Auf der Griechenshamba blieben wir zwei Tage, bis der Feind Moschi besetzte. Wir fielen dann auf die Station Kahe zurück. Diese kleine Bahnstation der Nordbahn, in der Nähe der Pangani-Eisenbahnbrücke, zeichnete sich vor dem Kriege, glaube ich, nur durch scheußliche Hitze und Moskiten aus. Von meiner Reise von der Küste nach Moschi im Juli 1914 war mir der Name der Station Kahe nicht mal im Gedächtnis hängengeblieben; vor dem Kriege war hier nur ein goanesischer Stationsvorsteher, Europäer gab es dort überhaupt nicht. Jetzt war Station Kahe neben Moschi Bahnstützpunkt geworden. Verpflegungsmagazine aus Wellblech und Typhuslazarette aus Gras mit Grasbetten waren in der Nähe der Station entstanden. Als wir nach Kahe kamen, waren die Magazine und Kranken bereits nach Lembeni weiter zurückgeschafft worden. Nur die leeren Strohhütten der Typhuslazarette standen noch und wurden von unserer Kompanie belegt. Da die Magazine im Umzug begriffen waren, funktionierte die Etappe während unseres Aufenthaltes bei Kahe nicht besonders glänzend. Empfangen haben wir nur pro Mann eine Handvoll Kartoffeln, und hätte die Kompanie nicht eigene Ochsen und Schafe und vor allem Zigaretten besessen, hätte es schlimm ausgesehen.
Von Kahe aus mußten unsere Reiterpatrouillen, vor unserer Infanteriestellung, an der Bahn zurück bis Moschi aufklären. Die erste dieser Patrouillen, die gewöhnlich zwei Tage dauerten, führte Oberleutnant Meyer, die zweite ich. Als ich Oberleutnant Meyer einige Kilometer hinter Kahe begegnete, teilte er mir mit, daß eine feindliche Patrouille von etwa hundert Reitern hinter ihm her sei. Ich hatte den Fahnenschmied Runte, die Buren van Wyck und Dievenhagen und vier Askari mit – also acht Gewehre stark! Na, es mußte auch so gehen.
Bald hinter Kahe bis einige Kilometer vor Moschi ist auf beiden Seiten der ziemlich geraden Bahnlinie dicker, fast undurchdringlicher Busch, in dem sich nur einige Gewehre oder ein Maschinengewehr aufzubauen brauchen, um jeden, der auf dem Bahndamm reitet, bequem abzuschießen. Damit, daß meine Patrouille wie Hasen auf der Treibjagd abgeschossen wurde, war weder uns persönlich, noch dem Kommando, das Meldungen über die Stellung des Feindes haben wollte, besonders gedient. Ich mußte, so unbequem es war, im Busch bleiben, ob rechts oder links der Bahn, war Jacke wie Hose.
Ich drang im Busch, etwa hundert Meter links der Bahn zu dieser parallel, in folgender Weise vor: Immer, wenn ich glaubte, etwa zwei Kilometer vorgerückt zu sein, ließ ich halten, absitzen und sichern. Einer von uns vier Weißen, immer nach der Reihe, ging dann zu Fuß an den Bahndamm heran und beobachtete diesen mit dem Glas rückwärts und vorwärts für zehn Minuten. Sobald er zurück war, drang die Patrouille geschlossen wieder zwei Kilometer vor.
Als van Wyck wieder dran war, kam er gleich wieder mit der Meldung zurück, auf dem Bahndamm stehe ein reiterloses englisches Kavalleriepferd mit voller Ausrüstung. Aha, dachte ich, die feindliche Patrouille, von der Oberleutnant Meyer sprach, muß hier herum wo sein. Wäre aber doch schade, den Gaul, dessen Reiter vielleicht mal eben ausgetreten war, da so einsam stehen zu lassen! Ich ließ die Askari bei unseren Tieren und ging mit den andern an den Bahndamm heran. Ohne weitere Komplikationen gelang es, das reiterlose Pferd zu greifen. Schleunigst zogen wir uns mit dem gemachten Mali [Beute] in den Busch zurück. Es wurde mir klar, daß wir an der englischen Patrouille, die im Busch auf der anderen Seite der Bahn in entgegengesetzter Richtung vorging, vorbeigezogen waren – wahrscheinlich hatten wir ein Reittier ihrer Nachspitze erbeutet. Die Reitausrüstung des freundlichen Engländers, dessen Tier wir so für die Kompanie plus gemacht hatten, war funkelnagelneu. Desgleichen der Inhalt der Packtaschen. In den Packtaschen waren Rasierzeug und Spiegel, Haarbürste, Bürste und Striegel für das Pferd, ein Gebetbuch und alle möglichen Salben. Der englische Soldat war also gut ausgerüstet in den Krieg gezogen, nicht nur von seinem Arzt, sondern auch von seinem Geistlichen.
Ich rückte weiter vor. Der nächste, der zur Beobachtung an die Bahn mußte, war Dievenhagen. Ich wartete auf ihn wie üblich, aber er kam nicht wieder. Ich wartete über die übliche Zeit, und als er auch dann noch nicht kam, mußte ich ihn aufgeben. In dem Busch, in dem man keine zehn Schritt sehen konnte, eine verlorengegangene Person suchen zu wollen, wäre Torheit gewesen. Ich war froh, wenn ich den Bahndamm und meine Marschrichtung selbst nicht verlor.
Da ich eine die feindliche Patrouille betreffende Meldung machen mußte und da mir das Beutetier und nun auch Dievenhagens Tier im Busch sehr lästig waren, sandte ich einen Askari mit den beiden Tieren und meiner Meldung nach Kahe zur Kompanie zurück. Er stieß, diesmal auf meiner Seite der Bahn, wieder auf die englische Kavalleriepatrouille, der er nur durch schnelles Sich-Verdrücken im Busch entging. Seine mündliche Meldung, daß die englische Patrouille auf meiner Spur sei, mag die Veranlassung dazu gewesen sein, daß man mich bei der Kompanie bereits auf Verlustkonto buchte. Als ich das später erfuhr, war ich sehr froh; denn für den Soldaten, der einmal irrtümlich tot gemeldet wurde, ist, nach altem Soldatenglauben, keine Kugel gegossen.
Es ging mittlerweile gegen Abend, und ich mußte für Nachtquartier sorgen. Damit wir sechs müden Reiter nicht auch noch Nachtwachen zu schieben hatten, zog ich ein wenig mehr von der Bahn ab und suchte mir im dicksten Busch ein ganz verstecktes Plätzchen, auf dem etwas Gras für die Reittiere wuchs. Wenn uns kein Nashorn angriff, wie auf einer späteren Patrouille über dasselbe Gelände den Unteroffizier Fritz König, der in den Busch geschleudert wurde und sein Reittier dabei einbüßte, fühlte ich mich ganz sicher dort. In diesem dicken Busch, in dem man sich schon bei Tage kaum zurechtfindet, würde in der Nacht sicher kein zweibeiniger Feind herumirren. Als ich dabei war, an einer fetten, am Spieß gebratenen kalten Hammelkeule zu nagen, die ich den Tag über an Runtes Sattel hatte hängen sehen, hörte ich rufen. Also gab es in diesem wilden Busch doch noch was Menschliches außer uns. Wir schwärmten aus und lauschten, denn zu sehen war nichts mehr. Natürlich entpuppte sich der verirrte Wanderer als unser Bur Dievenhagen, der schließlich unsere Spur gefunden, sie, solange es hell blieb, verfolgt und jetzt im Dunkeln sich als letzte Rettung auf das Rufen verlegt hatte.
Am nächsten Morgen rückten wir bis auf drei Kilometer an Moschi heran, bis dahin, wo der Busch anfängt lichter zu werden. Wir versteckten unsere Tiere und suchten uns in dem ebenen Gelände einen hohen Baum, von dem aus wir beobachteten. Mit dem Glas konnten wir gut sehen, was in Moschi vorging, und auch die feindlichen Lager beobachten. Ich machte eine Skizze und schickte sie mit meiner schriftlichen Meldung zurück durch einen Askari und Dievenhagen, die, da letzterer jetzt kein Reittier hatte, abwechselnd reiten und laufen mußten.