Von unserm Runden Berg machten wir – ich glaube, es war am 11. Mai – nochmals einen Angriff auf den inzwischen vom Feinde wieder besetzten Hügel vor uns, gemeinsam mit der 4. Feldkompanie, die Oberleutnant Büchsel in Vertretung des kranken Hauptmanns Goering führte. Oberleutnant Büchsel leitete die Operation. Um fünf Uhr morgens begann der Anmarsch. Die Askarikompanie wollte frontal, wir sollten von rechts flankierend angreifen.
Ganz ungehindert kamen wir an die Ostseite des Hügels heran, erkletterten ihn und gingen, nachdem vor uns her fliehende Warangispäher unsern Anmarsch dem die Westseite besetzt haltenden Feind gemeldet hatten, auf dem Kamm des Hügels unter heftigem feindlichen Feuer in Stellung. Als wir wohl eine Stunde im Gefecht gelegen und uns entlang der Langseite des Hügels immer näher an den Feind herangearbeitet hatten, so daß wir außer ihm selbst bereits auch seine Tiere unter Feuer nehmen konnten, kam plötzlich der Befehl von Oberleutnant Büchsel, daß er zurückgehen müsse, da ihn 600 berittene Buren umgangen hätten und abzuschneiden drohten; wenn wir nicht in der Luft hängenbleiben wollten, müßten wir ebenfalls schleunigst abbauen; Treffpunkt: unser Runder Berg. Während wir die befohlenen Bewegungen ausführten, hörten wir dort, wo die 600 feindlichen Reiter zur Entwicklung gekommen sein mußten, Artilleriefeuer und das Krepieren von Schrapnells. Hauptmann Koehl hatte von seiner Artilleriestellung das Gefecht übersehen können und mit seinen Gebirgsgeschützen in die dichten Massen der Reittiere der sich zu Fuß entwickelnden feindlichen Kavallerie hineingehalten.
Als wir zu unserm Runden Berg zurückkamen, hatte ihn die 4. Feldkompanie bereits besetzt, weil man erwartete, jetzt würde der an Zahl stark überlegene Feind seinerseits angreifen. Wir lagen zwei Tage und schliefen zwei Nächte in unserer Gefechtsstellung. Als dann immer noch nichts kam, ging die deutsch-ostafrikanische Kavalleriebrigade noch einmal, diesmal allein und frontal, gegen den Hügel vor. Der Feind war weg. Hauptmann Koehls Gebirgsartillerie hatte ihm doch wohl klar gemacht, daß dieser Hügel für ihn nicht zu halten sei. Die 4. Feldkompanie besetzte nun den Berg und grub sich regelrecht ein. Als wir zu unserm Runden Berg zurückkehrten, fanden wir dort Leutnant Freund und zwei oder drei andere zurückgekehrte Rekonvaleszenten vor; Leutnant Kämpfe nahm Abschied von uns.
Bei diesem letzten Sturm auf den allerdings unbesetzten Büchsel-Hügel war mir wieder so recht zu Bewußtsein gekommen, was für ein kümmerliches Häufchen wir doch geworden waren. Bei diesem Sturme befanden sich in meinem, dem einzigen Europäerzuge meiner Kompanie nur noch sieben Gewehre; etwas, aber auch nicht viel besser sah es im Askarizuge aus. Was war aus meiner stolzen Kompanie geworden, seitdem die große feindliche Offensive begonnen hatte! In den Hochsteppen am Kilimandscharo und Meru war die Zahl der Europäer in neunzehn Kriegsmonaten durch Krankheiten nur wenig oder höchstens mal vorübergehend geschwächt worden, aber die letzten dreieinhalb Monate im schlechteren Klima und die große Regenzeit hatten böse Lücken gerissen. Dazu trug auch bei, daß in den ersten neunzehn Monaten den gewiß oft sehr anstrengenden Fernpatrouillen doch immer Tage, ja Wochen der Ruhe und Körperpflege gefolgt waren – in den letzten dreieinhalb Monaten waren wir dagegen ständig unterwegs gewesen, waren scharf herangenommen worden und hatten unsere Boys und somit reine Kleider usw. nur ganz selten und in großen Zwischenräumen gesehen.
Man könnte meinen, daß unter all diesen Mühsalen die Stimmung der Berittenen Neunten hätte leiden müssen. Sicher, die Leute schimpften über dieses und jenes – welcher rechtschaffene Soldat schimpft nicht mal! –, aber von den Männern, die jetzt noch an der Front waren, wollte keiner zurückbleiben. Aus den Lazaretten rissen sie meistens aus, lange ehe sie auskuriert waren – nur um mit dabei sein zu können. Wollte ich einem die Hölle recht heiß machen, dann drohte ich damit, ihn zur Etappe zu versetzen – sofort wurde er brav und artig und sagte: »Um Gottes willen nicht, Herr Wachtmeister!« Wir waren zu einer großen Familie geworden, deren Mitglieder sich zuweilen zanken, die aber alle wie ein Mann aufstehen, sollte ein Fremder es wagen, einen von ihnen anzurühren. Im Lager ging es stets quietschfidel zu, und ich habe mit stiller Freude beobachten können, mit welcher Ausdauer uns die Europäer anderer Kompanien besuchten, wo auch immer wir zufällig mit ihnen zusammentrafen. Die Kameradschaft war bei uns über alle Begriffe schön. Wenn einer was hatte, hatten es die andern auch, und wenn einer im Dienst schlapp machte, sprangen zehn andere freiwillig für ihn ein. Wurde eine besonders gefährliche Patrouille befohlen, so hatte ich Mühe, die zu beruhigen, die diesmal nicht mitdurften. Hatte die Kompanie abgesattelt nach langem, ermüdendem Ritt, alle froh, endlich mal wieder ein Auge voll nehmen zu können, und brachte in dem Augenblick ein Meldereiter den Befehl zum Weitermarsch irgendwohin, weit weg, dann riß irgendein Witzbold einen faulen Witz, lachend gingen alle an die Tiere, und zwei Minuten später war die Kompanie wieder auf dem Marsch. Ich betrachte die Jahre, die ich in der Berittenen Neunten diente, als die schönsten und bildendsten meines Lebens – denn nie hatte ich vorher Gelegenheit, so deutlich zu erkennen, welch guter Kern in den meisten Volksgenossen unter einer oft recht unscheinbaren Hülle zu finden ist. Man muß den guten Kern nur finden wollen und sich nicht scheuen, harte, faserige, ja sogar ätzende Schalen zu entfernen. –
Da unser erster Auftrag an der Kondoafront, den Büchsel-Hügel vom Feinde zu säubern, dank der Hilfe der Artillerie nun doch noch gelungen war, wurden wir, zur Verfügung des Kommandeurs, auf den Kommandohügel verlegt. Dieser lag Kilometer 148 von Dodoma, etwa im Zentrum unserer Kondoastellung. Wir lagerten etwas unterhalb des Kommandos, im dichten Busch gegen Sicht vor den Fliegern geschützt, zogen unsere Trägerkolonne heran und konnten uns einige Tage ausruhen und pflegen. Während der Zeit fand zwischen unserer schwereren Artillerie, zwei Haubitzen und einem 8,5-Zentimeter-Geschütz, und der des Feindes ein tägliches Duell statt. Was für Erfolge unsere Artillerie hatte, habe ich später bei meinem Abtransport als Kriegsgefangener sehen können; die feindlichen Erfolge hingegen waren wenig bedeutend. Gefallen ist vor Kondoa infolge feindlichen Artilleriefeuers, soviel ich weiß, nur der Regierungslehrer Staub, den ich 1914 auf meiner Ausreise als frohsinnigen Menschen lieben und als erstklassigen Skatspieler fürchten gelernt hatte. Schwer verwundet wurde Oberleutnant Boell, leichter unser Oberst und Piet Nievenhuizen.
Als wir zwei oder drei Tage dem Artilleriekonzert gelauscht hatten, kam der Befehl: »Die beiden Berittenen Kompanien stehen zur Verfügung der Abteilung Hauptmann Schulz, die auf der Kondoa-Saranda-Straße (links von unserm linken Flügel) einer gemeldeten umfassenden Bewegung des Feindes entgegengehen soll.« Also: »Fertigmachen! Satteln!«
Die Abteilung Schulz bestand aus zwei Askarikompanien, uns Reitern und einer kleinen Kanone, deren Rohr von Trägern getragen wurde. Die Lafette und die Munition waren auf etwa 25 Eseln verpackt in einer so primitiven Weise, wie sie eben nur bei unserm Mangel an jedem Kriegsmaterial erklärlich ist. Eingeborene hatten Strohmattensäcke geflochten, und auf jeder Seite des Eselrückens hing solch ein Sack, gefüllt mit Geschossen. Bauchgurt, Vorder- und Hinterzeug, die diese Säcke in der richtigen Lage festhielten, waren aus Stricken von Sansevieren-Fasern gefertigt.