So, nur noch viel schöner hatte Adolph Siedentopf eine Geschichte nach der andern erzählt, und ich hatte Tränen gelacht, bis ich beinahe hysterisch wurde. – Meine Sünden, für die ich übrigens in diesem Falle meine Vorgesetzten mitverantwortlich mache, fielen mir erst wieder ein, als Adolph Siedentopf seiner Frau, die Zeichen innerer Unruhe gab, zunickte, und diese nun zu uns sagte: »Es ist Mittag vorbei – da die Herren nun doch mal hier sind, bitte ich Sie, zu Tisch zu bleiben.« So, da hatten wir es aber gründlich, und verdient hatten wir es auch.

»Nun müssen wir hier eine kurze Zeit heraus, es soll gedeckt werden«, sagte der Hausherr. »Kommen Sie, meine Herren, ich zeige Ihnen inzwischen meine Apotheke und meine Löwenfelle.« Beide waren sehenswert, aber mich interessierte ein Haufen ungeöffneter Briefe mit dem Dienstsiegel, die auf dem Fensterbrett der Apotheke lagen, doch noch mehr. Lachend erklärte Adolph Siedentopf: »Aus meiner Junggesellenzeit! Jetzt tue ich so was natürlich nicht mehr. Wenn die Behörde etwas von mir wollte, schickte sie mir einen Polizeiaskari mit einem dieser Amtsschreiben. In mein Haus durfte mir der Mann nicht kommen, und annehmen, körperlich annehmen meine ich, wollte ich diese Briefe auch nicht. Ich öffnete also das Fenster und sagte dem Askari: ›Junge, lege deinen Brief da man hin und laß dir von dem Aufseher was zu essen geben.‹ Das tat der Askari denn auch und war froh, so gelinde wegzukommen.« – Als ich Adolph Siedentopf fragend ansah, lag ein kindlich unschuldiges Lächeln in seinen Augen, und er sagte weich: »Ja, ja, da liegt das Erzeugnis vieler kluger Köpfe. Wissen Sie, ich verderbe mir so ungern die frohe Laune, darum habe ich die Briefe nie geöffnet.«

Daß Frau Siedentopf uns glänzend bewirtete, »da wir nun doch mal da waren«, brauche ich kaum zu sagen. Gartenerdbeeren mit Schlagsahne krönten das Mahl. Im Laufe der fünf Tage, während derer die Kompanie in Ngorongoro ruhte, hat Frau Siedentopf nacheinander sämtliche Kompaniekameraden zu Tisch gehabt und mit Erdbeeren und mit Schlagsahne regelrecht genudelt.

Die Kompanie lagerte im Koongo des Lemungeflusses im Schatten alter Wildfeigenbäume unweit des Farmgehöftes. Sie pflegte sich nach Herzenslust. Es war eine fünftägige Zeit der Fettlebe und des Auf-Vorrat-Schlafens. Fette Hammel, fette Schweine, fette Butter, fette Milch und fette Käse gab es von Morgen bis Abend in Quantitäten, wie sie nur Patrouillenreiter, die auch auf Vorrat zu essen gelernt haben, verdrücken können. Frau Siedentopf wirkte und schaffte von früh bis spät, um für die vielen hungrigen Krieger zu sorgen. Außerdem machte sie zum Mitnehmen noch Hammelfleisch und Gemüse in Büchsen ein, die sich in den Satteltaschen unterbringen ließen. –

Die Sehenswürdigkeit des Ngorongorokraterkessels sind seine Gnuherden. Dreißigtausend Gnu bevölkern den Kraterkessel; genau so gut hätte ich auch sechzigtausend sagen können. Wenn Herden von Vieh oder Wild in solchen Massen zusammen sind, geht selbst einem alten australischen Viehzüchter, wie mir, das Schätzungsvermögen aus. Ich habe diese riesige Herde wilder Rinder aus der Entfernung in Ruhe gesehen, ich bin auf meinem Hengst Otto neben der ganzen, im Galopp befindlichen Herde hergaloppiert – so nahe, daß ich einzelne Tiere mit dem Revolver bequem hätte schießen können –, der Boden hat gedröhnt und gezittert, und ich habe gestaunt über die Menge der dicht zusammengedrängten, sich im gleichen Tempo bewegenden Rücken, ich habe, da die Rücken silbergrau in der Sonne leuchten, an Heringsschwärme gedacht, aber die Gnu zu zählen oder auch nur annähernd ihre Zahl zu schätzen, vermochte ich nicht.

Die Gnu sind nicht zu bewegen, den Ngorongorokessel zu verlassen. Man hat es verschiedentlich versucht, einmal sogar mit Militärhilfe, sie aus dem Kessel zu vertreiben. Stets haben sie im letzten Augenblick die Treiberketten durchbrochen. Durch Inzucht und periodischen Futtermangel stark degeneriert, durch Seuchen von Zeit zu Zeit dezimiert, von Mensch und Raubwild gejagt, vermehrt sich die Gnuherde trotzdem von Jahr zu Jahr, und von der süßen Weide im Kessel will sie nicht lassen. Adolph Siedentopf ist nur dadurch imstande, etwas Weide für sein Vieh zu sichern, daß er etwa dreißig Hunde hält, alle auf Gnu dressiert. Diese Hunde halten in unmittelbarer Nähe des Gehöfts die Weide frei von Gnu. Sie bekommen nur Magermilch, ihre Fleischrationen müssen sie sich selber holen. Ich beobachtete eines Morgens, wie eine Meute dieser Hunde aller Rassen ein Gnu von der Herde absonderte und vor die Veranda des Farmhauses hetzte, damit ihr Herr es erschieße. Sonst reißen sie auch ein Gnu mit vereinten Kräften draußen in der Steppe. –

Um sich dem Ehepaar Siedentopf gegenüber für die opulente Bewirtung erkenntlich zu zeigen, veranstaltete die Kompanie am Abend vor dem Weitermarsch ein Sportfest mit anschließender Varietéaufführung. Der Gouvernementsrat Fritz König hatte die Leitung in die Hand genommen und ließ seinem fröhlichen Naturell und seinem goldigen Humor ganz freien Lauf. Der Totalisator war schon vor dem Rennen, sobald bekannt wurde, wer wen ritt, tätig gewesen. Auch der übliche Unfall blieb nicht aus: ein das Pferd markierender Soldat stürzte unglücklich und renkte sich die Hand aus. Dornier, der hübsch auf der Zither spielen konnte, dirigierte die Varietékapelle mit einem einen Meter langen und zehn Zentimeter dicken Bambusknüppel. Unermüdlich und unparteiisch schlug er die Mitglieder der Kapelle auf die Köpfe, daß der Taktstock nur so knackte. Die Instrumente der Kapelle bestanden aus einer Mundharmonika, zwei Kuhhörnern, einem Kessel, einem Taschenkamm und einem Steigbügeleisentriangel.

Die Zuschauer – Herr und Frau Siedentopf, die Offiziere und ich – saßen im trockenen Flußkoongo, die Bühne war das jenseitige Ufer der Schlucht. »Mariechen«, »Gretchen« und »Hänschen« hatten sich hinter Frau Siedentopf gesteckt und steckten jetzt in der Blütenlese ihrer Garderobe. Sie mimten allerliebste kleine Mädel, die beiden ersteren von der zarten, bescheidenen Sorte, Hänschen Kaufmann vom modernen vorlauteren Typus. Der Schütze Bieleck als »Cowboy«, wozu er nur aufzutreten brauchte, wie er immer gekleidet ging, ritt ein dressiertes Gnu in hoher Schule vor; es bestand aus einem richtigen Gnukopf und -schwanz und einem Woilach, unter dem ein o-beiniger und ein x-beiniger Krieger Gangarten vorführten, die bei einem wirklichen Gnu das Eingeben von einigen Flaschen »Stacheldraht« oder »Sarglack« wohl verursacht haben könnte. Der Kaufmann Bruno Muhl aus Aruscha, unser fähiger Magazinverwalter, trat als Taschenspieler auf und ließ Rupienstücke durch den Tisch fallen und verschwinden; zu dieser Nummer schrie die ganze Varietégruppe wie aus einem Munde: »Kein Wunder, daß der Farmer arm bleibt!«, und die Kapelle blies einen Tusch. Bana matunda, der als Sekundaner mal hatte Komiker werden wollen und sicher seinen Beruf nicht verfehlt haben würde, gab unter ungeheuren Heiterkeitsausbrüchen eine Anzahl komischer Schlager im reinsten Berliner Dialekt zum besten, so alt, daß selbst die Ältesten unter uns sich ihrer nicht mehr entsannen. Auch trat er als Affenmensch auf. Die Glanznummer des Abends – wie Herr Direktor König verkündete – war, unter Mitwirkung sämtlicher Artisten, der Überfall der Karawane eines Forschungsreisenden durch Massai. Nach der Vorstellung wurde das Ehepaar Siedentopf unter Vortritt der Kapelle von allen Artisten nach Hause begleitet, und mit einem donnernden dreimaligen Hoch vor dem Farmhause schloß der Abend. Ich glaube nicht, daß der alte Ngorongorokrater in seiner Geschichte je zuvor Ähnliches erlebt hat.

Für den Weitermarsch am nächsten Morgen hatte der Schütze Friedrich Wilhelm Siedentopf, der zur Abteilung Aruscha gehörte und von Jagd- und Viehsafari her die Gegend bis Nairobi kannte, Führerdienste übernommen. Unsere Boys ließen wir in Ngorongoro zurück, von den Verpflegungsträgern nahmen wir nur einen Teil, die kräftigsten, mit, aber auch diese nur noch für einige Tagemärsche.

Wir folgten zunächst im Winterhochlande für einige Stunden dem Laufe des Lemungeflusses und nahmen da, wo wir ihn überschritten, noch reichlich Wasser, da jetzt eine lange Durststrecke kommen sollte. Gegen ein Uhr nachmittags verließen wir den Lemunge, ließen das Olmotigebirge links liegen, schwenkten nördlich davon nach Westen ein und begannen, gerade als es anfing dunkel zu werden, den Abstieg vom Winterhochland zur Albalbalsteppe – eigentlich hätte ich wohl Albalbalkratersohle sagen sollen, aber dieser Krater ist so riesengroß, daß man die Vorstellung eines solchen ganz verliert. Der Abstieg verunglückte. Wir verbiesterten uns im Dunkeln, irrten stundenlang, die Tiere führend, im Geröll umher, um endlich doch auf halber Höhe, zwischen Steinen und auf den harten, schwarzen Stoppeln frisch abgebrannten Steppengrases liegend, das Tageslicht zu erwarten.