»Herr Wachtmeister, ein Maultier hat sich über Nacht losgerissen, beide Packtaschen an meinem Sattel geöffnet und meinen Reis, Zucker, Kaffee, mein Salz nebst allen dazugehörigen Beuteln aufgefressen. Meinen Tabaksbeutel hat er nur angeknappert«, meldete mir ein Schütze am Morgen nach dem Nachtlager am Nebenfluß des Bololedi. »Ja, Kinder, von jetzt ab heißt es, mit dem Kopf auf dem Sattel, die Packtaschen und den Brotbeutel im Arm, zu schlafen. Nicht nur werden die Tiere sich öfters nachts losreißen, sondern die, die ihre Tiere liebhaben, werden sogar vergessen, sie ordentlich anzubinden.« So haben wir denn auch schlafen müssen. Denn die Maultiere, mehr noch als die Pferde, entwickelten auf dieser Hungerpatrouille die äußerst beharrliche Neugierde, zu ergründen, was in unseren Pack- und anderen Taschen war. In mancher kalten Nacht hat eine über mein Gesicht fahrende noch kältere Maultierschnauze mich geweckt oder ein Maultiergebiß meinen Sattel gefaßt, um ihn mir sachte, ganz sachte unter dem Kopf wegzuziehen.
Vom Nebenfluß des Bololedi aus unternahmen wir den großen Vorstoß in Feindesland. Vierundzwanzig Stunden lang – zwei Ruhepausen von zusammen drei Stunden eingerechnet – drangen wir im schärfsten Tempo, das den Tieren noch zuzumuten war, vor. Am Tage durchritten wir das Ndassekera-Hochland, hügelig und stark mit Steppenbusch bewaldet. Auch hier fanden wir viele verlassene Massaibomen, nur mit dem einen Unterschied, daß sie erst ganz kürzlich verlassen zu sein schienen, denn der Viehdung war noch frisch. Unsere Nachspitze fand ferner eine ganz moderne europäische Bartbürste, aus der sie auf feindliche Patrouillen schloß. Umfrage ergab allerdings, daß Leutnant Berghöfer die Bartbürste verloren hatte, und die Gemüter beruhigten sich wieder.
Ehe wir aus dem Ndassekerahochland in die Loitahochsteppe hinabstiegen, wurde eine Stunde gerastet. In der Loitasteppe, deren Südecke wir in der Nacht durchritten, wurde von acht bis zehn Uhr abends in einem trockenen Bachbett geruht. Um ein Uhr nachts tränkten wir aus einer Massaiviehtränke in unmittelbarer Nähe einer bewohnten Boma. Um fünf Uhr morgens, als wir uns vor Müdigkeit kaum noch auf den Tieren halten konnten, befanden wir uns jenseits der Loitasteppe in den dicht bewaldeten Ausläufern des Ingurumangebirges, wo wir bei Tagesanbruch ohne Schwierigkeit reichliches und schönes Wasser, aber wieder kein Futter für die Tiere fanden.
Ich hatte einen Aussichtspunkt erklettert und sah jetzt die große, weite Loitasteppe unter mir liegen. Riesige Viehherden weideten dort. Ganz nahe zu meinen Füßen – so nahe, daß ich die Massai sich einander zurufen hören konnte – lagen mehrere Massaibomen, an denen wir in der Nacht, ohne sie zu bemerken, vorbeigeritten sein mußten. Daß wir durch die stark besiedelte Steppe durchgeritten sein sollten, ohne bemerkt worden zu sein, daß die Massai auch jetzt bei Tageslicht unsere Spur nicht entdeckt haben sollten, schien kaum glaublich.
Ich beobachtete weiter. In die Viehherden, die eben noch friedlich weideten, war Bewegung gekommen. Sie wurden an verschiedenen Stellen des Ingurumangebirges hochgetrieben und verschwanden hinter dessen Kamm. Die Massai wußten also, daß wir da waren, und sie brachten eiligst ihr Vieh in Sicherheit. Sie mochten einen Viehabtrieb befürchten.
Meine Überzeugung, daß die Massai uns bemerkt haben mußten, bestätigte sich, als ich zur Kompanie zurückkam. Mehrere Massai waren bereits dort, und Unteroffizier Fokken, der als Missionshandwerker die Massaisprache erlernt hatte, unterhielt sich mit ihnen und versuchte sie zu überzeugen, daß wir keine Viehräuber seien.
Unsere Absicht war es gewesen, die stark von Massai besiedelte Gegend unbemerkt zu durchqueren, um in der Nähe von Nairobi, der Hauptstadt von Britisch-Ostafrika, einen englischen Posten oder günstigen Falles Nairobi selbst durch einen plötzlichen Überfall zu beunruhigen, also, wie man militärisch drastisch sagt, »eine Schweinerei zu machen«, in ähnlicher Weise, wie uns das bei der Magadbahn so glänzend gelungen war. Wir waren darum nachts marschiert, wollten den Tag in unserem Waldversteck verbringen, in der nächsten Nacht weitermarschieren und mit Tagesgrauen angreifen. Jetzt, da uns die Massai entdeckt hatten – in Wirklichkeit waren wir schon seit drei Tagen entdeckt; Massaispäher hatten bereits unser Eintreffen am Guasobach gemeldet –, waren natürlich auch sämtliche englische Posten von unserem Anmarsch längst unterrichtet, und von einem weiteren Eindringen in Feindesland mußte abgesehen werden.
Wir waren alle ob des Fehlschlagens unserer ehrgeizigen Pläne tief enttäuscht. Wir hätten es nicht zu sein brauchen, denn der militärische Zweck unserer Patrouille war vollkommener erreicht, als wir ahnen konnten. Wie ich später in der Gefangenschaft erfuhr, war unsere Patrouille von etwa vierzig Gewehren von den Massai in der üblichen Übertreibung des Negers den Engländern gemeldet worden. Die Engländer, die in uns die Spitze einer deutschen Invasionsarmee auf ganz neuer Front vermuteten, hatten schleunigst ihre kleinen Außenposten eingezogen und zum Schutz ihrer Hauptstadt Nairobi in aller Eile große Truppenverschiebungen vorgenommen. Viele Einwohner hatten schon ihre Sachen gepackt und standen im Begriff, Nairobi zu verlassen. Es war ein Invasionsgespenst, wie wir es zur Zeit des von Vater Krantz organisierten Japanerschreckens ja auch gesehen hatten. Daß zwanzig deutsche Farmer mit zwanzig Askari es gewagt haben könnten, keck bis ins Herz der englischen Kolonie einzudringen, halten die Engländer heute noch nicht für möglich – glauben sie doch heute noch, daß unsere Fernpatrouillen nur von Mannschaften geritten worden sind, die ein Verbrechen begangen und sich nur durch Heldentaten von der Todesstrafe freikaufen konnten. –
Die Beschreibung unseres Rückmarsches bis in das Kompanielager am Olmotonjefluß kann ich ganz kurz fassen; er ging zum Teil über uns schon bekanntes Gebiet.
Unsere Reittiere hungerten weiter, daß es einen jammern konnte. Endlich gingen auch den Reitern die Rationen aus, und sie leisteten den Tieren Gesellschaft im Hungern. Ich hatte in meinem ganzen Leben wissentlich noch kein Ziegenfleisch gegessen, aber als mein Kompanieführer mir bei einem Sonjodorfe die nur halb durchgeröstete Vorderkeule einer Ziege reichte, bin ich mit wahrem Heißhunger über sie hergefallen. Auch darum, ob Wildfleisch Finnen hatte oder keine, kümmerten sich unsere hungernden Mägen nicht mehr.