Hauptmann Schulz verwandte seine Kavallerie auf dem Marsch, soweit sie nicht die Spitze bildete – das waren die Glücklicheren – als Artilleriebedeckung. Solch ein Marsch ist mehr als qualvoll. Man denke sich im dichten, heißen Dornbusch einen Fußweg, gerade breit genug für einen Mann, auf dem zwei Askarikompanien, ihr ganzer Troß von Trägern und Boys, die Artillerie mit ihren störrischen Eseln und endlich wir Reiter alle im Gänsemarsch marschierten. So ein Marsch besteht eigentlich nur aus Marschstockungen, die alle mitmachen müssen. Unzählige Male bin ich abgestiegen und habe meinen Hengst geführt. Die Geduld, die mein Hengst – sonst die Ungeduld selber – bei dieser Gelegenheit entwickelte, kam mir schon verdächtig vor. Obwohl er speckfett war und sein Fell noch goldig glänzte, saß der schleichende Tod bereits in ihm. Dieser Marsch war sein letzter. Bald danach traten Tsetsegeschwülste auf, und eine Woche später brach Ottos tapferes Herz.
Während dieser Unternehmung bin ich ein paar Tage stellvertretender Führer meiner Kompanie gewesen, da Leutnant Freund, der in der ersten Nacht mit einer Patrouille vorausgeschickt wurde, sich im Busch verirrte und uns verlorenging. Nach einem fürchterlichen Nachtmarsche – selbst die Tiere schliefen im Gehen ein – trafen wir am Morgen des dritten Tages an unserm Ziele, der Straße von Kondoa nach dem westlich von Dodoma liegenden Saranda, ein, fanden aber keinen Feind. Als dann die nach Norden vorgetriebenen Kavalleriepatrouillen sogar auch den uns bekannten vordersten Posten der englischen rechten Flanke verlassen gefunden hatten, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem beabsichtigten Flankierungsmarsch des Feindes zum mindesten verfrüht gewesen sein mußte. Mit unserm auf dem Rückmarsch wiedergefundenen Leutnant trafen wir nach sechs Tagen wieder am Kommandohügel ein.
Nachdem wir hier einige Tage in Ruhe dem Artillerieduell zugehört hatten, wurden wir – es muß inzwischen Ende Mai geworden sein – von neuem in Aktion gesetzt, diesmal wieder auf der rechten Flanke unserer Stellung. Da inzwischen die von uns in der Lembenistellung an der Nordbahn zurückgelassene Abteilung Kraut durch das bloße Gewicht der Zahl und Geschütze des Feindes, tapfer kämpfend, nach Süden zurückgedrängt worden war, stand nun die von Handeni kommende Straße für den Feind als Anmarschweg von Osten auf Kondoa offen, und da gleichzeitig starke feindliche Verstärkungen von Norden her in Kondoa eingetroffen waren, rechnete man auch damit, daß der Feind auf der alten Kondoa-Mpapua-Straße zur Mittellandbahn vorstoßen könnte. Infolgedessen erhielt die Kavalleriebrigade den Befehl, zu dem uns schon bekannten Kwa-Handu-Paß, südöstlich hinter unserer Front, zurückzugehen und von dort aus durch Patrouillen rechts vom rechten Flügel unserer Stellung jene beiden Straßen unter ständiger Beobachtung zu halten. Der geeignetste Punkt hierfür war der 35 Kilometer vom Paß nach Nordosten liegende Kwa-Damas-Hügel, nach dem wir also ständig Patrouillen zu reiten hatten.
Auf dem Kwa-Handu-Paß stellten wir eine starke Feldwache auf, die Kavalleriebrigade selbst lagerte etwas unterhalb des eigentlichen Gebirgspasses, versteckt gegen die häufig erscheinenden Flieger, im dichten Busch am Ufer eines versandeten, trockenen Flußbettes, in dem wir nach Wasser für uns und unsere Tiere graben mußten. Hier beim Kwa-Handu-Paß passierte die schöne Geschichte mit Martin Köhler, Unteroffizier Köhler, im Frieden Schaf-, Hühner-, Bienen- und Brieftaubenzüchter am Meru. Sie beweist, wie wichtig für den Schutztruppler die Ausbildung im Reckturnen ist – rettete doch eine elegant ausgeführte Sitzwelle den Kameraden Köhler vom sicheren Tode.
In unmittelbarer Nähe des Lagers waren, eingedenk der Liebhaberei unseres früheren Sanitätsrates, an einem versteckten Örtchen ein tiefes Loch ausgehoben und an dessen Rand Sitzstangen errichtet worden. Die Sitzstangen befanden sich etwa 45 Zentimeter über der Erde. Als unser Freund Martin eines Mittags auf einer dieser Stangen saß und, da er Geschmack besitzt, tief darüber nachdachte, wie er sich diesen Ort auf seiner Zukunftsfarm am Meru doch etwas weniger primitiv einrichten möchte, sprang ihn von vorwärts aus dem Busch ein Leopard an. Kurz entschlossen machte Martin eine Sitzwelle und kam, da er von Statur man klein ist, zwischen der Stange und dem Boden auch richtig rum. Der Leopard hingegen schoß, Kopf vorwärts, in die tiefe Grube, in der er ohne sonderliche medizinische Kenntnisse feststellen konnte, daß sämtliche Europäer meiner Kompanie magen- und darmkrank waren. Daß Martin, dessen Brust der Leopard im Absinken mit den Krallen der Hinterpfoten arg aufgekratzt hatte, sich nun keine Zeit mehr nahm, seine Toilette zu ordnen, wird niemand wundernehmen. Blutüberströmt, die Hose in der Hand, kam er in das Lager gelaufen, so schnell ihn seine kleinen Beine tragen wollten, und brüllte: »Chui! Chui!« [Leopard].
Am nächsten Mittag, etwa um dieselbe Zeit, besuchte Unteroffzier Obst das stille Örtchen. Er nahm seinen Karabiner mit. Richtig! Da lag der Leopard wieder im Schatten eines Strauches und wartete auf Martin Köhler. Bana matunda schoß dem Katzentier auf 15 Schritt eine Kugel zwischen die Augen. – Zu verwundern ist es nicht, wenn die größeren Raubtiere, Löwe und Leopard, im Kriege Menschenfresser geworden sind. Gelegenheit, sich an Menschenleichen zu üben und auf den Geschmack zu kommen, haben sie genug gehabt. Wer krank oder verwundet im Pori liegenblieb, war rettungslos verloren.
Am Kwa-Handu-Paß lag ich wieder mal einige Tage mit Fieber. Wir waren eigentlich alle malariadurchseucht, wie eine Viehherde mit Küstenfieber durchseucht sein kann. Die Malariaanfälle wurden immer häufiger, aber auch immer schwächer und von kürzerer Dauer. Na, wenn wir einmal kein oder doch nur schwaches Fieber hatten, ritten wir unsere Patrouillen nach dem Kwa-Damas-Hügel, zu dessen Fuß das Negerdorf gleichen Namens liegt. Ich habe zweimal solche Patrouillen geführt, die beide nicht ohne besonderes Abenteuer verliefen.
Das erstemal hatte ich den Nebenauftrag, den Jumbe, den den Engländern freundlichen Dorfschulzen von Kwa Damas, und seine eigene Schaf- und Ziegenherde auf dem Rückwege mitzubringen. Er war ein farbiger Landesverräter. Da wir aus der Richtung der englischen Stellungen an sein Dorf heranritten, hielt der Jumbe uns für Engländer, nahm uns freundlich auf und zeigte uns stolz ein deutsches, vom Feinde irgendwo erbeutetes Infanteriegewehr Modell 71, mit dem die Engländer ihn bewaffnet hatten. Als wir ihn, sein Gewehr, seinen Akida [Schreiber] und seine Hammelherde mitnahmen, machte er uns noch lange Zeit darauf aufmerksam, daß wir falsch marschierten, da die englische Stellung in entgegengesetzter Richtung liege. Seinen Untertanen schien es Spaß zu machen, daß es ihrem Jumben anscheinend schlecht gehen sollte. Wir mußten quer durch sein sich über einige Kilometer hin erstreckendes »Reich«. Die Frauen und Kinder traten vor die Hütten und freuten sich diebisch über ihren Schulzen und seinen Schreiber am gemeinsamen Strick. Die bewaffneten Männer hielten sich in respektvoller Entfernung. Der Schulze und sein Schreiber wurden der Zivilbehörde überliefert, die Schafe und Ziegen aß meine Kompanie.
Weniger vergnüglich war das Abenteuer auf der zweiten Patrouille. Ich hatte eben meine Tiere auf halber Höhe des Kwa-Damas-Hügels hinter Felsen versteckt und oben auf dem Hügel einen Ausguckposten aufgestellt, als plötzlich, wie ein Gewitter aus heiterem Himmel, ein Schwarm wilder Bienen über uns herfiel. Meine Askari rissen sofort aus, ohne sich um ihre Tiere zu kümmern, einige von den Europäern machten es nicht besser, andere banden wenigstens ihre Tiere los und rissen dann erst aus. Jedenfalls saß ich allein da mit sieben hinter verschiedenen Felsen angebundenen Tieren, über die die Bienen herfielen wie ein Heuschreckenschwarm über ein Feld jungen Mais. Gras, um rasch ein Rauchfeuer zu machen, gab es auf dem nackten Hügel nicht. Ich legte mir mein Taschentuch möglichst breit um den Hals und kroch, den Kopf dicht über dem Erdboden, auf allen vieren zu den Tieren, die mit solcher Gewalt an ihren Halfterriemen zerrten, daß ich sie nur durch Durchschneiden der Riemen befreien konnte. Ich konnte mich natürlich nicht damit abgeben, die Tiere zu greifen – einmal frei, mußten sie für sich selber sorgen. Das taten sie denn auch mit viel Klugheit und Überlegung. Von Bienen umschwärmt, sausten sie im Galopp den Hügel hinab, hinein in ein Mtamafeld, und wälzten und rieben sich dort solange gegen die Mtamastauden, bis sie die Bienen loswurden. Zwei Tieren, einem Pferde und einem Maultiere, hatten die Bienen oben am Hügel bereits so schwer zugesetzt, daß sie eingingen; das Pferd krepierte nach einer Stunde, das Maultier am nächsten Morgen. Eins der flüchtigen Maultiere hatten meine Leute unten am Hügel einfangen können, und da es jämmerlich nach seinen Genossen schrie, kamen diese, die schon auf dem Wege zum Kompanielager gewesen waren – Maultiere finden stets ihren Weg zum letzten Lager – zu uns zurück und ließen sich greifen. Das war noch ein Glück im Unglück. Wir hätten sonst alle mit der ganzen Reitausrüstung auf dem Rücken 35 Kilometer tippeln müssen.
Ich hatte 40 Bienenangeln im Kopf und in den Händen – der Bur de Beer hat sie mir ausgezogen und gezählt. Mein Kopf schwoll so dick an wie gut drei Köpfe gewöhnlichen Kalibers. Stundenlang fühlte ich mich sterbenskrank; erst als in der Nacht starkes Erbrechen und gleichzeitig Durchfall eingetreten war, wurde mir leichter. Daß ich dem Tode nahe gewesen bin, ist mir völlig klar. Es dauerte acht Tage, bis mein Kopf zu seiner normalen Dickköpfigkeit zurückgeschwollen war, und vierzehn Tage, bis die letzten Fiebererscheinungen verschwunden waren. Man sagt mir, Bienenstiche seien ein gutes Heilmittel gegen Rheumatismus. Wenn Bienenstiche auch prophylaktisch wirken, dann habe ich von dieser Medizin genug für den ganzen Rest meines Lebens eingenommen.