Am nächsten Mittag ritten wir bei schwerem Regen in Handeni ein. Hier wurden wir in leider leeren Magazingebäuden untergebracht und warteten auf den Tierarzt Philipp, der unsere Tiere gegen Tsetse mit Atoxyl, dem Mittel, das auch gegen Schlafkrankheit angewandt wird, impfen sollte. Am Abend fand die Impfung statt, und die Tiere mußten jetzt 24 Stunden Ruhe haben. Die Experimente, die im Kriege mit Atoxyl gegen Tsetse gemacht worden sind, sind nach meinen Beobachtungen noch unzureichend; bei Maultieren wenigstens schien es ja zu wirken, aber andererseits hatten wiederholte Atoxylspritzungen bestimmt eine böse Wirkung auf die Herztätigkeit der Tiere, die dann auch zum Teil an Atoxylvergiftungen eingingen. Nachdem die Tiere gespritzt waren, gingen wir alle zu Frau Schlittenbauer, die in Handeni einen Ausschank hatte, und blieben dort so lange, bis ihr Vorrat an Eß- und Trinkbarem rein alle war.

Am Spätnachmittage des nächsten Tages, des 2. April, traten wir auf der Etappenstraße von Handeni nach Kimamba an der Mittellandbahn den Nachtmarsch an. Wir waren noch nicht lange unterwegs, als der Regen, richtiger Tropenregen, losging. In diesem Regen, auf völlig aufgeweichter Straße, oft bis zum Bauch der Tiere im Schlick, ritten wir bis vier Uhr morgens. Wenn es gar nicht mehr gehen wollte und die Stimmung gar zu trübe wurde, dann stimmten wir unser Kompanielied an. Von außen bis auf die Haut durchnäßt und gleichzeitig in unsern dicken Indermänteln bei der greulichen Hitze wie in einem Dampfbade schwitzend, fanden wir in der Etappe Kilima cha mzinga Unterkunft in einer an allen Seiten offenen Trägerbanda [Halle]. Feuer wurden angemacht, und jeder versuchte, sich und seine Sachen nach Möglichkeit zu trocknen. Zu essen gab es ein wenig Reis. Das hübsche Etappenrasthaus war bereits von einigen zur Nordtruppe kommandierten Europäern aus Daressalam belegt. Sie lagen noch in eigenen Feldbetten mit Moskitogestell und -netz, und jeder hatte so rund zehn Lasten bei sich. Sie werden später auch haben lernen müssen, sich mit weniger zu behelfen. Vielleicht war es aber ganz gut, daß sich einzelne Truppenteile in den ersten beiden Kriegsjahren recht hatten schonen und pflegen können – sie konnten dann einspringen, als die Europäer, die vom ersten Kriegstage an der Front mitgemacht hatten, so ziemlich verbraucht waren.

Am folgenden Tag ritten wir bis Lembule, am 26. April bis Kanga. Auf beiden Etappen gab es ein wenig Reis. Auf beiden Märschen kamen wir nur langsam vorwärts; denn die Straße war meistens unergründlich, und alle Augenblicke sackte jemand mit seinem Tier in ein Loch, um zur Freude seiner Kameraden ein unfreiwilliges Schlammbad zu nehmen. Einmal hörte die Straße überhaupt auf. Ich versuchte sie weiter, aber von meinem kleinen Maultier guckten dann nur noch die langen Ohren aus dem flüssigen Dreck. Wir mußten also von der Straße nach rechts abbiegen, was vor uns die vielen Askarikompanien mit ihren Trägerkolonnen bereits auch getan zu haben schienen, ohne dadurch zur Festigkeit des Bodens besonders beigetragen zu haben. Nun lief neben der Straße ein Graben, über den wir springen und dann die Tiere nachziehen mußten. Daß dieser Graben da war, merkten wir erst, als der erste hineinfiel; zu sehen war er nicht, denn hüben und drüben sowie im Graben stand der flüssige Schlamm an der Oberfläche ganz gleich hoch. Die Tiere, die die Breite auch nicht berechnen konnten, sprangen entweder zu weit und stießen drüben den Reiter in den Dreck, oder zu kurz und rissen den Reiter mit in den Graben zurück. Hier sind alle die verunglückt, die bisher gespottet hatten. Der Gefreite Münz saß auch drin bis an den Hals. Rechts von ihm sah ich noch den Kopf seines Maultieres und links von ihm war sein Sattel, der sich vom Tier getrennt hatte, gerade im Begriff abzusacken. Als ihm Leutnant Freund zurief, er solle seinen Sattel fassen, antwortete Münz im schönen Württemberger Dialekt: »Herr Leitnant, Herr Leitnant, i bin erledigt, i kann nit schwimme!« Na, so schlimm war es ja gar nicht. Der Schlick ging dem, der sich nicht, wie Münz es tat, dabei hinsetzte, nur bis an die Brust, und zum Schwimmen war der Modder überhaupt viel zu dickflüssig.

Am 27. April waren wir mittags in Tuliani, das ich nie vergessen werde. Denn hier gab es mal wieder was zu essen. Nicht etwa von der Etappe – bewahre, die hatte, wie die andern Etappen alle, nur ein wenig Reis für uns vorgesehen. Aber von einem menschenfreundlichen und geschäftstüchtigen Missionar aus Mhonda, das oberhalb der Etappenstraße im Gebirge liegt. Wir kauften von dem Missionar ein Schwein, Hühner, Eier und Früchte und lebten für fünf Stunden wie der Herrgott in Frankreich. Denn im Tuliani-Fluß konnte man auch schön baden und währenddessen wenigstens Hemd und Strümpfe waschen und trocknen lassen. Eigentlich hatte das ja wenig Zweck – die Schlammbaderei ging ja doch gleich wieder los. Aber sich mal für einige Stunden rein zu fühlen und nach dem ewigen Reis dreimal am Tage wieder mal ein ordentliches Stück Schweinebraten zu essen, ist doch nicht ohne.

Um fünf Uhr ging es von Tuliani weiter, wieder hinein in den Schlick. Es wurde ein übler Nachtmarsch, denn zu den üblichen Mühseligkeiten der grundlosen Straße kam noch hinzu, daß wir uns verbiesterten. Lange konnten wir im Dunkeln die Furt durch den Mvomerofluß nicht finden, und erst um drei Uhr morgens trafen wir auf der Etappe gleichen Namens ein. Dort herrschte durch seine liebenswürdige Gattin ein verheirateter Etappensoldat, dessen Namen ich leider vergessen habe. Er hatte dort eine Pflanzung, und wir brachten die zwei Stunden Schlaf auf dem Fußboden in einem Zimmer seines Wohnhauses zu. Als wir um fünf Uhr morgens mit Mühe wieder wach wurden, hatte Frau Pflanzer auf der Veranda bereits einen mächtigen Kaffeetisch aufgebaut, und nun konnte jeder soviel heißen Kaffee trinken, wie er wollte. Es gibt auch Lichtblicke im menschlichen Leben, und zur Etappe sollten nur verheiratete Soldaten mit ihren Frauen kommandiert werden.

Um sechs Uhr morgens ging der Marsch weiter, immer noch durch Modder, nach Kidete, wo es zu Mittag wieder etwas Reis und zu Abend – Ochsenfleisch gab. Die Etappe war unschuldig an dem Ochsen, wir vielleicht weniger – der Ochse war uns unterwegs zufällig zugelaufen und wollte durchaus nicht wieder von uns lassen; wenn ich mich recht entsinne, war uns ein Ochsentransport begegnet. Bis Kidete hatten wir bereits drei der Automobile, mit denen unser Oberst am ersten Marschtage an uns vorbeigesaust war, überholt; sie waren im Schlamm steckengeblieben. Nur das leichtere Personenautomobil, in dem unser Oberst selbst saß, war unter allerhand Schwierigkeiten durchgekommen. In Kidete stellte unser tüchtiger Sanitätsrat Stein Rückfallfieberzecken fest mit dem Resultat, daß wir aus der Trägerbanda, die wir des Regens wegen bezogen hatten, vertrieben wurden und draußen auf offenem, schön durchweichtem Felde lagern mußten.

Nach schlafloser Nacht ging es am 29. April in aller Frühe weiter. Gegen Abend kamen wir an den Wamifluß, den breitesten, tiefsten und reißendsten in unserer Marschroute. Die solide Holzbrücke, die ihn überbrückt hatte, war dummerweise in der vorhergehenden Nacht bis auf ein bescheidenes Ende weggewaschen worden. Den Übergang bewerkstelligten wir in folgender Weise: Ein guter Schwimmer schwamm zunächst mal durch den Fluß mit einer langen Leine, zusammengeknüpft aus unsern Fouragierleinen. Sobald die Leine von Ufer zu Ufer gespannt war, schwammen an ihr mehrere Leute durch den Fluß, Kleider und Kriegsausrüstung in einem großen Bündel auf dem Kopf. Man hielt mit der Rechten die Leine, mit der Linken das Bündel fest und arbeitete sich mit den Beinen, die durch die Strömung nach links gerissen wurden, schwimmend langsam durch den Fluß. Dann wurden die Tiere abgesattelt und vom diesseitigen Ufer einzeln in den Fluß geworfen. Das ging sehr fix; denn wir und die Tiere kannten den Rummel schon vom Pangani her. Selbst die wasserscheusten Tiere sind leicht durch einen Fluß zu kriegen, wenn man die Sache richtig anfängt. Zum Übergang wähle man eine Stelle, an der das diesseitige Ufer steil abfällt und das Wasser so tief ist, daß das Tier gleich schwimmen muß; das jenseitige Ufer dagegen muß flach sein, damit die Tiere dort leicht landen können. Wirft man die Tiere dann vom hohen Ufer hinein, dann wenden sie sich nach einigen vergeblichen Versuchen, diesseits hochzukommen, totsicher dem flachen jenseitigen Ufer zu. Die Sättel wurden auf dem Kopf durchgebracht, wie vorher die Kleiderbündel. Loslassen durften wir die Leine nicht, sonst wurden wir wie ein Teil der Tiere vom reißenden Strom mitgenommen und erst einige hundert Meter unterhalb unserer Übergangsstelle wieder an das Ufer geworfen. War es das jenseitige Ufer, so war es gut; war es das diesseitige, dann hieß es: das Ganze nochmal!

Um 7 Uhr 30 abends ritten wir vom Wami ab weiter nach Kimamba an der Mittellandbahn. Es regnete wieder in Strömen. Mir sind diese letzten dreieinhalb Marschstunden ganz unsäglich schwer gefallen. Meine Kräfte waren völlig verbraucht, weniger durch die Marschanstrengungen der letzten acht Tage, das knappe Essen und die kurzen Nachtpausen, als vielmehr dadurch, daß mich die verfluchten kleinen Moskiten in keiner Nacht Schlaf finden ließen. Ich konnte mich auf diesem Marsch nur noch dadurch wach halten, daß ich immer wieder in unser Kompanielied oder andere schöne Soldatenlieder einstimmte – trotz meiner notorischen Unfähigkeit, auch nur zwei Töne beide richtig zu singen. Es wird allen ähnlich gegangen sein – ich meine natürlich, was die Müdigkeit anbetrifft –, denn diese dreieinhalb Marschstunden im strömenden Regen hat die Kompanie ohne Pause gesungen und unsere Kapelle ununterbrochen gespielt. Die Kompaniekapelle war der Bur Alwin Botha mit seiner regenfesten Ziehharmonika, auf der er im Reiten jedes denkbare Soldatenlied spielen konnte.