Als ich am 10. März 1916 wieder zu meiner Kompanie stieß, war der Hunderttausend-Tonnen-Hammer bereits gefallen. Mit einer Gesamtstärke von 185 000 Mann der verschiedensten Rassen, mit Automobilen, Geschützen und Fliegern gerüstet, griffen die alliierten Engländer, Belgier und Portugiesen unsere Kolonie auf allen Fronten gleichzeitig an. Diesem mächtigen Kriegsapparat hatten wir an Europäern, Askaris und Etappenmannschaften im ganzen 15 000 gegenüberstehen. Nach einer Mitteilung englischer Zeitungen soll allein der feindliche Stab in Nairobi an Kopfzahl stärker gewesen sein als die Zahl der sämtlichen Europäer in unserer Schutztruppe. Unsere Zuversicht war, daß wir einen Mann hatten, dessen Genialität und Ausdauer ganze Armeen aufwog – unseren Oberst v. Lettow-Vorbeck. Als in Europa am 11. November 1918 der Waffenstillstand geschlossen wurde, stand unser Oberst dem Feinde noch unentmutigt gegenüber.

An unserer Nordfront, an der 90 000 Engländer, südafrikanische Buren, Inder und Somalis gegen uns vorrückten, waren die beiden gefährdetsten Punkte einmal die Lücke zwischen dem Paregebirge und dem Kilimandscharo und sodann unser bisheriges Operationsgebiet, die Lücke zwischen Kilimandscharo und Meru. Die erstere Lücke verteidigte unser Oberst selbst, unsere Lücke hatte die Abteilung Fischer, bestehend aus den beiden Berittenen und vier Askarikompanien, zu halten. Die Gefahr der Lage bestand darin, daß ein Durchdringen des Feindes in beiden Fällen Moschi bedrohte. Mit Moschi, dem Endpunkt der Nordbahn, mußte aber diese und mit dieser über kurz oder lang der ganze Norden der Kolonie fallen.

Der Anmarschweg der gegen unseren Abschnitt gerichteten Invasionsarmee führte über das uns bekannte Bezil-Lager auf der Automobilstraße am Erok und Longidogebirge vorüber. Major Fischer hatte seinen rechten Flügel, die Berittene 6. Schützenkompanie, bei Geraragua an den Kilimandscharo angelehnt, sein linker Flügel, meine Neunte und die 21. Feldkompanie unter Oberleutnant v. Ruckteschell, lag am Fluß Sanja auf Farm Kürbis.

Als ich am 10. März hier eintraf, waren die Würfel eigentlich schon gefallen. Eine starke feindliche Abteilung mit Artillerie hatte bei Geraragua angegriffen, und die Berittene Achte hatte mit ihr ein siegreiches Gefecht gehabt. Man hat, glaube ich, diese feindliche Abteilung für die Kampfspitze der Invasionsarmee gehalten, während sie tatsächlich nur deren linke Seitendeckung war. Die feindliche Hauptarmee stellte sich überhaupt nicht zum Gefecht, sondern zog am Spätnachmittage des 11. März sieben oder acht Kilometer westlich von unserer Farm Kürbis an der ganzen Abteilung Fischer vorbei. Das war die Taktik, die der Feind unter Leitung des Burengenerals Smuts in der nächsten Zeit immer wieder übte. Er setzte gegen jede unserer Stellungen eine Kampftruppe mit starker Artillerie an, ohne jedoch ernstlich anzugreifen. Während er uns so beschäftigt wußte, zogen seine Hauptabteilungen an unseren Stellungen vorbei. Durch diesen Vormarsch, der unsere rückwärtigen Verbindungen bedrohte, wurden wir immer wieder gezwungen, Stellungen aufzugeben, aus denen uns kein Frontangriff hätte hinausschmeißen können.

Eine von meinem Freund Pfützner geführte Patrouille brachte uns am 11. März um 4,30 Uhr nachmittags die erste Meldung von diesem Manöver des Feindes. Sofort marschierten meine Neunte und die 21. Feldkompanie nach Westen zum Flankenangriff auf die vorbeimarschierenden feindlichen Kolonnen; v. Ruckteschell und Freiherr v. Lyncker waren beide für Angreifen. Schon hatten sich die Kompanien zwei bis drei Kilometer vom Feinde entwickelt, als der Befehl eintraf, nicht anzugreifen, sondern auf Moschi zurückzufallen. Ich kann nur annehmen, daß die Abteilungsleitung, die, durch den Frontalangriff der linken Seitendeckung des Feindes getäuscht, ihre Hauptstärke auf unsern rechten Flügel geworfen hatte, nicht glaubte, noch rechtzeitig zu unserer Unterstützung eingreifen zu können.

Da lagen wir nun untätig, zähneknirschend vor Wut, und ließen den Feind ganz nahe an uns vorbeimarschieren. Jeder Nordfarmer und -pflanzer, der damals mit mir den Feind beobachtete, wußte in diesem Augenblick, daß der schöne Norden unserer Kolonie, um den wir achtzehn Monate erfolgreich gekämpft hatten, jetzt verloren sei; da der Feind auf unserer Front durch war, würde auch unser Oberst seine Front auf die Dauer nicht mehr halten können, ja, er würde sogar bald abbauen müssen, wollte er nicht völlig eingeschlossen werden. In der Tat – wäre der Feind noch in der Nacht nach Kahe, der Bahnstation vor Moschi, weitermarschiert, dann hätten wir alle in einem schönen Wurstkessel gesessen. Daß Major Fischer, an dessen persönlicher Tapferkeit niemals jemand zweifelte, der ihn kennengelernt hatte wie wir, sich erschoß, machte die Lage nicht besser.

Auf dem Marsch nach Moschi erlebten wir zum erstenmal einen Flieger; diesmal tat er uns noch nichts, sondern schien nur das Gelände abzusuchen. Ich hatte im Frühling 1914 den Flugplatz Johannisthal bei Berlin besucht, aber viele meiner Kameraden, die lange nicht in Deutschland gewesen waren, sahen ein Flugzeug hier zum ersten Male. Unsere Askari nannten den Flugapparat »ndege«, großer Vogel, und die Fliegerbomben »mayayi«, Eier. Diesmal sah der Askarizug, der fünfzig Meter vor dem Europäerzug ritt, den Flieger zuerst und schoß auf ihn so dicht über die Köpfe der Europäer weg, daß mir August Dehnecke mit Bauchschuß gemeldet wurde. Glücklicherweise war das ein falsches Gerücht, das so entstand: Dehnecke saß ab, um auch auf den Flieger zu schießen. Er zerbrach dabei seine Schnapspulle, die er in der Brusttasche hatte. Da nun der Schnaps, der diesmal von der roten Sorte »Marke Blutsturz« war, ihm über den Bauch lief und er sich erschrocken mit der Hand an den kalt werdenden Bauch faßte, kamen seine Kameraden auf die Idee, er habe einen Bauchschuß. – Unser lieber August Dehnecke, der so schwer satt zu kriegen war, mit seinem großen schwarzen Vollbart und dem Gemüt eines Kindes, ist heute auch nicht mehr. Er war später einer Patrouille der Berittenen Achten zugeteilt, die auf dem weiteren Rückzuge ganz von der Truppe abkam; acht Monate hat sich diese Patrouille noch hinter der feindlichen Front herumgetrieben, ehe sie sich in der Hans-Meyer-Höhle, hoch oben an der Schneegrenze des Kibo, nach einem letzten Gefecht dem Feinde ergab. Unser braver August Dehnecke, der frühere Gardedukorps, soll bald nachher infolge der überstandenen Strapazen und Entbehrungen an Unterernährung gestorben sein.

Altmoschi, auf einem Vorhügel des Kilimandscharo, und Neumoschi, um die Bahnstation herum entstanden, waren bereits geräumt, als wir einrückten. Der letzte, der sogenannte Sprengzug, hinter dem die Schienen aufgerissen, die Brücken gesprengt und der Telegraph abgebaut wurden, war schon fort. Zurückgeblieben in Moschi waren die griechischen und indischen Kaufleute und Schankwirte. In einem solchen Ausschank aßen wir zu Mittag. Dann besetzten wir südlich von Moschi, in der Nähe der alten Burenstraße von Moschi nach Aruscha, eine Griechenshamba [Pflanzung], so genannt, nicht weil da Griechen wuchsen, sondern weil sie einem Griechen gehörte. Unsere Aufgabe war, die untere Anmarschstraße zu beobachten; die Berittene Achte lag an der oberen Moschi-Aruscha-Straße zum selben Zwecke.

Da ich meine Träger nicht bei mir hatte und meine Boys irgendwo in Deutsch-Ostafrika für sich marschierten, mußte ich mich in dieser und der nächsten Zeit ohne Boy behelfen und so mit durchfuttern. Leutnant Freund lag damals mit einer ausgetretenen Kniescheibe im Lazarett, aber mein Kompanieführer sowie Oberleutnant Meyer nahmen sich meiner so ausgiebig an, daß ich meine Besitzlosigkeit wenig spürte. Trotzdem war ich direkt stolz, als ich einige Wochen später bereits wieder eine Safarikiste und einen Interimsboy besaß. Eine Hose hatte ich mir bereits auf Farm Kürbis gekauft; sie war das erste und blieb leider recht lange das einzige Reservestück meiner Ausrüstung. Immerhin hatte der Besitz dieser Hose etwas Beruhigendes.

Für uns alle sollte sich das Leben von jetzt ab ändern. Früher hatten wir unsere Standlager gehabt, zu denen wir von Patrouille, und wenn sie noch so lange gedauert hatte, wie nach einem festen Zuhause zurückkehrten. Von jetzt ab hatten wir ein solches nicht mehr. Wenn wir jetzt auf Patrouille ritten, wußten wir nie, ob wir die Kompanie dort wiederfinden würden, wo wir sie verlassen hatten. Und da die Träger nicht so rasch beweglich waren wie die berittene Truppe, die stets am Feinde bleiben mußte, sahen wir sie, die Boys, die Lasten und somit ein reines Hemd seltener, als uns lieb war. Omnia mea mecum porto wurde unsere Devise.