Als wir den Guasobach verließen, bis zu dem feindliche Massai uns als Beobachter umschwärmt hatten, nahm ein Nashorn die Kompaniekolonne während des Marsches an und mußte erschossen werden. Das Nashorn stand ganz friedlich links unserer Marschlinie etwa fünfzig Meter entfernt und schien zu dösen. Die halbe Kompanie war bereits vorüber, als das Nashorn plötzlich von uns Wind bekam und sofort, wie ein Expreßzug schnaubend und puffend, auf uns lossauste. Diese plumpen Tiere entwickeln eine unglaubliche Geschwindigkeit, und unser Nashorn war bereits auf zwei Schritt an die Kolonne heran, ehe es im Feuer einiger kniender Schützen zusammenbrach. Unsere Reittiere stoben natürlich nach allen Richtungen auseinander, und wer nicht ganz sattelfest war, brauchte für Spott nicht zu sorgen. Später erlegte, zu seiner höchsten Befriedigung, unser »kleines Nashorn«, als es Nachtposten stand, ein großes Nashorn, das in unser Nachtlager eindringen wollte.
Am Malambowasser gab es noch ein Abenteuer mit Löwen. Wir ritten dort mit Sonnenuntergang weg, um die vor uns liegende lange Durststrecke hauptsächlich nachts zu nehmen. Junge Löwen zeigten sich, und irgendeiner schoß einen davon. Die Löwenmama nahm das bitter übel und, unsern Kompanieführer, der gerade aufsaß, für die Tat eines seiner Leute verantwortlich machend, setzte sie in langen Sätzen hinter seinem mit ihm durchgehenden Hengst her. Mit jedem Satz rückte sie dem Reiter näher auf den Pelz. Obwohl die Löwin infolge des Zeitverlustes beim Ansetzen zum Hochsprunge nie auf das galoppierende Pferd hätten springen können, war es uns doch allen wie eine Erlösung, als Alwin Botha, der ihr am nächsten war, hinkniete und die Löwin totschoß. Dies war der Meisterschuß eines kaltblütigen Jägers. Das Büchsenlicht war bereits vorbei, und Reiter, Pferd und Löwin waren in einer dicken Staubwolke eingehüllt.
Zum Malambowasser waren wir nicht wieder durch das Arashtal gelangt, sondern aus nördlicher Richtung durch die Ssalesteppe. Beim Guasobach waren wir nämlich von unserm Anmarschwege nach Osten abgebogen. Südlich des mit dichtem Urwald bewachsenen Manangberges auf Elefantenpfaden reitend, durchzogen wir das Sonjohochland, das um diese Jahreszeit eine blühende Obstbaumsteppe war. Ich wurde lebhaft an die Werdersche Baumblüte erinnert – leider fehlte der Fruchtwein. Aus dem Sonjohochland kletterten wir in die Sonjostufe hinunter und von dieser in die Ssalesteppe.
Im Negerdorfe Ssale konnten wir von den Wasonjo etwas Mtamakorn und wilden Honig kaufen. Leider war es nicht genug Korn, um die Reittiere mehr als einmal gründlich füttern zu können. Wir zerrieben von diesem Korn für uns zwischen zwei Steinen und buken uns aus seinem Mehl Brot. Unglücklicherweise hatten unsere bereits sehr stark entkräfteten und somit für Krankheiten mehr empfänglichen Tiere ein kurzes Stück Weges passieren müssen, an dem die Tsetsefliege schwärmte; mehrere Tiere wurden infiziert und sind ihr später zum Opfer gefallen.
Mit Mühe und Not erreichten wir Ngorongoro. Ein Pferd, ein erbeuteter langbeiniger Australier, war unterwegs verhungert, und Unteroffizier Horns im Liebesleben unverbesserlicher Max mit dem Dromedarkopf war so nahe am Verhungern, daß er nicht mal seinen Sattel mehr tragen konnte. Am oberen Lemungefluß, hoch oben im Winterhochlande, lagerten wir die letzte Nacht vor Ngorongoro. Diese Nacht wird keiner vergessen, der mit war. Es war ausgeschlossen, auch nur eine Minute zu schlafen, so kalt war es. Unterernährt, um nicht zu sagen halb verhungert, hatten wir nichts mehr in uns, das der schneidenden Kälte hätte entgegenarbeiten können. Die Flaschen mit »Stacheldraht« waren natürlich auch längst ausgelaufen.
Wir hatten gehofft, uns in der Oase Ngorongoro bei Siedentopfs acht bis zehn Tage ausruhen zu können. Da traf schon am zweiten Ruhetage ein Befehl des Abteilungsführers ein, der den sofortigen Weitermarsch nötig machte.
In den Großen Ostafrikanischen Graben stiegen wir, um Zeit zu sparen, diesmal nicht auf dem Siedentopfschen Fahrwege hinunter, sondern auf einem Wildwechsel direkt hinter dem Posten Engaruka. Der Abstieg war furchtbar anstrengend. Auf halber Höhe wurden wir durch die Nacht überrascht und mußten auf einer Stufe des Grabenrandes liegenbleiben. Mehrere kurz aufeinanderfolgende Erdbeben haben diese Nacht für immer in mein Gedächtnis eingegraben.
In der Tiefsteppe wäre beinahe die ganze Kompanie, der sich seit Ngorongoro die Boys und Träger wieder angeschlossen hatten, zum Schluß noch verdurstet. Im Koongo ya Kabrule, wo wir auf dem Hinmarsch noch reichlich Wasser gefunden hatten auf das wir jetzt, nach einem Durstmarsch von sechzehn Stunden durch die brennend heiße Tiefsteppe, mit aller Bestimmtheit rechneten, verschwand uns das Wasser unter den Händen. Von nachmittags zwei Uhr bis zum andern Morgen um vier Uhr haben wir ohne Unterbrechung nach Wasser gegraben. Mehrere Meter tief saßen wir schon eingebuddelt im Sand des Koongo, und immer tiefer sackte das Wasser weg. Wir konnten es nur tropfenweise erhaschen, und um vier Uhr morgens war der Durst von Menschen und Tieren stärker denn je. Es war eine schauerliche Nacht, und das Gestöhne und Gejammer der durstenden Träger war schrecklich anzuhören. Es blieb nichts übrig, als in der Morgenkühle, ehe die Sonne hoch stand, durstig die fünf Marschstunden bis zu einem Bach am Mondulgebirge weiterzumarschieren. Für die Berittenen ging es noch an, aber die Boys und Träger fingen an zu versagen. Kleckerweise trafen sie am Mondulbache ein, nachdem denen, die liegengeblieben waren, Wasser entgegengetragen worden war. An einen Weitermarsch war für diesen Tag nicht zu denken. Erst am nächsten Tage, nach einer Abwesenheit von fünf Wochen, trafen wir im Kompanielager ein.
Nach Engaruka verpumpt
Von Ngorongoro hatten wir in Eilmärschen zurück gemußt, weil der Feind ernstlich anzufangen schien, den Hunderttausend-Tonnen-Hammer zu heben und die große Offensive zu beginnen. Es war ja noch nicht ganz so weit, aber die Vorzeichen hatten sich gemehrt. An der Tavetafront wurde viel gekämpft, und an unserer Front hatte Oberleutnant Bauer, der Führer der 8. Feldkompanie, mit einem Zug Askari am Longido ein siegreiches Gefecht gegen 400 Engländer und Somalis gehabt.