Mit schwerem Herzen fügte ich mich diesem allerdings unbestreitbaren Einwande. Da griff am 6. Februar unser Kompanieführer selbst mit 40 Gewehren eine feindliche Reiterpatrouille von 120 Indern unter englischer Führung am Nagasseni, nördlich des Meru, an. Er ging so ungestüm und schneidig vor, daß die Kompanie Mühe hatte, mitzukommen. Der Feind wurde vertrieben und ließ zwei Engländer und sechs Inder tot auf dem Gefechtsfelde; auf unserer Seite fiel ein Askari.
Jetzt waren meine zwei Monate um, und jetzt drängte alles in mir zu meiner Kompanie. Herrgott, nun ging es wirklich los, und ich sollte nicht dabei sein! Wie viele Briefe und Gesuche ich an meinen Kompanieführer gerichtet habe, weiß ich nicht mehr, aber das weiß ich gewiß, mich beseelte nur noch ein Gedanke: Zurück zur Kompanie, zurück zu meiner Heimat in Kriegszeiten!
Endlich, am 5. März, traf der Vizesteuermann Seifert der Abteilung Aruscha in Engaruka ein, um mich abzulösen. Mit den Trägern, die er mitgebracht, trat ich am 6. März meinen Marsch zur Kompanie an. Zum viertenmal marschierte ich durch den Großen Ostafrikanischen Graben. Der Marsch war beschwerlich, da Grötzinger, der Malaria hatte, streckenweise getragen werden mußte. Als ich am Mondulwasser war, das seinerzeit die Kompanie vom Untergang durch Durst gerettet hatte, hörte ich aus der Richtung, in der ich marschierte, heftiges Artilleriefeuer des Feindes – denn ich wußte, daß wir an unserer ganzen Front nicht ein einziges Geschütz hatten. Wo das Geschieße war, konnte ich nicht feststellen – es konnte dem Schall nach ebensogut bei Geraragua wie am Engare Olmotonje sein, wo ich vorläufig hin wollte, um von da aus meine von dort abgerückte Kompanie zu suchen. Meine Gefechtsstärke bestand aus drei Gewehren, d. h. aus mir und zwei Signalaskari, die Befehl hatten, sich zum Kommando nach Moschi zu begeben; gehindert als Gefechtskraft wurde ich durch eine lange Trägerkarawane und einen kranken Europäer. Unter diesen Umständen und da ich dem Feind nicht in die Arme laufen wollte, marschierte ich nicht auf dem üblichen Wege weiter, sondern kletterte mit vieler Mühe über das Mondulgebirge weg und pirschte mich vom Südostmondul an Engare Olmotonje heran.
Im früheren Lager der 8. Feldkompanie, das in der Nähe unseres Musterlagers gelegen hatte, fand ich die 28. Feldkompanie noch vor und meldete mich bei ihrem Führer, Hauptmann Rothert. Er sagte mir, daß die Boma [befestigter Platz] Aruscha dabei sei, via Lolkisale nach Süden abzubauen, daß nach den neuesten Nachrichten der Feind wahrscheinlich schon die Moschi-Aruscha-Straße besetzt habe, daß ich zu meiner Kompanie, die am Sanjafluß auf der Farm Kürbis nördlich dieser Straße liege, nicht mehr durchkönne, und daß ich mit den beiden Signalaskari am besten bei ihm bliebe! »Ha, ha! Der will dich vereinnahmen! Gibt es nicht, Herr Hauptmann, so schmeichelhaft es klingt.« Das dachte ich, aber natürlich nicht laut. Ich antwortete mit Hinweis auf die Befehle für mich und meine zwei Askari, daß wir zum mindesten den Versuch machen müßten, unsere Befehle auszuführen.
Nach Erledigung dieser dienstlichen Angelegenheit suchte ich mein altes, jetzt verlassenes Kompanielager auf. Als ich das Kompaniebüro, in dem ich einst gehaust hatte, betrat, merkte ich, daß das Lager doch nicht ganz verlassen war. Alle die alten freundlichen Flöhe hüpften mir erfreut entgegen, um mich zu empfangen. Sie waren in solcher Zahl und so hungrig, daß ich schleunigst ausriß und vorzog, im Freien zu übernachten.
Vom Hauptmann Rothert hatte ich mich, nach einer zweiten Besprechung mit ihm, am Abend schon verabschiedet, und da er immer noch den Befehl, daß ich bleiben müsse, auf der Zunge zu haben schien, verdrückte ich mich noch während der Nacht aus der Nähe seines Lagers und marschierte nach Aruscha. Dort fand ich Leutnant Gärtner der Abteilung Aruscha damit beschäftigt, die letzten Burenwagen beladen zu lassen. Ihm übergab ich meine Träger und Lasten, meinen Koch und die Boys, mit denen ich mich nicht länger belasten durfte.
Ich war gerade dabei, mir meine besten Sachen anzuziehen – denn wann ich meine Boys und Lasten wiedersehen würde, war gar nicht auszudenken; tatsächlich sah ich die Lasten nie wieder –, als sich Bana matunda mit einer Patrouille von sechs Reitern meiner Kompanie bei mir meldete. War das eine freudige Überraschung! Ich konnte mich an den lieben Gesichtern der alten Kameraden gar nicht satt sehen und fühlte mich sofort der Kriegsheimat bedeutend nähergerückt. Sie kamen von einem Erkundungsritt um das Longidogebirge und ritten über Aruscha zur Kompanie zurück. Ich übernahm das Kommando der Patrouille, und gegen Mittag trabten wir an auf der Aruscha-Moschi-Straße, unsere Kompanie zu suchen.
Um zehn Uhr abends am 10. März kam ich wohlbehalten bei meiner Kompanie an und wurde vom Kompanieführer und allen Kameraden auf das herzlichste empfangen. War das schön! Nach über dreimonatiger Abwesenheit endlich wieder zu Hause! Ich leistete innerlich einen feierlichen Eid, mich nie wieder verpumpen zu lassen.
An jenem Abend lernte ich den Oberleutnant v. Ruckteschell kennen, den Führer der 21. Feldkompanie, die neben uns auf Farm Kürbis lag. v. Ruckteschell ist Maler und befand sich zu Kriegsausbruch in Deutsch-Ostafrika, um afrikanische Stimmungsbilder zu malen. Er galt schon damals für einen ausgezeichneten Kompanieführer. Ich bin ihm im weiteren Verlauf des Krieges wiederholt begegnet und habe ihn hochzuschätzen gelernt. Ich sah in ihm einen echten Führer, genial, kurz im Fassen seiner Entschlüsse, ein Draufgänger, derb, wenn es sein mußte, aber stets voll Humor und von kerniger Gesundheit. Kein Wunder, daß sich seine Kompanie unter seiner Führung im Laufe des langen Krieges zu einer der kriegstüchtigsten Askarikompanien entwickelte! Als unser Oberst Ende 1917 in das portugiesische Gebiet durchbrach, war Oberleutnant v. Ruckteschell einer der wenigen ursprünglichen Kompanieführer, die noch bei ihm waren.