Auf dem Marsch nach Kisangiro holten wir die Berittene Achte ein. Im Brigadeverband ritten wir noch eine sonderbare Attacke, nämlich in einem engen Bahneinschnitt mit steilen Wänden gegen einen heranbrausenden Eisenbahnzug, der Nachzügler aufsammeln sollte. Wir mußten nachgeben, und die Achte verlor bei diesem Renkontre zwei Pferde, die totgefahren wurden. Als ich den Landsturmmann und Lokomotivführer Stephan, der in jener Zeit täglich vierundzwanzig Stunden Dienst hatte und dem die Fliegerbomben schon ganz egal waren, solange sie nur hinter seinem Zug auf den Bahndamm fielen, später mal fragte, warum er nicht gehalten habe, sagte er: »Nanu! Ich bremste ja, all ich konnte, als ich Sie anreiten sah, aber so ein Eisenbahnzug ist doch keine Schiebkarre!«
Am 22. März fing die Infanterie an, nach Lembeni, der nächsten Bahnstation, weiter zurückzugehen, wo unsere nächste Stellung sein sollte. Am Nachmittag des 23. März folgte auch meine Kompanie und traf nach Dunkelwerden in Lembeni ein. Da in der Nähe Pferdesterbe sein sollte, durften aber die berittenen Truppen hier nicht bleiben, sondern sollten noch am selben Abend in einen bereitstehenden Zug nach Same verladen werden.
Eine massive Viehrampe, wie sie in Australien jede Buschstation hat, gab es in Lembeni nicht, und da weder die Bahnstation noch der dort haltende Zug der Flieger wegen Licht zeigen durfte, würgten wir dreckigen Kriegsknechte, denen es auf etwas mehr Schweiß und Dreck nicht ankam, eine Stunde lang im Dunkeln mit unsern Tieren herum. Einige feine Europäerherrchen in weißen, gebügelten Anzügen, hohen Stehkragen mit Schlips, glatt rasiert, spazierten oder standen, sich die Fingernägel reinigend, pomadig auf dem Bahnsteig uns im Wege – uns irgendwie behilflich zu sein, fiel keinem ein. Diese weißgekleideten Jünglinge waren die Herren von der Etappe, die der Frontsoldat lieblos Magazinmaden nennt und ohne die leider Kriege nicht geführt werden können.
Dabei fallen mir zwei Geschichten ein, die unsern Oberst und seine lakonischen Befehle charakterisieren: Die Etappe meldet dem Kommando, die Truppe nicht länger verpflegen zu können. Kommandobefehl: »Die Etappenleitung übernehme ich selbst. Gez.: v. Lettow.« Erster und einziger Etappenbefehl: »Jede Kompanie hat sich selbst zu verpflegen. Gez.: v. Lettow.« Da ging es mit einemmal. – Die andere: Eine Abteilung meldet, sich verschossen zu haben. Kommandobefehl: »Munition ist beim Feinde zu ergänzen. Gez.: v. Lettow.« Wurde gemacht. –
Von Same aus gab es wieder viel Patrouillen nach vorne zu reiten. Da man annahm, daß der Feind, der frontal nicht angriff, eine größere Abteilung am Pangani abwärts marschieren lassen würde, um – nach Taktik Smuts – unsere Lembenistellung zu flankieren, ritt ständig eine Patrouille meiner Kompanie den Fluß aufwärts. Von Same aus ging es durch greulichen Busch, in dem ich einmal von einem Skorpion geschlagen wurde, daß mein linker Arm und meine linke Schulter mehrere Tage so abgestorben waren, als wenn sie der Rest des Körpers nichts anginge, zum Negerdorf Opuni, in dem, was sehr interessant war, sich stets ein Hammel, Hühner und Eier kaufen ließen. Die Patrouille ritt dann am Fluß aufwärts bis etwa in Höhe von Lembeni. Hier liegt inmitten einer größeren Buga am Pangani ein einsamer, mächtiger vierkantiger Felsblock, den die Eingeborenen das »Haus von Stein« nennen. Irgendwo in seiner Nähe pflegten wir nun die Nächte im Busch versteckt zu liegen, um jeden Tag am Pangani aufwärts bis nahe an die Stellung des Feindes vorzudringen. Jede Patrouille war sechs Tage draußen und ritt an dem Tage, an dem die nächste Patrouille von Same über Opuni automatisch eintreffen mußte, nach Lembeni, um von dort per Bahn nach Same zurückzukehren.
Ich habe auch eine dieser Patrouillen geführt und mich gefreut über das neue Landschafts- und Naturbild, das sich mir hier auftat. Unten am Pangani wuchsen andere Bäume und Sträucher, als ich bisher in den Hochsteppen gesehen hatte – selbst die Phönixpalme kam hier in kleinen Hainen vor. Der Wasserbock war hier richtig zu Hause, und wenn man den Fluß ruhig beobachtete, konnte man sicher sein, die Nasen von einigen Krokodilen aus dem Wasser gucken zu sehen. Die Krokodile lagen im niedrigen Wasser Kopf stromaufwärts, der Strom brach sich an ihren runden Nasen und rippelte dort wie vor einem gerade aus dem Wasser ragenden Stein. Die Krokodile nehmen gelegentlich ein Negerkind mit oder beißen den Wasser schöpfenden Negern eins der Gliedmaßen ab. Uns haben sie nie belästigt. Zu Anfang feuerten wir einige Schüsse in das Wasser, um die Krokodile zu verscheuchen, ehe wir durch den Fluß ritten oder schwammen. Später taten wir auch das nicht mal; denn sobald wir an den Fluß kamen und unsere Tiere von der Uferbank hineinschmissen, wurden die Krokodile nervös und flüchteten. Wir haben auch im Pangani gebadet, ohne unsere Körper mit einem Zaubermittel gegen Krokodile zu beschmieren, wie es die Opunineger taten, wenn sie durch den Fluß mußten.
Als ich von dieser Patrouille über Lembeni zurückkam und dort beim Kommando meine Meldung machte, sprach ich zum erstenmal seit den Posten Krantz-Zeiten wieder persönlich unsern Oberst, der damals noch frisch und wohl aussah. Er ödete mich scherzweise damit an, daß ich in meinen alten Tagen wohl noch Reserveoffizier werden wolle, und übergab mich schließlich dem Oberleutnant v. Ruckteschell mit der Weisung, mich und meine Leute zu stärken, bis unser Zug da sein würde. Daß dieser Befehl ausgiebig befolgt wurde, brauche ich kaum zu sagen.
Wenn auch nicht seine Krokodile, so forderte der Pangani, der größte Fluß im Norden der Kolonie, doch seine Opfer. Wir Europäer holten uns dort Malaria, und unsere Tiere gingen an Sterbe ein wie Fliegen. Ich holte mir auch Malaria, die erste im Kriege, und lag acht Tage unter dem als Offiziersmesse dienenden Grasdach in Same in hohem Fieber. Während dieser Zeit lernte ich, wenn das Fieber mal etwas herunterging, Patience legen, was ich in meiner Jugend nur von ganz alten Damen gesehen hatte. Zu einer richtiggehenden Patience, in der der Spieler mit sich selbst und gegen seine Ungeduld kämpft, habe ich es allerdings nie gebracht, selbst damals nicht, als ich Fieber hatte. Ich legte nur Streitpatience gegen Leutnant Freund, der inzwischen wieder zur Kompanie gekommen war. So eine Streitpatience hat ihrem Namen nach doch wenigstens den Reiz, daß man sich dabei kabbeln kann. Wenn Geduld nach dem Patiencelegen zu bemessen ist, dann bin ich nicht geduldig, wohl aber mein Kriegskamerad Dr. Sinning. Der breitete sich eine Zeltbahn auf der Erde aus, legte sich auf den Bauch und baute nun mit drei Kartenspielen die Riesen-, Monster- und Dauerpatience auf. So fand ich ihn, als ich ihn mal besuchte. Als ich drei Tage später wieder zu ihm kam, war das Bild genau dasselbe. Das olle Ekel von Patience wollte und wollte nicht aufgehen. Freilich bin ich zu sehr Anfänger in der Kunst, um mit aller Bestimmtheit behaupten zu können, daß es noch immer dieselbe Patience war.
Von Same aus mußte leider unser Kompanieführer v. Lyncker mit chronischer Dysenterie ins Lazarett; ich habe ihn im Kriege nicht wiedergesehen, er wurde nach Daressalam weitergeschafft und lag dort, wie aus seinen Briefen zu ersehen war, sehr schwer krank. Oberleutnant Meyer wurde bald darauf Führer der Berittenen Achten, zwei Tage später wurde Leutnant Berghöfer zu einer Askarikompanie versetzt, neue Offiziere bekamen wir nicht mehr. So war Leutnant Freund unser einziger Kompanieoffizier. Er, der von Kriegsanfang an – der Leser mag sich entsinnen, er war schon mit mir auf Farm Weber – immer bei der Kompanie gewesen ist, war von nun an ihr stellvertretender Führer – bis zu der Katastrophe, die das Ende der tapferen Neunten bedeutete.