Da fängt plötzlich der alte einsame Löwe an, seine mächtige Stimme zu erheben. Erst rollen die Laute grollend tief aus seiner Kehle, wie wenn sie sich erst lösen müßten. Freier und lauter wird das Gebrüll, das sich an den Bergwänden fängt und widerhallt, bis der ganze Talkessel von dem Groll und der Macht des Königs der Tiere erfüllt ist. Der Gesang der Askari ist verstummt. Meine Tiere fressen nicht mehr. Wie zu Stein erstarrt stehen sie da und lauschen mit vorgestreckten Ohren aufmerksam in die Nacht hinein. Ich richte mich halb auf und lausche auch; unwillkürlich sucht meine Hand den Karabiner neben mir. Alle Lebewesen lauschen, die ganze Natur ist ein Lauschen. Wieder und wieder erhebt der Löwe sein Gebrüll, allen denen Verderben drohend, die sich seinem Trotz nicht unterwerfen. Dann verstummt er so plötzlich, wie er begann, nur noch einige verächtliche Gurgellaute klingen nach. Der Frieden der Tropennacht sinkt wieder auf mich und alles um mich nieder.
Unser Wohlleben im Jagdgebiet des alten Löwen von Mpapua sollte nicht von langer Dauer sein. Es kam vom Kommando der Befehl: »Die beiden Berittenen Kompanien sind der Abteilung Linke in Chinene zugeteilt.« Also wieder hieß es: »Fertig machen! Satteln!« Wie viele hundert Male ich wohl diese beiden Befehle im Kriege habe geben müssen? Wir ritten noch in der Nacht zur Mittellandbahnstation Gulwe und pennten dort, wo wir standen, weil der Transportzug auf sich warten ließ. Am nächsten Tage waren wir wieder in der Großstadt Dodoma. Die Zivilverwaltung, mit alleiniger Ausnahme des Burgomaster Kleinschmidt, war bereits fort; auch unsere freundliche Frau Bahnhofswirtin trafen wir nicht mehr an, doch hatte sie – geschäftstüchtig, wie sie war – ihr Hotel noch schnell an einen Inder (oder war es ein Grieche?) verpachtet.
Wir hielten uns nicht in Dodoma auf, sondern ritten auf der Straße nach Kondoa die Nacht durch und waren am nächsten Abend in Chinene. Hier hatte die Abteilung Linke auf dem Rückzug aus der Kondoastellung haltgemacht, um am Chinene-Paß den Feind zu erwarten. Mittlerweile hatte dieser nun doch Ernst gemacht, war von Kondoa nach Süden vorgegangen und lag jetzt vor dem Chinene-Paß. Hauptmann Linke teilte – seit langer Zeit zum erstenmal wieder – die Kavalleriebrigade, behielt die Berittene Achte bei sich in Chinene und schickte meine Kompanie rechts raus, um den etwa 10 Kilometer östlich gelegenen Kongoni-Paß zu besetzen. Die Berittene Neunte hatte sich inzwischen, da Rekonvaleszenten sich nach und nach eingefunden hatten, wieder etwas vermehrt und war jetzt 16 Europäer und 19 berittene Askari, also 35 Gewehre stark.
Drei Tage und drei Nächte lagen wir oben im Kongoni-Paß in Stellung und froren ganz jämmerlich. Vom Feind war nichts zu sehen. Es war aber anzunehmen, daß die Berge, die vor dem Nordausgang des Passes lagen, von ihm besetzt waren. Als ich, um das festzustellen, Freiwillige zu einer Schleichpatrouille aufrief, meldeten sich sämtliche Leute, wie das bei der Berittenen Neunten nicht anders zu erwarten war. Bernhard Blaich, unser »Mariechen«, und der kecke Dettmar meldeten sich am schnellsten. Zu Fuß gingen sie vor und bewogen sogar den Feind, aus seinen Stellungen herauszukommen. Nur ihre jungen Lungen und flinken Beine retteten Blaich und Dettmar vor einer Umzingelung. Ich hoffte, der Feind würde ihnen bis in Schußweite meiner Feldwache folgen, und hatte bereits alles für einen warmen Empfang vorbereitet. Der Feind aber ließ sich auf gar nichts ein.
Es war am Morgen des denkwürdigen 27. Juli 1916, als von der Abteilung Linke der Befehl eintraf: »Nach Gefecht am 26. bei Chinene ging Abteilung Linke nach Meia-Meia bei Kilometer 45 zurück. Die Berittene 9. Schützenkompanie hat sich der Abteilung Linke dort anzuschließen.«
»Fertig machen! Satteln!« Ich ahnte nicht, daß ich diese Befehle meinem Zuge zum letztenmal im Kriege zugerufen hatte. Wir tränkten die Tiere noch mal, und die Pferdehalter wurden eingeteilt. »Aufsitzen! – Spitze: Unteroffizier Bosch, Gefreiter Botha und zwei Askari! – Spitze anreiten! – Marschordnung: Europäerzug, Askarizug! – Europäerzug anreiten!«
Durch undurchdringlichen Dornbusch auf sich windenden Negerpfaden ritten wir in Kolonne zu Einem nach Meia-Meia. Es mag 2 Uhr 30 oder 3 Uhr nachmittags gewesen sein, als wir an den Rand der etwas lichteren Fläche kamen, in der die Etappenstation Meia-Meia stand. Unsere Spitze war schon über diese Lichtung weggeritten bis an die Etappenstraße heran, und jetzt verließen auch wir den schützenden Busch. Der erste Reiter in der Kolonne war Leutnant Freund als Kompanieführer, ihm folgte unser Veterinär Dr. Binz, der dritte war ich, und hinter mir ritt mein Zug.
Wir erwarteten in Meia-Meia die Abteilung Linke in Stellung zu finden und wußten, daß wir erwartet wurden. Daß also 40 Meter links von uns Truppen mit der Front nach Chinene zu ausgeschwärmt im hohen Gras lagen – wie es auf den ersten Blick schien, Askari mit um den Tarbushi, wie üblich, befestigten Zweigen –, konnte uns nicht auffallen, jedenfalls fiel es mir nicht auf. Wir ritten Schritt, und als beinahe der ganze Europäerzug aus dem Busch heraus war, rief jemand von hinten nach vorne: »Ich glaube, das sind Engländer!« – »Unsinn!« antwortete Leutnant Freund, setzte aber, während wir im Schritt in der Marschrichtung blieben, sein Tier in Galopp und ritt an die Schützenlinie heran.
In dem Augenblick wurde jeder Zweifel behoben. Wir erhielten Schnellfeuer auf 40 Schritt. Ein Zurück war nicht möglich. Es hätte am engen Eingang zum dichten Busch eine Stauung und folglich ein Massengrab gegeben. Bei einem Feuerüberfall auf 40 Schritt ist es nicht gut möglich, sich zu entwickeln. Unsere Instruktion lautete jedenfalls, in einem solchen Falle auseinanderzuspritzen und die nächste Deckung zu suchen. Wir sausten alle auseinander nach rechts, wo ein naher Buschstreifen wenigstens erst einmal Deckung gegen Sicht versprach. Bis zu dem Buschstreifen, kaum 20 Galoppsprünge entfernt, fiel links von mir Dr. Binz neben sein totes Tier mit zwei Schuß in Brust und Hand, und rechts von mir wurde Gotthilf Blaich das Pferd unter dem Leib erschossen. Die Luft sang von Spitzgeschossen.