei dem offiziellen Empfange nur flüchtig gesehen, da ich mit der Unterbringung der Kompanie zu tun hatte, aber immerhin lange genug, um eine Einladung in sein Haus zu erhalten. Nachdem ich mich so sauber gemacht hatte, wie das auf Patrouille möglich ist – galt es doch zum erstenmal seit langer, ach wie langer Zeit, einer Dame, und noch dazu einer schönen Dame, meine Aufwartung zu machen –, begab ich mich mit Leutnant Berghöfer zum Farmhause zurück, wir beide in der Absicht, zunächst nur einen kurzen Anstandsbesuch zu machen. Unsern Kompanieführer fanden wir dort bereits vor.
Da saßen wir nun gegen elf Uhr vormittags in der niedrigen, trauten, äußerst behaglich eingerichteten Farmhausstube um einen großen Tisch – Herr und Frau Siedentopf, meine beiden Offiziere und ich. Zu Anfang wollte die Unterhaltung nicht recht in Fluß kommen, und da ich das Empfinden hatte, wir dürften den Besuch so kurz vor Tisch nicht ungebührlich lange ausdehnen, trat ich Leutnant Berghöfer auf den Fuß und blinzelte ihm zu. Er gab das Signal an den höheren Vorgesetzten weiter, wurde aber scheinbar nicht verstanden. Der Kompanieführer ging in seiner gewohnten Weise immer noch »Volldampf voraus«, und ich war trotz des unbehaglichen Gefühls, vielleicht aufdringlich zu erscheinen, doch auch wieder sehr neugierig auf den Augenblick, in dem Adolph Siedentopf mehr aus sich herausgehen würde.
In Manchesterreithose und -joppe gekleidet, saß dieser Kraftmensch mit dem herrlichen Imperatorenkopf in unserer Mitte. Er trug zu jener Zeit einen Vollbart, aus dem seine Adlernase kühn hervorstand. Zwei große dunkle Augen unter starken Augenbrauen musterten uns andauernd. Ich hätte mich vor ihnen fürchten können, wenn ich nicht hin und wieder einen argen Schalk in diesen Feuerrädern hätte aufblitzen sehen. Aber nicht nur seelisch ist Adolph Siedentopf trotz seinem langen Aufenthalt in Deutsch-Ostafrika ein Kraftmensch geblieben, sondern auch körperlich. Ich habe letzteres beobachtet, als ich ihn später im Gefangenenlager zu Nairobi wieder traf. Der vierundvierzigjährige Mann sprang im Schlußsprung ohne Sprungbrett 1,20 Meter hoch, blieb unübertroffen im Steinstoßen und schnellte, auf dem Rücken liegend, einen auf seiner Magenhöhle stehenden Turner mit den Bauchmuskeln fünf Zentimeter in die Luft. Für den, der Geist und Körper durch rege Arbeit in Training hält, kann also das Klima der ostafrikanischen Hochsteppen doch nicht ganz unbekömmlich sein.
Ich hatte mich nicht verrechnet. Allmählich geriet Adolph Siedentopf durch seine eigenen Erzählungen selbst immer mehr in Feuer. Der Fragen bedurfte es nicht mehr. Alle, einschließlich Frau Siedentopf, die höchstens mal mit einem »Aber, Adolph!« einfiel, hörten andächtig zu und ließen kein Auge von seinem ausdrucksvollen Gesicht. Ich bin bei solchen Gelegenheiten ein geübter Dauerschweiger und werde daher fälschlich zuweilen für einen ganz netten Gesellschafter gehalten. Hier kam mir diese Eigenschaft sehr zugute. Ich hätte tagelang sitzen, schweigen und zuhören können – nur meine Lachmuskeln, fürchte ich, hätten es nicht ausgehalten. Ich will versuchen, einige von Adolph Siedentopfs Geschichten wiederzugeben, obwohl sie hier nur schwach ausfallen können; denn seine überzeugenden, absoluten Glauben erzwingenden Blicke, die jede Pointe markierten, lassen sich auf dem Papier nicht ausdrücken.
»Ich hatte mal wieder den ganzen Vormittag am fernen Ende des Kessels auf diese Racker von Gnu gejagt. Ich brauchte Gnuschwänze. Ein Assistent wollte sein Monatsgehalt, und Bargeld ist in dieser Gegend noch knapp. Ich schieße Gnu am liebsten mit dem einundsiebziger Gewehr. So ein Bleibatzen haut ordentlich hin, und man verschwendet keine Munition. Als ich so fünfzig Gnu umgelegt und nur noch eine Patrone übrig hatte, gab ich meine Morgenarbeit auf, befahl einigen Massais, die Gnuschwänze zu sammeln, und trollte mich mit meinem Boy, der mein Gewehr trug, und mit meinem Foxterrier durch die blanke Steppe zurück zum Gehöft. Es war glühend heiß geworden. Was half’s – ich wollte Muttern nicht mit dem Essen auf mich warten lassen und stampfte daher tüchtig drauflos. Plötzlich, als ich nur an Muttern dachte – wenn ich allein bin, denke ich stets nur an Muttern (hier bekam Frau Siedentopf den großen Blick und sagte: ›Aber, Adolph!‹) – nahm mich aus gar nicht großer Entfernung ein Nashorn an. Ehe ich mir mein Gewehr von dem Boy geben lassen und dem Nashorn eins aufbrennen konnte, war es bis auf drei Schritt an mich heran. Bautz! sagte die alte Knarre – bums, stand das Nashorn stockstill. Na – eine Patrone hatte ich nur gehabt, und ein Baum, auf den ich hätte klettern, oder ein Erdferkelloch, in das ich hätte kriechen können, waren weit und breit nicht zu sehen. Also sagte ich zu meinem Boy: ›Junge, renn’ fix nach Hause und laß dir von Muttern Patronen geben.‹ Ich blieb drei Schritt vor dem Nashorn stehen. Neben mir lag mein Terrier in der prallen Sonne und ließ seine durstige Zunge weit hängen. Echte Foxterrier sind sehr empfindlich für die Hitze. Das Nashorn stand stockstill. Ich auch. Nur mein Terrier zog es bald vor, sich links neben das Nashorn in dessen Schatten zu legen. Als die Sonne höher stieg und der Schatten des Nashorns kürzer wurde, kroch ihm der Terrier nach. Bald lag er unter dem Bauch des Nashorns und endlich, als mein Boy mit den Patronen kam, ein ganzes Stück rechts vom Nashorn. Aus diesem Schattenspiel konnte ich berechnen, daß mein Boy zwei Stunden gebraucht hatte, die Patronen zu holen, daß ich dieselbe Zeit vor dem Nashorn gestanden hatte und daß Mutter schon mit dem Essen auf mich warten würde.«
Da Adolph Siedentopf schwieg, fragte jemand unvorsichtig: »Ja, aber das Nashorn?« Adolph Siedentopf runzelte die starken Brauen, schoß einen Blick auf den Genauigkeitskrämer und sagte: »Mann, Sie haben aber auch gar keinen Humor. Die Pointe einer guten Geschichte ist doch, daß man die Pointe nicht erklärt. Aber, wenn Sie’s absolut wollen, tue ich auch das. Das Nashorn hatte natürlich Blätter der Euphorbie gefressen, deren Wolfsmilch genau in demselben Augenblick zu wirken anfing, als meine Kugel die Magenwand zerriß und der Wolfsmilch unmittelbaren Zutritt in das Blut des Nashorns gab. Das Nashorn stand folglich unter einer Narkose.« –
»Ja, mit den Assistenten hat man auch seine Plage. Nicht allein, daß sich einige weigern, ihr Gehalt in natura, d. h. in Form von Gnuschwänzen, anzunehmen – seit Jahren die gangbarste Münze bei mir –, sondern auch auf Jagd sind sie schwer zu zügeln, besonders wenn sie neubacken von Deutschland gekommen sind. Hatte ich mal da einen Assistenten – war ein kreuzbraver Mensch und ein tüchtiger Arbeiter, aber von der Jagd konnte er nicht lassen. Lange bevor der Tag graute, pflegte er schon in die Gegend zu ballern. Na, der tut’s nicht weh. Eines Morgens, als ich, wieder mal von anhaltendem Gewehrfeuer geweckt, auf die Veranda hinaustrat, sah ich Stelzl – nun ist mir der Name doch gegen meinen Willen entschlüpft – langsam und, wie mir schien, tief geknickt aus meinem Maisfeld auf mich zukommen. ›Na, Mann‹, rief ich ihn an, ›was haben Sie an diesem schönen Morgen schon aus dem Leben zum Tode befördert?‹ Antwortet mir der Mensch: ›Drei von Ihren Eseln, Herr Siedentopf!‹ – Himmeldonnerwetter! Die Esel waren in der Nacht aus der Boma ausgebrochen, um sich im Mais gütlich zu tun, und dieser Mensch schießt mir die drei besten Reitesel tot. Er hatte in der Morgendämmerung meine Esel für Zebra gehalten. Wenn Sie Stelzl heute fragen, ob er schon mal ›Wildesel‹ geschossen habe, schlägt er Sie tot.« –
»Mal war ich mit Friedrich Wilhelm, meinem Bruder, oben am Kraterrand auf Büffeljagd. Die Jagd war sehr ergiebig gewesen und wir hatten nahezu alle Patronen verknallt. Ich hatte überhaupt keine mehr, aber Friedrich Wilhelm hatte noch zwei Schuß in seinem Siebenmillimetergewehr, das er allen anderen Jagdgewehren vorzieht. Da sahen wir auf zweihundert Meter noch einen prächtigen Bullen stehen, der uns äugte. Ich sagte zu Friedrich Wilhelm: ›Mensch, laß ihn stehen. Du hast nur noch zwei Schuß im Gewehr, es könnte schief gehen.‹ Friedrich Wilhelm, ein vorzüglicher Schütze, war, wie Brüder immer sind, anderer Meinung. Er kniete nieder und schoß beide Kugeln in den Bullen. Beide saßen, aber der Büffel legte sich nicht, sondern nahm wutschnaubend an. Nun war Holland in Not. Ich rauf auf den einzigen, nicht allzu kräftigen Baum, der in der Nähe stand, und Friedrich Wilhelm rin in ein Erdferkelloch, zehn Schritt vor meinem Baum. So ein angekratzter Büffel ist ein gefährliches Vieh, und eine besonders unangenehme Eigenschaft von ihm ist es, daß er nicht weggeht, solange er den Feind noch sehen kann. Krach! lief er gegen meinen Baum, der unter meiner Körperlast so schon bedenklich schwankte. Knack! fuhr sein Gehörn beim Erdferkelloch in den harten Boden, sobald Friedrich Wilhelm den Kopf herausstreckte. So ging es lange hin und her. Ich fürchtete für meinen Baum und ordnete seine Zweige so, daß der Büffel mich nicht mehr sehen konnte. Nun ließ er von mir ab und attackierte nur noch das Erdferkelloch, sobald Friedrich Wilhelm den Kopf heraussteckte. ›Mensch‹, rief ich, ›bleib doch still in deinem Loch, sonst sitzen wir hier noch bis übermorgen!‹ Der Büffel drehte wieder gegen meinen Baum, und Friedrich Wilhelm schrie mir zu: ›Sitz du mal still in einem Erdferkelloch, wenn unten ein Leopard drin ist!‹« –