»Aber brav und unbescholten,« entgegnete ich, »und sie ist die abgefeimteste, frechste Dirne, die ich kenne. – Das ist es gerade, was mich so empört, daß man Nichts hierin findet. Man ist so tief gesunken, daß man über die gemeinste Gesinnung und die schamlosesten Handlungen keine Entrüstung mehr hat. Man hat sich so sehr an das Laster gewöhnt, daß man ganz und gar vom Ruf eines Mädchens absieht und es nur nach seiner äußeren Brauchbarkeit und seinem Gelde schätzt. – Und was enthält der Begriff »brauchbar für's Land« für entsetzliche Nebenbegriffe, die man gar nicht nennen darf! und was ist das für sauberes Geld! Mancher würde sich bedenken, es nur mit der Feuerzange anzurühren. – Ich hätte fürwahr bei Euch, die Ihr Euch wenigstens äußerlich vor jedem Makel hütet, andere Gesinnungen gesucht! Darum ist auch mein Kampf gegen die täglich zunehmende Versunkenheit so vergeblich, weil ich ihn allein kämpfen muß. Wenn noch ächte, unverdorbene Art in Euch wäre, so würdet Ihr entschieden auf meine Seite treten und mich mit Rath und That unterstützen! Euer Ansehen und Einfluß mit in die Wagschale geworfen, würde meinen Worten ein ganz anderes Gewicht verleihen.«
Da nun auf diese Worte ein verlegenes Stillschweigen erfolgte, glaubte ich, das Feld wäre genug bearbeitet und der Zeitpunkt gekommen, meinen Antrag anzubringen. Ich sagte also: »Ich will Euch noch diesen Augenblick eine Gelegenheit bieten, wo Ihr zeigen könnt, ob noch besseres Gefühl in Euren Herzen schlummert, ob Ihr noch irgend ein Opfer zu bringen vermöget, ob Ihr noch einer edlen That fähig seid! Frau Balzer und Ihr, alter Großvater, Ihr könnt eine Menschenseele vom Verderben retten! Ihr könnt Eure eigene Seele retten! Denn wer einer Seele vom Tode hilft, der wird die Menge der Sünden bedecken. Bedenket die Nähe Eures Todes und des Gerichts! Die Frau Heimerdinger hat erklärt: wenn die Babette nur die geringste Hoffnung hätte, den Ernst zu bekommen, solle sie nicht nach Californien. Gebt Ihr diese Hoffnung! Benutzet die Gelegenheit zu einer edlen That, die Euch der Herr durch mich anbietet, und ladet Euch nicht den Fluch der Versäumniß auf!«
Wenn eine Bombe plötzlich in das Zimmer gefallen wäre, die Gesichter hätten nicht verblüffter aussehen können, als durch diese meine Aufforderung. Die Balzerswäs rang sichtlich nach Athem. Endlich hatte sie die Sprache wiedergefunden. Sie war aufgesprungen und trippelte vor mir auf und ab, während sie sprach: »Was sagen Sie, was sagen Sie, Herr Pfarrer? Ich kann's gar nicht glauben. Wir, wir sollen das schlechte Mensch, die Lumpenbagage, in unsere Familie aufnehmen! Dazu haben Sie die lange Einleitung gemacht und uns die Predigt gehalten! Da hätten Sie den Athem sparen können!«
Ganz niedergeschlagen über den schlechten Erfolg meiner gewiß guten Absicht erwiderte ich: »Arm ist das Mädchen wohl, aber wenn Sie es »schlecht« nennen, versündigen Sie sich! Wer weiß, ob nicht ein besseres Herz unter ihren Lumpen schlägt, als unter Ihrem feinen Tuchmieder.«
»Ach, der Herr Pfarrer soll ja nicht glauben, als wüßten wir nicht, warum er so warmen Antheil an der Babett nimmt, warum er ihr immer die Hand gibt und so freundlich zunickt und oft stundenlang mit ihr spricht! Man ist endlich hinter Ihre Schliche gekommen. Sie sind gestern mit ihr gesehen worden an der Guntramseich'. Die Dorth hat's eben mit heimgebracht. Pfui, schämen Sie sich für einen Pfarrer und für so einen frommen Mann, wie Sie sein wollen! Doch was ich sagen wollte, mit einem Wort: Mein Ernst ist viel zu gut, um Ihre Liebste zu heirathen.«
Ich wußte anfangs gar nicht, was die Frau wollte und fühlte nur instinktmäßig, daß sie einen schweren Verdacht gegen mich aussprach. Aber als ich endlich merkte, wo sie hinauswollte, wurde ich ganz betäubt und fing an schwindelig zu werden, so daß ich mich durch einen starken Willensakt wieder aufraffen mußte. Da wollte sich nun meiner ein entsetzlicher Zorn bemeistern, aber ich beherrschte mich und sagte kalt und stolz: »Sie werden es wohl beweisen können, denn beweisen müssen Sie es! Solche schwere Verdächtigungen spricht man ungestraft nicht aus.« Meine Worte verfehlten ihren Eindruck nicht; denn ein rechter Bauer scheut die Amtsstube, wie das Feuer. – Ich wäre nun gern gegangen, aber ich fühlte, daß ich mit der Drohung, sie vor Gericht zu belangen, als Geistlicher nicht gut scheiden konnte und sagte: »Ich meine, ich könnte hier, wo man mich auf so niederträchtige Weise beleidigt hat, keine Minute mehr verweilen, aber meinem Stand und meiner Stellung bin ich es schuldig, Euch etliche Aufklärung zu geben. Ich habe allerdings gestern zufällig die Babette Heimerdinger an der Guntramseiche getroffen und habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Auch habe ich ein Werk der Barmherzigkeit an ihr ausüben müssen, denn kurz nach meiner Ankunft ist sie in Folge der Mißhandlungen ihrer Eltern und des Seelenschmerzes, den ihr die Gewißheit machte, an den alten Fink verkauft zu sein, in Ohnmacht gesunken und ich habe sie erst nach langen vergeblichen Bemühungen in's Leben zurückrufen können. Wenn ich der Babette freundlich zunickte und gern mit ihr sprach, so hatte das darin seinen Grund, daß ich mich freute in dieser gänzlich verkommenen Gemeinde ein reines, unverdorbenes Gemüth zu entdecken. Das ist etwa die Freude, die man hat, wenn man eine Palme in der Wüste oder eine Rose mitten unter Giftgewächsen findet. Und nun, wer mir solche Schlechtigkeiten zutrauen mag, der soll es thun! Das muß ich sagen: von Euch hätte ich es nicht erwartet, und daß Ihr so leicht den Verdächtigungen über einen Mann, den Ihr nun schon jahrelang kennt und der Euch gewiß nicht den geringsten Anlaß zu Verdacht gegeben hat, Glauben schenkt, ist durchaus kein gutes Zeichen für Euch selbst. Doch ehe ich gehe, möchte ich doch noch wissen, wer dieses schöne Gerücht in Umlauf gesetzt hat. Sage, Dorth, wer hat mich gesehen?«
»Ei, die Anne-Mile,« sagte diese ganz kleinlaut. – »Nun da wußtet Ihr ja schon, was Ihr von der Sache zu halten hattet. Leben Sie wohl, Frau Balzer! Dieser Stunde werden Sie noch auf dem Todesbette gedenken!«