Übrigens werden die Engländer sehr erleichtert aufgeatmet haben, als unser Oberst zum Generalmajor befördert wurde. Es war doch etwas peinlich für die zehn bis siebzehn feindlichen Generäle in Ostafrika, daß ihr nie zu schlagender Gegner nur ein Oberst war. Sie nannten ihn daher auch schon lange vor seiner Beförderung in ihren Berichten stets General v. Lettow. Ebenso gereichte es ihnen zur größten Befriedigung, daß der General Wahle (der auf einer Reise in Afrika durch den Kriegsausbruch überrascht worden war) auf unserer Seite mitkämpfte. Und um unsern Besitzstand an Generälen noch um ein weniges auszugleichen, nannten sie den im Gefecht am Ingito schwer verwundeten und seitdem beim Kommandostabe tätigen Hauptmann Tafel sowie den Oberleutnant Naumann, der ihnen viel zu schaffen machte und zu einer Zeit, als die Engländer bereits die Mittellandbahn genommen und überschritten hatten, plötzlich in ihrem Rücken bei Kahe an der Nordbahn auftauchte, General Tafel und General Naumann. Sogar ein in Gefangenschaft geratener Waffenrevisor, dessen Rangabzeichen die Engländer nicht verstanden, wurde von ihnen einige Tage als General angeredet und behandelt. Persönlich erlebte ich es, daß die Engländer den früheren Polizeiwachtmeister Kleinschmidt, der die Großstadt Dodoma im Namen des Bezirksamtmannes übergeben hatte, Mr. Burgomaster titulierten und sehr stolz darauf waren, diesen kleinen, dicken, lieben Herrn überall als wichtige Persönlichkeit zeigen zu können.

Schon einige Tage vor und mehrere Tage nach dem 22. Juni kamen ununterbrochen Askarikompanien durch den Kwa-Handu-Paß. Staffelweise und nur in der Nacht wurde vor Kondoa abgebaut, damit die feindlichen Flieger es nicht beobachten konnten. Das ist dermaßen gut gelungen, daß des Feindes Artillerie unsere alten Stellungen vor Kondoa noch beschoß, als sie schon mehrere Tage verlassen waren und nur noch einige Gruppen Askari allnächtlich auf der ganzen alten Front Lagerfeuer unterhielten.

Während der Rückzugsbewegungen war es die Aufgabe der deutsch-ostafrikanischen Kavallerie, den Rückmarsch zu decken. Wir gingen vom Kwa-Handu-Paß bis zum Keremabach vor und nahmen dort die letzten Askarikompanien auf, als allerletzte die 14. Reservekompanie, die wegen ihrer Standhaftigkeit und ausdauernden Marschleistungen »die Eiserne« genannt wurde. Bis zum andern Morgen hielten wir den Übergang über den Keremabach besetzt, und erst, als dann immer noch kein Feind nachdrückte, ritten wir zum Kwa-Handu-Paß zurück. Hier warteten wir, zusammen mit der Abteilung Klinghardt, der wir einstweilen zugeteilt waren, weiter auf den Feind, und da das bald so langweilig zu werden anfing, daß Streitpatiencen bereits wieder herhalten mußten, stießen wir noch einmal weit nach Nordosten vor, bis zum Kwa-Damas-Hügel bienenabenteuerlichen Angedenkens. Als auch hier nichts vom Feind zu sehen war, rückte die ganze Abteilung – wir als Nachhut – vom Kwa-Handu-Paß auf der alten Kondoa-Mpapua-Straße nach Süden ab.

Unser nächster längerer Aufenthalt war in Yangallo, einem Negerdorf etwa 25 Kilometer nordwestlich von Mpapua. Von hier aus wurde, um die Anmarschlinie von Norden her zu sichern, ein ständiger starker Posten in dem großen Negerdorf Tissu Kwa Meda unterhalten. Ich habe mit meiner Kompanie auch sechs Tage dort gelegen und dabei die Ehre gehabt, den alten Sultan Meda der hier ansässigen Wagogo kennenzulernen.

Meda war ein großer, sehr korpulenter Herr, sein wolliges Haar schimmerte bereits ganz weiß. Er nahm uns mit Würde und freundlich auf. Seine Auffassung über die durch den Krieg geschaffene politische Lage seines Sultanats brachte er, etwa wie folgt, zum Ausdruck: »Als vor Jahren die Massai uns bekriegten und unser Vieh raubten, habt ihr Deutschen uns geholfen und Ordnung geschaffen. Meine eigene Großviehherde ist seitdem wieder auf 2000 Haupt angewachsen. Ich habe sie – das schob Meda mit einem schelmischen Blick in seinen Augen ein – in lauter kleine Herden eingeteilt und diese überall in meinem Sultanat im Busch versteckt; die Zeiten sind danach. Da ihr Deutschen – fuhr er fort – uns seinerzeit geholfen habt, habe ich meinen Untertanen befohlen, euch gut aufzunehmen und zu verpflegen und nichts gegen euch zu unternehmen. Mehr kann ich nicht tun. Wir sind zu schwach, um für euch zu kämpfen. Wenn ihr weg seid und die Engländer kommen hierher, dann werde ich meinen Untertanen befehlen, auch sie gut aufzunehmen und zu verpflegen. Wir werden aber auch nicht mit ihnen gegen euch kämpfen.«

Mir schien der alte Meda trotz der vielen Pombe, durch deren lebenslänglichen reichlichen Genuß er sich seinen schönen Schmerbauch angezüchtet hatte, für einen Negerfürsten eine sehr gesunde Politik zu betreiben, und da ich Befehl hatte, für alles, was die Eingeborenen uns brachten, nicht mit Papiergeld, sondern in klingender Münze zu zahlen, kamen wir mit seinen Untertanen ganz vorzüglich aus. Wir hatten einige Tage Fettlebe. Die Gegend war noch nie von Truppen abgegrast worden, und keine Etappe hatte noch je ihre Fühlhörner bis hierher ausgestreckt. Unsere Tiere bekamen Mtamakorn, soviel sie fressen wollten. Alles war spottbillig. Eine Ziege kostete 50 Heller, ein fettes Schaf 1 Rupie, ein fetter zweijähriger Ochse 4 Rupien, ein Huhn 10 Heller, das Ei 1 Heller, Honig gar nichts, und soviel Milch, wie es für 10 Heller gab, konnte ich in einem Tage unmöglich trinken. Wir haben uns von dem guten alten Meda und seinen von ihm organisierten weiblichen und daher höchst malerischen Verpflegungskolonnen alle sehr ungern getrennt.

Von Yangallo nahm uns die Abteilung Klinghardt mit zurück zu dem alten Karawanenzentrum Mpapua. Das Hauptereignis der vier oder fünf Tage, die wir da gelegen haben, war, daß wir einige fette Schweine schlachteten und alle unsere Blechbüchsen und Gläser mit Schmalz auf Vorrat füllten. Hocherfreulich war es, daß es in Mpapua auch Schneider gab, die unser Gelumpe notdürftig reparieren konnten. Ich habe meinen einzigen Uniformrock, der mir, nebenbei gesagt, viel zu klein war, dort mit vier Taschen besetzen lassen; denn im Original hatte der Rock merkwürdigerweise überhaupt keine Taschen. Da der Khakistoff der Taschen, den mir ein wohlhabenderer Kamerad geschenkt hatte, viel heller war als der Stoff des Rockes, sah ich von vorne allerliebst scheckig aus und von hinten, wegen der Kürze des Rockes, wie ein Junge in schweren Reithosen – Wellblechhosen wurden sie genannt –, der aus seinem kurzen Jäckchen seit einigen Jahren herausgewachsen ist. Na – die Eleganz eines Etappesoldaten konnte von uns billigerweise nicht verlangt werden.

Bei Mpapua lagerte meine Kompanie ganz für sich, etwas oberhalb der Boma und der Inderstadt. Wir hatten uns schon ganz in den Gedanken eingelebt, daß der Feind nie mehr nachkommen würde, und fingen sogar bereits an, Grashütten, wenn auch man ganz, ganz bescheiden, zu bauen. Die Lage unseres Lagers war höchst romantisch, unter schönen alten Bäumen in einem Flußkoongo, das vor uns mit einem Berge abschloß, also gewissermaßen in einem Talkessel. Zur Erhöhung der Romantik bewohnte ein seiner Stimme nach uralter Mähnenlöwe ebenfalls diesen Talkessel.

Der Mond ist aufgegangen, ein zitronengelber afrikanischer Mond, und sucht mich unter dem Blätterdach der Bäume, wo ich, mit dem Kopf auf dem Sattel liegend, meinen Gedanken nachgehe. Neben mir stehen meine beiden Reittiere, mein neuer hochbeiniger südafrikanischer Fuchswallach und mein kleines, schnittiges Maultier. Sie fressen ihr Mtamakorn und nehmen zwischendurch ein Maulvoll von dem ihnen vorgeworfenen Gras; der Fuchs, der Nachfolger von Otto, und das Maultier sind schnell Kriegskameraden geworden und vertragen sich gut. Von Mpapua her, wo die Neger tanzen, erklingen fern die Töne der Ngoma [Trommel], näher, in unserm Lager, dort, wo der Askarizug liegt, höre ich meine schwarzen Kameraden singen: »Napenda we, napenda we« [ich liebe dich] … auch sie denken nicht an Krieg. Nächtlicher Friede sinkt auf das Land herab.