Am nächsten Morgen folgte dann ein endlos scheinender Marsch durch die trockene, heiße, sandige Albalbalsteppe, bis wir etwa um zwölf Uhr mittags, also nach dreiundzwanzig Durststunden, das Geierwasser, eine tief im Randgebirge verborgene schwache, natronhaltige Quelle, erreichten. Um an das Wasser zu gelangen, mußten wir in einer Felsschlucht hochklettern über Felsplatten und um Felsblöcke. Mein Hengst war vor Durst so ungeduldig, daß ich ihn nur mit Mühe davon zurückhalten konnte, an den Felsen hochzuspringen; er zerschlug sich den Kopf am Gestein, daß die Hautfetzen flogen, und riß mich öfter um, als mir lieb war. Als ich vom Wasser zurückgekehrt war und mich hinlegte, fühlte ich mich derartig zerschlagen und erschöpft, daß ich für immer hätte liegenbleiben mögen. Die Mittagssonne brannte mitleidlos, und das lauwarme natronhaltige Wasser reizte den Durst mehr, als es ihn löschte. Daß die Massai diese Wasserstelle das Geierwasser nennen, finde ich sehr angebracht. Die vom Durst erschöpften Steppentiere, die in der Trockenzeit an diese Quelle verschlagen werden – also in einer Zeit, in der das stark natronhaltige Wasser nicht durch Regenwasser verdünnt ist –, mögen schwer wieder von ihr wegfinden. Sobald sie von der Quelle zur Steppe zurückgekehrt sind, werden sie aufs neue Durst spüren und immer wieder das Wasser aufsuchen, das fürchterlich durchschlägt, die schon erschöpften Tiere gänzlich ermattet und sie endlich den Geiern zum Opfer fallen läßt. Die vielen weißen Knochen, die im Koongo des Geierwassers bleichten, zeugten davon.

Nur weg von dieser unheimlichen Stelle! Drei Marschstunden weiterhin sollte wieder Wasser sein – natronfreies Wasser! Diese Hoffnung belebte die armen Träger, und vorwärts ging der Marsch in Hitze und Staub über die offene Steppe. Nur Mut – bald gibt es Wasser in Hülle und Fülle! Wir marschierten drei Stunden, wir marschierten vier Stunden – immer noch kein Wasser! Aber neben uns in der Steppe sahen wir mehrere Nashörner und anderes Wild in gleicher Richtung mit uns einem vor uns liegenden Waldstreifen entgegenziehen. Das ließ unsere Hoffnung wieder steigen. Es fing schon an zu dämmern, als wir endlich den Akaziengürtel erreichten, hinter dem das Wasser sein sollte. Noch eine Stunde durchs Buschgelände, dann waren wir glücklich an der Stelle, wo der Arashfluß den obligaten Sumpf bildet. Er heißt wie der Fluß, der sich in der Regenzeit aus ihm weiter in die Steppe hinein ergießt, Malambo. Hier fanden wir ausreichendes süßes und, da wir Sumpfwasser schon lange nicht mehr beanstandeten, trinkbares Wasser. Ein Wildbraten wurde geschossen, und schöne, kräftige Weide erquickte unsere Reittiere; auch das Papyrusgras, das dort wuchs, wurde von ihnen gern gefressen. Um den Trägern, die sich auf dem letzten Marsch fast übermenschlich hatten anstrengen müssen, Zeit zum Ausruhen zu geben, lagerten wir hier bis zum nächsten Nachmittag.

Unser Weitermarsch vollzog sich im Tale des Arash, in dem wir langsam wieder zum Winterhochland hinaufkletterten. Es ist in seinem unteren Teile tief in das Gebirge eingeschnitten und unten am Fluß mit dichtem Urwald bestanden. Unser Weg – der einzige, für den Platz in dem engen Tal war – war ein stark begangener Nashornwechsel; die ganze Gegend stank nach Nashorn, dessen trockene, zertrampelte Losung den Wechsel oft einen halben Fuß tief eindeckte. Auch dieser Nashornwechsel war wieder angelegt, als ob ein Verschönerungsverein im Interesse des Sonntagspublikums tätig gewesen wäre. Er lief auf ausgesucht ebenem Terrain bald rechts, bald links neben dem Fluß her, den er an den bequemsten Stellen kreuzte, oft in der Nähe eines tiefen, mit Wasser gefüllten Felsenbassins, zum Suhlen für Nashörner und zum Baden für Menschen gleich gut geschaffen. Um die Zeit, als wir ihren Wechsel benutzten, müssen die Nashörner unten in der Steppe gewesen sein, wo wir ihrer viele gesehen hatten – begegnet ist uns auf dem Wege kein einziges.

Gegen Mittag des zweiten Marschtages (seit Malambo) kamen wir in eine Gegend, die auf der Karte als weißer Fleck eingezeichnet ist. Der Mensch kann hier also noch nicht oft gewesen sein, und wo er nicht ist, hat Weiß, die Farbe der Unschuld, ihre Berechtigung. Dies merkte man auch der Tierwelt an. Kleine Vögel – in Südafrika nannten wir sie Flapper – umschwirrten meinen Kopf wie Mücken; wie diese verscheuchte ich sie mit der Hand. Gazellen blieben zwei Schritt vor der Kolonne stehen und äugten uns neugierig. Eine Herde Büffel, fünfunddreißig Kopf stark, stand einmal am gegenüberliegenden Uferabfall nur fünfzig Meter entfernt und ließ die ganze Kompanie an sich vorbeipassieren. Nachtvögel, Eulen und Käuze konnten wir mit der Hand greifen.

Ganz allmählich war das Flußtal weiter geworden, und ganz allmählich ging der Urwald in Steppenbusch über. Den ganzen dritten Tag marschierten wir noch im oberen Tal des Arash oder vielleicht eines seiner Nebenflüsse. Die Karte versagte noch immer. Wir hatten hier viel Wasser und schöne Weide in leicht bewaldeter, sanft ansteigender Hochsteppe, durch die ein Steppenbrand sich langsam weiterrollte und die Nacht erhellte.

Am nächsten, d. h. dem vierten Marschtage seit Malambo, nahm die Landschaft mehr und mehr das Gepräge einer offenen Steppe an. Wir waren in die Gegend gelangt nördlich der Serengeti und nordwestlich des Sonjohochlandes, die viele Jahre hindurch vor dem Kriege und noch hinein bis in das zweite Kriegsjahr von englischen, über unsere Grenze eingedrungenen Massai dicht bewohnt gewesen war. Den Lomuruberg – jetzt sind wir wieder auf der Karte – links liegen lassend, fanden wir im Sumpfende des Guasobaches, am Ostfluß des Ojondoberges, reichliches Wasser. Die Steppe, die wir auf dem Marsch zu diesem Wasser durchritten, hat die beste Schafweide, die ich bisher in Deutsch-Ostafrika gesehen hatte.

Aus dieser Steppe stiegen wir am nächsten Marschtage durch einen Urwaldstreifen noch eine Geländestufe höher zu einer Hochsteppe hinauf, die ganz dicht von Massai besiedelt gewesen sein mußte. Sehr wohlhabend müssen diese Massai gewesen sein, denn ihre Bomen waren von solcher Größe und von solcher Solidität im Bau der mit einem Gemisch von Lehm und Viehdung beschmierten niedrigen, flachen Grashütten, wie ich sie im deutschen Massaireservat nie gesehen hatte; fast jede halbe Marschstunde trafen wir auf eine oder mehrere dieser großen Bomen. Diese Gegend mußte sehr stark bestockt, ich möchte sagen überstockt mit Rindvieh und Schafen gewesen sein; denn das Gras war bis an die Wurzel abgeweidet.

Dieser Umstand gab uns schwer zu denken. Vom Guasobach war der Gefreite Kürbis, ein Farmer vom Sanjafluß, mit den Trägern nach Ngorongoro zurückgeschickt worden, und am Guaso hatten wir den Reittieren zum letztenmal Körnerfutter vorsetzen können. Von da ab waren unsere Tiere allein auf die Weide angewiesen, und die gab es hier nicht mehr. Nur unter Dornensträuchern, dort, wo weder das Vieh noch die Schafe sie hatten erreichen können, standen noch einzelne trockene Halme. Die Aussichten für unsere Reittiere waren trübe. Ich fing wieder an, meine Reisrationen mit meinem Hengst zu teilen und für ihn, beinahe halmweise, Gras zu sammeln. Wir lagerten für die Nacht an einem Nebenfluß des Bololedi und überschritten am nächsten Morgen, am sechsten Tage seit Malambo, die Grenze.

Die Hochsteppen, durch die wir in den letzten zwei Tagen geritten waren, bis zu 1800 Meter über dem Meeresspiegel, zeichnen sich durch ganz vorzügliches Weide- und Ackerland und durch einen Reichtum natürlicher, nur auf Verteilung wartender Wasser aus. Hier hätten wir wieder ein ideales Gebiet für rein europäische Kleinsiedlung! Das hier in Frage kommende Gesamtareal ist etwa 50 000 Quadratkilometer oder fünf Millionen Hektar groß: zehntausend Farmen zu fünfhundert Hektar ließen sich dort ausschneiden! –