In unserer Kompanie gab es Veränderungen. Der Kompanieführer wurde versetzt, ebenso einige der Soldaten. Unter den letzteren war der Vizefeldwebel Zierold, der Liebling aller. Ich sehe noch, wie die Kameraden mit ihm Abschied feierten. Daß wir nach fünfzehn harten Kriegsmonaten noch soviel Gemüt hatten, hätte ich nicht für möglich gehalten. Etwas erschwert wurde die Feier dadurch, daß von der Abteilung das Singen im Lager verboten worden war, und daß wir unser Kompanielied folglich nur flüstern durften. Seinen ersten Vers will ich hier wiedergeben – die weiteren Verse, wenigstens so, wie die Kompaniebarden sie umgedichtet hatten, eigneten sich nur für rauhe Kriegsgesellen.

Ich hab’ noch zwei, drei Kreuzer, die sind mein ganzes Gut,

Dafür kauf’ ich mir Bier und Wein und einen zuckersüßen Branntewein,

Versoffen, versoffen, versoffen muß es sein.

Es ist seltsam, wie sich ein besonderes Lied in einer Kompanie einbürgern und zu dem Lied der Kompanie werden kann. Meine Kompanie mochte noch so abgehetzt, müde, verdrossen, hungrig oder durstig sein – das Kompanielied zog immer, wo andere, bessere Lieder schon lange nicht mehr zogen, wenn Bana matunda, Günter Frowerk oder ein anderer Vorsänger mit vom Staub rauher Kehle es anstimmte. Der Text dieses eigentümlichen Liedes paßte übrigens wirklich nicht schlecht zur Gesamtstimmung. Alle Farmer und Pflanzer hatten ihr Hab und Gut bereits verloren oder sahen es wenigstens dem sicheren Untergange entgegengehen. Zu verlieren hatten sie nur noch ihr bißchen Leben, das sie täglich auf das Spiel setzten.

Als neuen Kompanieführer bekamen wir den Oberleutnant Freiherrn von Lyncker – zum erstenmal in der Geschichte der Berittenen Neunten einen Kavalleristen und aktiven Schutztruppenoffizier. Er hatte vordem bei der Berittenen Achten gestanden, und es ging ihm der Ruf eines schneidigen Soldaten voraus. Auch neue Unteroffiziere und Mannschaften kamen zur Kompanie: der Nordfarmer Enke, der Nordpflanzer Wolf, von der Küste der Fahnenschmied Runte, ein zuverlässiger, pflichttreuer Soldat, ferner der ehrgeizige nette kleine Barbier Arno Förster, der Bäcker Merzdorf, der Sattler Langrock und der verwegene Windhund und Konditor Dettmar, genannt »Zuckercreme«, weil er richtiggehende Torten machen konnte.

Am Geburtstag der Kaiserin, am 22. Oktober 1915, erlebte ich den ersten und letzten Feldgottesdienst im Kriege. Ein Missionar aus dem Aruschabezirk sprach sehr nett und würde mir noch mehr gefallen haben, wenn er es sich hätte verkneifen können, ausgerechnet bei dieser feierlichen Gelegenheit auf die lokalen Stänkereien zwischen Mission und Siedlern anzuspielen. Das störte meine Andacht sehr, und der Missionar schien mir die Gelegenheit unfair auszunutzen, als er den Aruschasiedlern, die, zum Gottesdienst kommandiert, unter militärischer Disziplin alles ruhig einstecken mußten, ihre angeblichen Sünden gegen die Mission vorhielt.

Der Abend dieses Festtages wurde in mehr weltlicher Weise durch einen gemeinsamen Festkommers sämtlicher Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften gefeiert. Unter einem alten mächtigen Urwaldbaume saßen wir an einer langen, aus allen Tischen und Kisten der Kompanie zusammengesetzten Tafel, und ein donnerndes Dreimal-Hurra erschallte nach der Rede auf das hohe Geburtstagskind, mit der der Kommers eröffnet wurde. Die Kompanie hatte reichlich für Stoff, »Marke Heldentod« und Quellwasser, und der neue Kompanieführer für kalte Platte gesorgt. Auch er wurde an diesem Abend mit Ansprache und Hurra in den engeren, ich möchte sagen seelischen Verband seiner Kompanie aufgenommen, deren Mitglieder sich mit begreiflichem und berechtigtem Stolz für die Elitetruppe der Kolonie hielten. Der Abend verlief ohne die geringste Störung – ein Zeichen, daß die Kompanie becherfest war. Oberleutnant Meyer brachte an diesem Abend der Kompanie mit anerkennenswerter Ausdauer das schöne alte Soldatenlied »Lippe Detmold, o du wunderschöne Stadt, dadrinnen ein Soldat usw.« bei. –

Während unseres Wartens auf die große englische Offensive arbeitete der neue Chef. Unser neuer jugendlicher Kompanieführer wollte naturgemäß Neuerungen einführen und die Kompanie mehr nach rein heimischem Muster umformen. Nun hatte er, was ich ihm sehr hoch anrechnete, das Gefühl, daß es mir altem Papa nicht leicht, jedenfalls sehr unbequem sein würde, mich als Etatsmäßiger in alle diese Neuerungen zu finden. Es war also eine äußerst freundschaftliche Handlung meines Kompaniechefs, daß er mir die schweren Geschäfte des Etatsmäßigen abnahm und mich zum Zugführer machte; Vizefeldwebel Rimpler wurde mein Nachfolger. Um mir den Übergang leicht und angenehm zu machen, verpumpte mich der Kompanieführer für zwei Monate an die Abteilung Aruscha; ich sollte Vizefeldwebel Dr. Sinning im Kommando des Postens Engaruka ablösen.