In Kimamba, wo wir um elf Uhr abends unter den Klängen unseres Kompanieliedes einzogen, nahm sich die Etappenleitung direkt liebevoll unserer an. Ich bemerke dies ausdrücklich, damit es nicht heißt, daß ich auf die Etappe nur schimpfen könne. Man legte uns in einen regensicheren Wellblechschuppen, vor dem draußen einige Riesenkessel voll kräftiger Reis- und Fleischsuppen und Kaffee auf Feuern standen. Beide, Suppe und Kaffee, waren fertig, als wir kamen, und jeder konnte sich sein Kochgeschirr voll Suppe und den Kochgeschirrdeckel voll Kaffee holen. Wir waren ganz verschüchtert von soviel Vorsorge. So etwas war uns im ganzen Kriege bisher auf keiner Etappe passiert – wir sind oft genug hungrig schlafen gegangen, zu müde und abgespannt, noch abzukochen, wenn wir unser Marschziel erreicht hatten. Der Etappenleiter von Kimamba, dessen Namen ich nicht kenne, war ein Menschenfreund; außerdem muß er eine für einen Etappenmenschen ungewöhnliche, zum eigenen Handeln veranlassende, verantwortungswillige Intelligenz besessen haben.

Am nächsten Vormittag verluden wir uns auf der Mittellandbahn und fuhren landeinwärts nach Dodoma. Über Mittag hielt der Zug eine Stunde in Kilossa, und wir haben alle im dortigen Bahnhofshotel noch mal fürstlich gegessen. Wir Dreckspatzen saßen an richtig gedeckten Tischen, Gabel und Löffel waren nicht mehr aus einem Stück, wie die zum Kochgeschirr gehörigen, und wir tranken aus Gläsern anstatt aus dem Kochgeschirrdeckel. Es gab mehrere Gänge Gemüse, viel Früchte und – eisgekühlte Sodagetränke. Man denke: Eis und Sodawasser gab es an der Mittellandbahn noch am Ende des 21. Kriegsmonates! Wir hatten beides im ganzen Kriege noch nie gesehen. Im Kilossa-Bahnhofshotel wurden wir trotz unserem wenig Vertrauen erweckenden Äußeren als willkommene Gäste behandelt und von Wirt, Wirtin und Hotelpersonal liebevoll versorgt. Im Bahnhofshotel zu Dodoma sollte es uns anders ergehen.

Am 30. April abends – volle neun Tage nach unserm Aufbruch von der Nordbahn – trafen wir in Dodoma ein. In Dodoma gab es ein Bezirksamt, Polizeistation, Bahnbeamte, Intendantur, Ortskommando, Etappenkommando, Inderviertel und das Bahnhofshotel. Letzteres interessierte uns von allen diesen großstädtischen Einrichtungen am meisten. Aber es enttäuschte uns. Das Hotel hatte sicher auch einen Wirt, doch verschwand seine Persönlichkeit so gegen die der Wirtin, daß ich mich seiner nicht mehr recht erinnern kann; ich weiß nur noch, daß der Wirt ein junger Kerl war und daß ich mich wunderte, warum der Mann nicht an der Front kämpfte. Frau Wirtin aber war eine geschäftstüchtige Person und schien der Meinung zu sein, daß sie es ihren ortsansässigen, großstädtisch gekleideten Stammgästen schuldig sei, uns dreckige Frontsoldaten aus dem Hotel fernzuhalten. Vielleicht stammte sie aus einer englischen Kolonie und hatte von dort die Auffassung mitgebracht, daß der deutsche Soldat, wie der frühere Söldner Tommy Atkins, zwar gut genug sei, sich für die Sicherheit ihrer Kneipe totschlagen zu lassen, aber nicht gut genug, sie in Uniform zu betreten.

Daß die deutsch-ostafrikanische Kavalleriebrigade, die bereits 21 Monate im Felde gelegen hatte, damit Frau Wirtin in Dodoma in aller Ruhe ihre Großstädter bedienen und deren mapesa [Geld] einstecken konnte, die Sache von einem wesentlich andern Standpunkte ansah, ist weiter nicht zu verwundern. Als Frau Wirtin wiederholt Schwierigkeiten machte, Essen und Getränke gegen Zahlung guter ostafrikanischer Silberrupien zu liefern, wäre die Sache um ein Haar schief gegangen. Ich habe mir erzählen lassen, daß man schon beriet, ob es ein Fall sei zum »plündere, leicht ahnsenge oder vom Grund auf devaschtiere«. Nur die Ruhe einiger älterer Frontsoldaten soll die Situation, d. h. Hotelinventar, gerettet haben.

Daß übrigens die Kavalleriebrigade aus dem Kampfe gegen Frau Wirtin siegreich hervorgegangen war, konnte ich am folgenden Tage beobachten. Wir hatten Ruhetag, denn unsere Tiere, die übrigens der achttägige Marsch im Modder grausam mitgenommen hatte, bekamen wieder eine Atoxylspritze. An diesem Tage besetzte bereits in aller Frühe unsere Kapelle – Alwin Botha mit der Quetschkommode – das Großstadthotel. Spät am Abend spielte die Kapelle immer noch, und die Frontsoldaten sangen dazu so schön und andauernd, daß die ortsansässigen Stammgäste ihren Skatabend verschoben und, soweit sie verheiratet waren, zur Freude ihrer Frauen zu Hause blieben.

An der Kondoa-Front

Bereichert um fünf neue Reittiere, darunter zwei Hengste aus dem Regierungsgestüt Singidda – die letzte Reserve an Pferden in der Kolonie –, begannen wir am 1. Mai nachmittags unsern Vormarsch nach Norden auf der von Dodoma nach Kondoa führenden Straße. Am dritten Tag bogen wir von letzterer rechts ab und erreichten am Abend das uns zugewiesene Ziel, den Kwa-Handu-Paß.

Von den Einzelheiten dieses Marsches weiß ich so gut wie nichts mehr. Ich hatte mir, wahrscheinlich als Andenken an den Marsch von der Nordbahn zur Mittellandbahn, die Rote Ruhr zugelegt, die jetzt zum Ausbruch kam. Der Vormarsch nach Norden bestand für mich eigentlich nur in einem ewigen Auf- und Absitzenüben. Die Schmerzen wurden schließlich so schneidend, daß ich keinen Trab mehr reiten konnte und mich entschließen mußte, mit einigen andern Kranken der Kompaniekolonne im Schritt zu folgen. Seit meinem Fieber in Same stand ich unter einer Chininkur, nun machte ich gleichlaufend mit ihr eine Kalomelkur durch.

Der Höhenzug, auf dem der Kwa-Handu-Paß liegt, verläuft etwa parallel zu dem ihm nach Norden zu vorliegenden Höhenzug, auf dem sich unsere Kondoastellung befand. Unser Oberst war mit allen verfügbaren Truppen sowie den beiden von einem Blockadebrecher gelandeten Haubitzen und einigen Geschützen kleineren Kalibers von Dodoma in Eilmärschen dem Feinde, der bereits über Kondoa hinaus nach Süden vorgedrungen war, entgegengezogen und hatte ihn auf Kondoa zurückgeworfen. Die englische Front befand sich nun in einer Gesamtlänge von etwa 50 Kilometer auf den Höhen nördlich von Kondoa (einem Negerdorf mit Bezirksamt, 158 Kilometer von Dodoma), die deutsche auf dem Höhenzuge südlich von Kondoa. Wir, d. h. die beiden Berittenen Kompanien, kamen zunächst hinter den etwas zurückgebogenen rechten Flügel unserer Front. –

Als Gesamtlandschaftsbild denke man sich sehr zerklüftete Höhenzüge, die teils bewaldet sind, teils nackte Felsen in der Sonne glitzern lassen, und dazwischen weite, mit dichtem niedrigen Dornbusch bewachsene Täler. Aus dem Dornbusch ragt hier und da ein Affenbrotbaum zum Himmel, und wo etwas Licht und Sonne ankommen kann, war der Dornbusch jetzt, kurz nach der großen Regenzeit, von Winden überzogen, deren wunderbare, oft untertassengroße Blumenkelche den zartesten Farbenschmelz zeigten.