So stieg ich denn am 2. Dezember 1913 wieder in den Großen Ostafrikanischen Graben hinab, um jenseits der durstigen Tiefsteppe mein neues Postenkommando zu übernehmen. Der Posten Engaruka mit dem ihm unterstellten Posten Ngorongoro war 4 Europäer, 1 Effendi [schwarzer Offizier], 34 Askari, 100 Ruga-Ruga [Hilfskrieger] und 100 Träger stark.
Engaruka und Ngorongoro kennt der Leser bereits. Mein Leben in Engaruka spielte sich sehr ordentlich ab. Ich ließ meine Askari exerzieren und Felddienstübungen machen, baute mit den Trägern und Hilfskriegern eine neue befestigte Stellung sowie gute neue Wohnungen für sie wie für die Askari und Europäer. Da mich der Krieg noch magerer gemacht, als ich von Natur schon bin, und mir mein Kompanieführer den dienstlichen Befehl gegeben hatte, mich gut zu pflegen, ließ ich mir von meinem trefflichen Mohamadi jeden Abend ein Diner von sieben Gängen kochen, von denen, dank dem Stelzlschen Gemüsegarten, mindestens vier Gemüsegänge sein mußten. Gelegentlich ritt ich eine Nahpatrouille mit Jagd oder eine Fernpatrouille von vier Tagen zum Natronsee ohne Jagd, obwohl es dort sehr viel Großwild und Raubwild aller Arten gab. Es war mitten im Sommer und am Natronsee, der, glaube ich, nur siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel liegt, so heiß, wie ich es nie zuvor in tropischen und subtropischen Gegenden empfunden hatte. Die Europäer, die später mal das Natron abbauen werden, beneide ich nicht, trotz der guten Jagd dort.
Mein Europäer in Engaruka, Grötzinger mit Namen, ein Bruder des im Ingitogefecht gefallenen Grötzinger, gefiel mir über alle Maßen gut als Soldat und Mensch. Er war ein Halbpalästinenser, d. h. er war noch in Deutschland geboren, aber schon als kleines Kind mit seinen Eltern nach Palästina ausgewandert. Er gehörte, wie die Familie Blaich, zu der kleinen Gruppe von Palästinensern, die am Südmeru Pflanzungen und Farmen hatten und die in ihrer einfachen, fleißigen Art sowie vorbildlichen Lebensweise mir als das idealste Menschenmaterial für eine Neusiedelung vor Augen stehen.
Mein Effendi war ein Wissmann-Veteran, der sich zu Kriegsausbruch wieder zur Truppe gemeldet hatte und auch eingestellt worden war. Da es schon seit Jahren in der Schutztruppe keine farbigen Offiziere mehr gegeben hatte – außer einem einzigen, glaube ich, in Daressalam –, wußten die modernen Askari die Stellung meines alten Effendi nicht recht zu würdigen. Er war auch schon recht klapprig und altersschwach. Um ihn zu schonen, beschäftigte ich ihn mit Lagerdienst und ließ ihn sonst in Ruhe und Beschaulichkeit im Kreise seiner Frauen in seinen deutschen illustrierten Zeitungen älteren Datums studieren, von denen er einen ganzen Haufen bei sich hatte. Er besah sich die Bilder, denn Deutsch lesen konnte er nicht. Jedesmal, wenn er zu dem Bilde eines Militärs in glänzender Uniform kam, brachte er es mir und fragte, ob das Major Wissmann sei. Ich konnte seine Sehnsucht, ein Bild seines alten Führers zu finden, auf die Dauer nicht ungerührt mit ansehen und sagte endlich bei einem besonders prächtigen Bilde Ja. Seitdem hing, wenn ich mich recht entsinne, das Bild eines Herzogs von Sachsen-Altenburg am Ehrenplatz in der Hütte des Effendi. Von seinen Frauen umgeben, saß er andächtig davor und schaute es mit seinen guten alten Augen voll treuer Liebe unverwandt an. –
In Engaruka bot sich auch Gelegenheit zu interessanten kulturgeschichtlichen Beobachtungen – Muße dazu hatte ich ja reichlich. Unten in der Niederung, da, wo jetzt nur Steppenbusch steht, kilometerweit vor der jetzigen Negersiedlung, fand ich noch deutliche Spuren von alten Mashamba [Pflanzungen] und ihren Bewässerungsgräben. Offenbar hat früher – wann, weiß ich nicht – ein jetzt verschollener Negerstamm dort sein Heim gehabt. Massai und andere nomadisierende Viehräuber werden den alten Stamm in der Steppe solange bekriegt und beraubt haben, bis er sich gezwungen sah, sie zu verlassen und zur besseren Verteidigung von Leben und Habe seinen Wohnsitz an den Grabenrand zu verlegen.
Hier sah er sich, während er früher in der Steppe seine Mashamba unbeschränkt, Schritt haltend mit dem Wachstum der Bevölkerung, ausdehnen konnte, nun durch das Gelände gezwungen, die Volksnahrung auf einem ganz beschränkten Raum anbauen zu müssen. Die Art, wie sich der Stamm dem gewachsen gezeigt hat, nötigt uns die größte Achtung für seine Intelligenz ab. Den Grabenrand entlang, kilometerweit südlich und nördlich des Engarukabaches, stellenweise ein Viertel Kilometer tief, hat der Negerstamm Terrassen angelegt und so sein Ackerland planiert. Dieses Stück des Grabenrandes gleicht einer gigantischen Treppe. Wo nicht schon die Natur vorgearbeitet hatte, hat man senkrechte Terrassenmauern aus Findlingen aufgeführt, die – eine Seltenheit bei Negerarbeiten – Hunderte von Metern so gerade und parallel der nächsten Terrasse laufen, daß sie nach der Schnur angelegt zu sein scheinen. Die Breite dieser künstlichen Terrassen ist selten mehr als fünf bis sechs Meter.
Mit dem Bau der Terrassen war aber der Reichtum der neuen Äcker an Steinen lange nicht erschöpft; jedesmal, wenn die Neger ihn umhackten, kamen neue Steine zutage. Fleißige Negerweiber trugen sie in Haufen zusammen, und als auch diese immer noch zuviel Platz wegnahmen, fingen sie an, um noch mehr Bodenfläche zu sparen, die Außenwände der Steinhaufen senkrecht aufzubauen. So entstanden die vielen würfelförmigen mannshohen Steinhaufen, auf denen vielleicht zu Zeiten von Kriegsnot auch Wächter gestanden haben mögen. Auf den ersten Blick und ehe man sich von der Gesamttätigkeit des verschollenen Negerstammes ein klares Bild gemacht hat, kommt man leicht auf den Gedanken, diese vierkantigen, oben flachen Steinhaufen für Grabmonumente zu halten.
Hin und wieder fand ich auf diesen Terrassen die Überreste einer Viehboma, deren Umfassungsmauer ebenfalls aus losen Steinen aufgerichtet war, so wie ich es in Südafrika gesehen hatte. Diese Bomas sind nur klein. Die Massai werden das Großvieh und die Schafe, den Stolz des Stammes, als er noch unten in der Steppe wohnte und über unbegrenztes Weideland verfügte, abgetrieben haben. Der aus seinem Reich verdrängte Negerstamm wird sich oben am Grabenrande mit Ziegenhaltung haben behelfen müssen.
Am meisten aber hat es mir imponiert, wie dieser alte Negerstamm sich die Wasser des Engarukabaches nutzbar machte. Oberhalb der obersten Terrasse, da, wo der Gebirgsbach seinen letzten Wasserfall hinter sich hat, ist er zum erstenmal durch einen künstlichen Steindamm abgeschlossen, der noch heute so gut erhalten ist, daß ich über ihn hinwegreiten konnte. Oberhalb dieses Staudammes zweigen rechts und links heute verfallene Hauptbewässerungsgräben ab. Das Wasser, das durch diese nicht in Anspruch genommen wurde, floß ab über den Staudamm, um sich weiter unterhalb hinter einem neuen Damm aufs neue aufzustauen und andere Hauptbewässerungsgräben zu füllen. Aus diesen Hauptgräben wurden die hinter jeder Terrasse laufenden kleineren Bewässerungsgräben gespeist. Die ganze Anlage, die sich fünf Kilometer nach Norden bis zu dem vom Grabenrande sich ergießenden Engare Rongai hinzieht und auch an diesem weit schwächeren Gebirgsbache fortgesetzt ist, läßt darauf schließen, daß der verschwundene Negerstamm an Kopfzahl sehr stark gewesen sein und kulturwirtschaftlich auf einer hohen Stufe gestanden haben muß.
Während ich in Engaruka war, hoben die Engländer den Hunderttausend-Tonnen-Hammer immer höher, und meine Kompanie machte zwei ganz nette Sachen. Anfangs Januar 1916 legte sich Leutnant Freund mit zwanzig Mann nordöstlich vom Longido, in dem sie ihre Reittiere versteckt hielten, allnächtlich an die große Anmarschstraße des Feindes. Erst in der zehnten Nacht kam der Feind. Es war der Vortrupp der großen Invasionsarmee und bestand aus gemischter Kavallerie südafrikanischer Buren, Inder und Somalis. Der Patrouille Freund gelang es, diesen Vortrupp durch einen Feuerüberfall zu zersprengen. Der Feind ließ neun Tote auf dem Feld, unsere Patrouille hatte keine Verluste. Als ich die Nachricht hiervon bekam, ärgerte ich mich, nicht bei der Kompanie zu sein, und bat um meine Rückversetzung. Ich erhielt zur Antwort, meine zwei Monate seien noch nicht rum.