Bis zwei Uhr nachmittags setzten wir unsere Beobachtungen fort und traten dann den Rückmarsch an. Der Bur van Wyck ritt Spitze, um auf unserer eigenen Spur zurückzuführen. Diesmal versagte sogar der Poriinstinkt eines Buren. van Wyck bekam Rechtsdrall, führte uns in die offene Steppe westlich vom Busch, wieder hinein in den Busch, und um vier Uhr nachmittags waren wir wieder bei unserem Aussichtsbaum angelangt. Also: das Ganze noch mal! Diesmal – ohne Burenführung – gelang die Sache besser. Wir hielten uns ganz nahe der Bahn, trabten, da es spät geworden war, streckenweise auf dem Bahndamm und stießen, einige Kilometer vor Kahe, auf unsere Ablösung. Der Infanteriefeldwache bei Kahe kamen wir als eine Überraschung. Da wir als tot gemeldet waren, hielt sie uns für Feind und ging in Stellung. –

Die größte Attraktion dieser Zeit waren die feindlichen Flieger. Jeden Morgen und jeden Nachmittag kamen sie, suchten nach unserm 10,5-Zentimeter-Geschütz, das in der Nähe von Kahe irgendwo im Pori stand, fanden es nicht und belegten aus Ärger darüber die Station Kahe und die Eisenbahnbrücke mit Bomben. Da wir nahe an beiden lagen und da die Flieger damals gewöhnlich noch einen halben Kilometer an dem Objekt, das sie treffen wollten, vorbeischmissen, befanden wir uns gar nicht besonders wohl bei der Sache. Das Schießen auf Flieger war verboten worden, weil es Munitionsverschwendung war und unsere Stellungen verriet; Abwehrgeschütze hatten wir natürlich nicht. Mit Bomben beworfen zu werden, ohne sich wehren zu können, ist anfangs ein übles Gefühl. Weglaufen hat keinen Zweck; denn wohin so’n Ding geht, ist gar nicht zu berechnen. Ich habe mich während der Bombenschmeißerei hingelegt, wo ich gerade stand, und mir zur Beruhigung der Nerven eine Zigarette angesteckt. Bekam ich einen Volltreffer, so gab es einen alten Mann in der Welt weniger, und nicht mal zu beerdigen würde man mich brauchen; denn in einem ähnlichen Falle fand man von Roß und Reiter nachher nur die Pferdezunge hoch oben in einem Akazienbaume hängen. Bohrte sich die Bombe aber einen Meter neben mir in den weichen Boden und riß einen Trichter, dann schossen die Sprengstücke über mich weg und kamen erst dreißig Meter weiterhin wieder nieder. Es gab auch andere Verhaltungsmethoden wie meine. Einzelne spielten hinter einem Baum mit der Bombe Versteck, und einen sah ich sogar unter das Grasbett in einem Grashaus kriechen. Allmählich gewöhnten wir uns an die ekligen Bombendinger, wie sich der Mensch eben an alles gewöhnen kann. Weder die Bahnstation noch die Brücke wurden je getroffen, aber vier oder fünf Träger haben ihren Tod gefunden.

Am 21. März 1916 war die Schlacht bei Kahe. Ich sage Schlacht – denn auch wir hatten diesmal nicht nur Infanterie und Kavallerie, sondern auch ein 10,5-Zentimeter-Schiffsgeschütz. Unsere Stellung, mit dem rechten Flügel an das Paregebirge angelehnt, bildete einen Bogen nördlich von Kahe bis an den Panganifluß. Auf dem äußersten linken Flügel dieser Stellung, also an den Pangani angelehnt, lag meine Kompanie.

Am Morgen griffen die Engländer an, und zwar an zwei Stellen. Die Invasionsarmee, die durch die Tavetalücke eingedrungen war, warf sich auf unser Zentrum und bekam von der Abteilung unter Hauptmann Stemmermann die Köpfe blutig geschlagen; die Engländer machten dort Angriff auf Angriff, ohne unser Zentrum eindrücken zu können. Die zweite Invasionsarmee, die zwischen Kilimandscharo und Meru durchgebrochen war, stieß auf unsern linken Flügel. Meine Kompanie und die sich rechts an sie anschließende Berittene Achte kamen gegen 7 Uhr 30 morgens mit der Kavalleriespitze dieser Invasionsarmee ins Gefecht.

Die Gefahr bestand darin, daß ein Teil der letzteren weiter unterhalb über den Pangani gegangen war und versuchte, unsern ganzen linken Flügel zu umfassen. Meine Kompanie mußte daher den Pangani durchschwimmen und auf der linken Seite desselben bis zum Kaheberg, etwa fünf Kilometer südlich der Station Kahe gelegen, sichern. Als wir unsere Tiere durch den Pangani schwimmen ließen, bekamen wir von drei Seiten Gewehrfeuer, und zwar vom Feind, der bereits den Pangani überschritten hatte, vom Feind, der noch diesseits war, und von einem Zug unserer Askari, der uns für Feind hielt.

Der Kaheberg, auf dem meine Kompanie einen Helioposten hatte, wurde von der feindlichen Artillerie andauernd schwer mit Schrapnells belegt, aber trotzdem hartnäckig verteidigt. Erst um ein Uhr nachmittags konnte er von den Engländern gestürmt werden. Unsere ganze Besatzung des Berges, bestehend aus dem Vizewachtmeister Mittag und dem Unteroffizier Kaltenbach, fiel in Feindeshand; ihre beiden Signalaskari hatten sich bereits vor dem Sturm verdrückt.

Daß unser linker Flügel am 21. März bei Kahe nicht eingedrückt oder umgangen wurde, ist in der Hauptsache das Verdienst der Berittenen 9. Schützenkompanie, und die eigentlichen Helden des Tages sind nach einem englischen Bericht über diese Schlacht ohne Zweifel der Vizewachtmeister Mittag und der Unteroffizier Kaltenbach. Die Engländer schreiben, daß sie nur langsam hätten vorgehen können, da sie den Kaheberg für stark besetzt gehalten hätten. Wir wissen, daß nur Mittag und Kaltenbach, treu dem ihnen gegebenen Befehl, den Berg nicht zu verlassen, ihn verteidigten, bis Mittag verwundet und dann beide gefangen wurden.

Mitgeholfen, die Situation zu retten, hat aber sicher auch unsere »Artillerie«, das eine 10,5-Zentimeter-Geschütz, das dann leider an seinem Standort gesprengt werden mußte. Das Geschütz, befehligt von dem Nordpflanzer und Korvettenkapitän Schönfeld, schoß, wie wir beobachten konnten, mit vorzüglichem Resultat und hielt den Umgehungsmarsch des Feindes, dessen Zahl uns zu erdrücken drohte, erfolgreich mit auf. Ich war, als ich nach 20 Kriegsmonaten zum erstenmal einen Schuß aus einer deutschen Kanone hörte, aus alter Anhänglichkeit an diese Waffe direkt stolz. Jedesmal, wenn sie feuerte, sagte ich zu meinem Nebenmann: »Das ist unsere!«

Die Situation war trotzdem ernst genug. Die Engländer hätten an jenem Tage nur energisch vom Kaheberge bis an das Paregebirge nachzudrücken brauchen, so wäre unsere ganze Nordarmee eingeschlossen gewesen und hätte sich durchschlagen müssen. Klaren Auges erkannte unser Oberst, der sich beim Zentrum aufhielt, diese Gefahr. Ein Meister auch darin, wenn er zurück mußte, mitten in einer Schlacht abzubrechen, baute er seine Stellung allmählich ab. Kompanie nach Kompanie ging, da die Kahebrücke von uns gesprengt war, auf Notbrücken über den Pangani und dann an der Bahn entlang zurück nach Kisangiro, der nächsten Bahnstation – als letzte, erst gegen Dunkelwerden, die Abteilung Stemmermann.

Als wir nach rechts keinen Anschluß mehr hatten und daher annehmen mußten, daß die Feld- und Schützenkompanien abgerückt seien, zog auch meine Kompanie sich am Nachmittag an der Bahn zurück. Unteroffizier Horn, zu dem sich später die von einer Schleichpatrouille zurückgekehrten Unteroffziere Dornier und Karl Blaich hinlegten, blieb mit einer Gruppe Askari im Gefecht liegen und deckte unsern Rückzug, bis es dunkel wurde.