In diesem Dornenbusch haben sich die Eingeborenen ihre Mtamamashamba gerodet und ihre Lehmhütten mit dem flachen Dach, »Temben« genannt, gebaut. Ich sah viele und große Mashamba; denn das Bezirksamt Kondoa hatte die Eingeborenen veranlaßt, zur Verpflegung der Truppe besonders stark anzubauen. Der Mtama stand ganz vorzüglich. Ich möchte die Prophezeiung aussprechen, daß in einem Zukunfts-Ostafrika die Gegend von Kondoa und südlich davon ein Teil von Ugogo Tabak bauende Bezirke sein werden – der Boden eignet sich vorzüglich zum Tabakbau. Was Wasser anbelangt, will ich noch erwähnen, daß wir in keinem der zahlreichen Flußbetten tiefer als höchstens ein Meter danach zu graben brauchten, und daß die Engländer auf ihrer Etappenstraße von Aruscha nach Kondoa alle 20 oder 25 Kilometer Brunnen bohrten, Pumpwerke aufsetzten und Tränkstellen einrichteten, aus denen 500 bis 1000 Reittiere getränkt werden konnten. Grundwasser ist also reichlich vorhanden, auch lassen sich Staudämme und künstliche Seen überall leicht anlegen.

Ob die Kondoagegend heute ganz frei von Fieber ist, weiß ich nicht. Was noch an Fieber da sein sollte, würde mit dem Fortschritt der Wirtschaftskultur verschwinden. Malaria läßt sich verdrängen, wie die Beispiele von Ägypten, Panamakanal und Queensland bewiesen haben. –

Auf dem Kwa-Handu-Paß, der von einem Teil der Abteilung Aruscha besetzt war, trafen wir unsern lieben Dr. Sinning wieder. Diese Freude wurde dadurch gedämpft, daß unser guter Sanitätsrat uns verließ; er war zu dem Aufnahmelazarett versetzt, Sanitätssergeant Trimpler wurde sein Nachfolger. Ungern sahen wir unsern weisen Mann und Fundi im Reiskochen scheiden. Ich habe ihn nie wieder gesehen; er ist, wie ich später hörte, am Schwarzwasserfieber gestorben.

Meine erste Nacht im Kwa-Handu-Paß werde ich mein Lebtag nicht vergessen; in strömendem Regen brachte ich sie auf dem Orte zu, für dessen Einrichtung unser Sanitätsrat immer zuerst zu sorgen pflegte, sobald abgesattelt war. Am nächsten Tage, der Gott sei Dank ein Ruhetag war, begab es sich, daß unser einziger Offizier, Leutnant Freund, Fieber bekam und vorläufig nicht weiter konnte; er beschloß, auf unsere Trägerkolonne zu warten und mit dieser der Kompanie nachzukommen. Leutnant Kämpfe, Regierungsrat und Bezirksamtmann des gewesenen Bezirks Aruscha, wurde für die Zeit, bis Leutnant Freund wiederkam, Führer meiner Kompanie.

Nach dem Ruhetag ging die deutsch-ostafrikanische Kavallerie, die immer noch im Brigadeverbande marschierte und operierte, wohl weil man sie in ihrer zusammengeschrumpften Zahl sonst überhaupt kaum mehr hätte sehen können, weiter nach vorne, und zwar in Richtung des äußersten rechten Flügels unserer Front. Wir hatten die Aufgabe, dort nördlich der Straße von Kondoa nach Handeni einen Hügel – später der Büchsel-Hügel genannt, weil unser früherer Kompanieführer ihn mit der 4. Feldkompanie eine Zeitlang besetzt hielt – vom Feinde zu säubern.

Als wir uns dem Hügel frontal näherten, wurde unsere Vorspitze angeknallt, und Lowes von der Berittenen Achten fiel dabei verwundet in Feindeshand; ich habe ihn später in Ahmednagar gesund, aber minus einen Arm wiedergefunden. Nun wurde beschlossen, den Hügel am nächsten Morgen von Osten zu stürmen. Wir lagerten bei Tage hinter einem Mtamafeld im Busch. Hier bekamen wir den ersten sicheren Beweis dafür, daß die Eingeborenen von Kondoa-Irangi auf feindlicher Seite gegen uns mitmachten. Sie näherten sich unseren Askari, und als sich einer von diesen freundlich mit ihnen unterhalten wollte, stach ihm ein Irangimann seinen Stoßspeer durch die Halsmuskeln. In der folgenden Nacht pirschten wir uns an den Büchsel-Hügel heran, um ihn im Morgengrauen zu stürmen. Als es gerade losgehen sollte, kam eine vom Unteroffzier Fokken geführte Schleichpatrouille zurück und meldete, daß der Hügel vom Feinde geräumt sei.

Wir bezogen trotzdem den Hügel nicht, weil er viel zu groß war, als daß wir paar Männeken ihn hätten besetzen und halten können, sondern gingen drei Kilometer südlich davon auf einen kleinen, sehr zerklüfteten, beinahe kreisrunden Berg zurück. Dicht vor uns führte die Kondoa-Handeni-Straße vorbei, und von dem Büchsel-Hügel trennte uns ein Tal mit reichen Mtamafeldern. Überall guckten aus diesen die flachen Dächer der Eingeborenenhütten heraus, und fast auf jedem Dach hockten einige bewaffnete schwarze Landsleute und beobachteten jede unserer Bewegungen, um alles dem Feinde zu melden. Kam man ihnen näher, dann verschwanden sie im dichten Mtama.

Auf unserm Runden Berg haben wir sechs oder sieben Tage gesessen und ständig Patrouillen nach vorne geritten. Zuerst verpflegten wir uns nur aus der Landschaft, denn unsere Bagage war noch weit zurück. Die Tiere lebten von grünen, halbreifen Mtamastauden und von vorjährigem Mtamakorn, das wir noch in einigen verlassenen Hütten vorfanden. Sie gediehen, nachdem sie sich an die neue Kost gewöhnt hatten, dabei besser als früher bei Körnermais. Wir suchten in Eile verlassene Eingeborenendörfer nach Hühnern und Eiern ab und machten reichliche Beute; auch einige versprengte Ochsen der Eingeborenen fielen in unsere Hände. Geradezu glänzend aber wurde die Sache, als Dr. Sinning, der, weil schonungsbedürftig, das Kommando unserer Trägerkolonne erhalten hatte, diese schließlich bis auf 14 Kilometer an unsere Stellung vorgebracht hatte und uns nun nicht nur Brot, sondern sogar fertig gekochtes Essen, Schnaps und Zigaretten vorschickte. Wir ließen den fürsorglichen »alten Stock« hochleben und waren in puncto Verpflegung wieder mal obenauf, besonders da der tüchtige Unteroffizier Horn, der bei unsern kranken Tieren in Dodoma geblieben war, dort Wurst-, Speck- und Butterbeziehungen angeknüpft hatte. Auch Sanitätssergeant Trimpler nahm sich mit Nachdruck der Ernährungsfrage an. War Steins Liebhaberei das blitzartige Ausheben von Erdlöchern und die Errichtung von Sitzstangen gewesen, so wurde die gemeinsame Küche, eine Art tragbare, aus zwei großen Töpfen bestehende Feldküche, Trimplers Steckenpferd. Was war das schön, so ganz mühelos einen Schlag Essen und Kaffee zu erhalten.

Trotz unseres Wohllebens auf dem Runden Berge schrumpfte die Zahl unserer Europäer immer mehr zusammen. Unser Etatsmäßiger wurde schwer krank und mußte ins Feldlazarett Dodoma zurück; sein Nachfolger wurde Fritz König, unser genialer Gouvernementsrat, er hat 1918 den Heldentod gefunden. Das »kleine Nashorn«, das einige Maultiere, die wir an die Gebirgsartillerie abgeben mußten, zu deren Stellung brachte, stürzte unglücklich und verletzte sich den Brustkasten so schwer, daß er gleichfalls ins Lazarett mußte. Mehrere andere – ich meine, es waren Gotthilf Blaich, Bernhard Blaich, Schönbohm und Arno Förster –, die sehr anstrengende Patrouillen hinter die feindliche Front gemacht hatten, um deren Artilleriestellungen zu erkunden, bekamen Malaria, die bei den meisten bereits chronisch war und nach schweren Strapazen immer wieder neu ausbrach. Der Schütze Schreiber war auf Patrouille vom Posten einer unserer Feldkompanien angeknallt, durch die Backe geschossen und nach Dodoma zurückgeschafft worden.

Aber nicht nur an Kranken und Verwundeten hatten wir Abgang, auch gesunde Leute wurden abkommandiert und schließlich versetzt. Ja, die deutsch-ostafrikanische Kavallerie mußte schon im Brigadeverband bleiben, wenn sie noch was vorstellen wollte. Bis auf de Beer, den jungen Youbert und unsere Kapelle Alwin Botha wurden uns alle Buren abgenommen, sie kamen zur Artillerie, um Kanonen und Munition zu fahren. Piet Nievenhuizen und Louis van Rooyen waren schon seit Same beim Oberst als seine Pfadfinder. Auch Vizefeldwebel Thiele und Sergeant Truppel wurden vom Kommando vereinnahmt, zu dem sie ursprünglich nur als Meldereiter kommandiert gewesen waren. Unser Oberst bediente sich ihrer wegen ihrer Porikenntnis und Zuverlässigkeit gern als persönliche Begleiter, wenn er von Stellung zu Stellung ging oder bei seinen nächtlichen Wanderungen von Vorposten zu Vorposten. So kam er auch einmal bei uns auf unserm Runden Berg zu Fuß an, ohne alle Abzeichen, in unscheinbarem Kittel. Er rief mich zu sich und schüttelte mir die Hand. Ich fand ihn grauer geworden als wenige Wochen vorher in Lembeni, und dennoch wundert es mich nicht, daß ihn Leute, die ihn Mitte 1918 noch gesehen haben, als ungebrochen in Energie und Gesundheit beschrieben. Das Leben dieses großen Mannes fand in der Schwierigkeit der ihm gestellten Aufgabe erst seine wahre Erfüllung. –