Bei dieser Gelegenheit habe ich übrigens feststellen können, daß es bei mir mehr als 40 Bienenangeln im Leibe bedarf, ehe ich den Sinn für Humor verliere. Trotz der angeschwollenen Augen und schmerzenden dicken Lippen habe ich doch herzlich über folgendes Intermezzo lachen müssen: Der Schütze Bieleck war, ohne sich um sein Tier zu kümmern, im ersten Schreck nicht den Hügel hinunter-, sondern hinaufgelaufen; den Woilach, auf dem er gerade ruhte, hatte er mitgenommen. Als wir eine ganze Weile später am Fuß des Hügels damit beschäftigt waren, die zurückkommenden Reittiere einzeln einzufangen, kündigten den steilen Hügel herabrollende Steine an, daß von oben noch was kommen würde. Und siehe – ein Berggeist kam am hellichten Nachmittage den Hügel herab. Bieleck ist klein, so klein wie ein Mensch nur sein kann, ohne in die Gattung Zwerg eingeschaltet werden zu müssen. Nun hatte er sich, wohl zum Schutz gegen die Bienen, die inzwischen längst weg waren, seinen langen Woilach über den Kopf gehängt, so daß er selber nichts sehen konnte und die Woilachenden vorne und hinten auf der Erde schleppten. Beim Abwärtslaufen trat er nun bald vorne auf den Woilach und kollerte ein Stück weiter, bald vertüderten sich seine langen Rittersporen hinten im Woilach, und er schoß einige Purzelbäume, um dann wieder weiterzulaufen. So rollte, stolperte, sich alle paar Schritt überschlagend, begleitet von einem Hagel losgelöster Steine, unser Berggeist wie eine Lawine heran und schrie dabei in einer unter der dicken Decke geisterhaft klingenden Stimme: »Ich sterbe! Ich sterbe! Ich bin schon tot!« Als Bieleck endlich unten angekommen und in sich zusammengesunken war, schauten wir uns das Klümpchen Unglück näher an. Wie gesagt, der Bienenschwarm war längst fort, aber Bieleck hatte sich gleich zu Anfang so’n Stücker sechs bis acht Bienen unter seinem Woilach eingefangen, die nun auch nicht wußten, wie sie da wieder rauskommen sollten. Unter ihrem zornigen Gesumme war Bieleck, selbst in Nacht gehüllt, auf dem Hügel herumgeklettert und jetzt zu uns heruntergesaust – immer noch im Wahne, daß der ganze Schwarm hinter ihm allein her sei.

Da ich gerade bei Bieleck bin und mich liebend gerne bei ostafrikanischen Charakterstudien aufhalte, will ich an dieser Stelle noch ein paar Stückchen von ihm erzählen. Bieleck hatte sich bei Kriegsausbruch zur berittenen Truppe gemeldet, weil er sich einbildete, früher mal »Cowboy« in Zentralamerika gewesen zu sein. Als ihn zum Schluß der ersten Reitstunde der Kompanieführer darauf aufmerksam machte, daß in einer Reitstunde zehnmal abzufallen sich mit dem Begriff, den er sich vom Cowboy mache, schlecht vereinigen lasse, antwortete Bieleck: »Halten zu Gnaden, Herr Kapitänleutnant, ich bin halt nur fünfmal abgefallen, die andern fünfmal bin ich noch rechtzeitig an meinen Sporen oben hängengeblieben.«

Kurz vor dem Kriege reiste Bieleck in der Landschaft Usukuma. Warum er dort reiste, weiß auch heute nur er allein. Jedenfalls reiste er als Großgrundbesitzer und trug sein Haar in langen schwarzen Locken, wahrscheinlich, um wenigstens etwas Langes an sich zu haben. Zwei spätere Kompaniekameraden von ihm und mir, die auf Viehsafari auch in Usukuma reisten, erfuhren in einem Negerdorf, daß im nächsten Dorf ein ganz kleiner Mzungu [Europäer] wohne. Richtig! als sie zum nächsten Dorf kamen, fanden sie dort einen Lehmkaten mit der obligaten Veranda davor. Auf der Veranda, die Stirn in Denkerfalten gezogen, anscheinend in die Lektüre eines Buches vertieft, saß Bieleck, der sie natürlich bereits eine Stunde lang auf der Straße hatte ankommen sehen. »Ah, meine Herren, welche Überraschung! Freut mich, daß Sie mich besuchen. Freut mich sehr. Bitte, nehmen Sie Platz. Habe hier Land belegt. So’n kleines Fürstentum groß. Will viehfarmen. Zentralamerikanische Erfahrungen verwerten« – so sprudelte es von den Lippen des kleinen langhaarigen Gastgebers. »Auch auf Viehkauf?« Ein Wort gab das andere, und die beiden Viehkäufer beklagten sich, daß es so schwer sei, in Usukuma Träger zu bekommen. »Was«, rief Bieleck, »schwer? Nichts leichter als das. Ich bin alter Afrikareisender – Bieleck war damals 21 oder 22 Jahre alt – weiß Bescheid, machen Sie’s wie ich! Wenn ich keine Träger kriegen kann, weil die Männer sich verdrückt haben, gehe ich in ein Negerdorf und greife mir 18 Frauen. Reise nach meinem Stande in einigem Staat, wie Sie sehen. War früher beim Gouvernement, habe es mir da so angewöhnt; freilich, Anspruch auf Nachtgeschirr mit Deckel hatte ich noch nicht. Zehn Frauen packe ich je eine Last auf, und acht, immer vier abwechselnd, müssen mich im Liegestuhl hinterhertragen. So übersehe und bewache ich bequem das Ganze. Wenn ich in dieser Weise eine Stunde marschiert bin, dann kommen die Männer der Frauen mir ganz von selbst nachgelaufen und bieten sich zu Trägerdiensten an. ›Seht ihr wohl‹, sage ich zu ihnen, ›es gab also doch Träger in eurem Dorf. Nun, bis zum nächsten Dorf müßt ihr mit, sonst nehme ich eure Frauen mit. Im nächsten Dorf löhne ich euch ab.‹ Sie gehen mit, glauben mir aber natürlich nicht, daß ich sie im nächsten Dorf entlassen werde. Kaum sind wir dort angelangt, bimsen sie aus, und ich spare die Trägerlöhne. So reist man bequem und billig in Afrika, meine Herren.«

Der also in Staat reisende Großgrundbesitzer Bieleck kam zur Truppe zu Fuß ohne die langen Locken und bescheiden mit nur einem Träger. Dieser trug eine alte Petroleumkiste auf dem Kopf, in der sich eine Sammlung von Hotelspeisekarten aller Herren Länder befand.

Daß Bieleck sich gleich zur Schutztruppe meldete, ist gewiß anzuerkenen, aber im Gefecht hatte er doch so seine eigene Taktik. Als die Berittene Neunte am 6. Februar 1916 im Gefecht am Nagasseni über eine größere baum-, strauch- und graslose Fläche im feindlichen Feuer in Sprüngen vorging und mit dem Ungestüm ihres Führers kaum Schritt halten konnte, waren Bieleck und Bana matunda Nachbarn in der ausgeschwärmten Schützenlinie. Nach dem ersten Sprung schmiß sich Bana matunda auf den Bauch – denn natürliche Deckung gab es nirgends – und schoß mit gespreizten Beinen liegend. Kaum hatte er den zweiten Schuß heraus, da krabbelte ihm was zwischen den Beinen, und als er sich vorsichtig umsah, hatte sich Bieleck dort eingenistet. Ehe Bana matunda seine staunende Entrüstung in Worte fassen konnte – der Augenblick muß sehr kurz gewesen sein, denn Bana matunda war sonst nicht auf den Mund gefallen –, hieß es bereits wieder: »Sprung auf! Marsch! Marsch!« Nach diesem Sprung legte sich Bieleck richtig wieder zwischen die Beine von Bana matunda, und dieser fand diesmal zwischen seinen Schüssen die Zeit, ihm einige Kosenamen an den Kopf zu werfen und Fußtritte zu verabreichen. »Halten zu Gnaden«, sagte der ganz bestürzte Bieleck, »wir sind instruiert, jede Deckung auszunutzen, und eine bessere Deckung kann ich in diesem parkettfußbodenähnlichen Gelände nicht finden.«

Bieleck war auch mal interimistisch als Gerichtsvollzieher in Tabora angestellt. Warum er diesen Posten verlor, hat er mir selbst erzählt: »Halten zu Gnaden, Herr Obristwachtmeister, ich war mein ganzes Leben lang immer schlecht bei Kasse, auch noch, als ich Kolonialbeamter war. Komme ich da eines Tages auf das Büro meines Bezirksrichters, um ihm nach einer vollzogenen Pfändung das bezügliche Aktenstück zu überreichen. Mein Bezirksrichter liest halblaut und murmelt: ›Urteilsschuldner Bieleck, hm, den Namen sollte ich kennen.‹ – ›Jawohl, Herr Bezirksrichter‹, sage ich, ›das bin ich.‹ – ›Was!‹ ruft der Bezirksrichter, ›Mensch, Sie haben sich selbst gepfändet?‹ – ›Kleinigkeit‹, sage ich, ›machen wir alles. Ich ging auf meine Bude, fand nichts Pfändbares und habe, wie Euer Gnaden sehen, hier unten auf dem Aktenstück über den Befund mit »Bieleck, Gerichtsvollzier« urkundlich quittiert. Alles in schönster Ordnung, Euer Gnaden.‹ Der Bezirksrichter wollte das nicht für voll nehmen, und ich wurde entlassen, nur weil mein Name zweimal in derselben Gerichtsakte vorkam. So kann’s einem gehen, Herr Obristwachtmeister. Hab’ die Ehr’, Herr Obristwachtmeister.«

Wenn Bieleck dazu aufgelegt war und abends am Lagerfeuer erzählte, saß bald die halbe Kompanie um ihn versammelt und lachte sich gesund. Bieleck hatte eine helle Phantasie, er war unser moderner Münchhausen.

Der Todesritt der Berittenen 9. Schützenkompanie

Wir mußten zurück. An der Kondoafront, die unser Oberst nun schon drei Monate hielt, stand es zwar nach wie vor gut. Aber die neue Stellung, die Major Kraut bei Kanga, nördlich von Tuliani, besetzt hielt, wurde jetzt durch überwältigende feindliche Übermacht bedroht. Kanga und Tuliani waren aber die Schlüssel zu Morogoro und somit zur Mittellandbahn, und wenn diese beiden fallen würden, war es unmöglich, die Kondoastellung länger zu halten. So entschloß sich unser Oberst, letztere zu räumen, um den Feind vor Morogoro nochmals kräftig aufzuhalten. Am 22. Juni 1916 brach er von der Kondoafront auf und war auf dem Durchmarsch eine Stunde bei uns im Lager am Kwa-Handu-Paß. Hier habe ich unsern Oberst zum letztenmal im Kriege gesehen – der heroischste Teil seines Heldenkampfes lag damals noch vor ihm.

Ich sage immer: »unser Oberst«, als wenn ich nicht wüßte, daß v. Lettow-Vorbeck im Kriege noch General geworden ist. Ich weiß das sehr wohl, wir Afrikaner wissen es alle, aber keiner von uns spricht von ihm anders als von »unserm Oberst«, mit der Betonung auf dem besitzanzeigenden Fürwort. Einen schöneren Ehrentitel kann sich kein Mensch erwerben.