»Ach was,« sagte ich, »die Noth bricht Eisen, aber ein Gebot Gottes darf sie nicht brechen. Wer arbeiten will und im Vertrauen auf Gottes Hülfe sich redlich mühet, dem hat es noch nie an Gottes Hülfe gefehlt. Nur muß mit dem Arbeiten das Beten und mit dem Beten das Arbeiten verbunden sein. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde sind mahnende Zeugnisse, daß es Niemand fehlen könnte, wenn er nur seine Pflicht treulich erfüllen wollte und die Sorgen und den Segen dem Herrn überlassen würde. Was gibt es öde und wüste Gegenden in der Welt, wo kaum noch die naschende Ziege einen Grashalm findet in dem Steingeklüft, nicht wie hier, wo die reichste Fruchtlandschaft zu unseren Füßen liegt und wo selbst noch Korn und Weizen herrlich gedeihen, und die Menschen, die dort wohnen, ernähren sich redlich und ernähren sich reichlich. Denket nur an die Schwarzwälder Uhrmacher und an die Tyroler Geigenmacher, von denen Ihr in der letzten Spinnstube gelesen habt. Und wenn man solche Kunst nicht versteht und erlernen kann, warum ernährt man sich nicht durch Tagelöhner- und Handlangerarbeit? Die Fulder sehe ich jeden Sommer in Schaaren in die Wetterau gezogen kommen, um sich Geld zu verdienen durch redliche Arbeit. Dagegen von unseren Dorfleuten sehe ich keinen hinunterwandern, als um gestohlenes Holz zu verkaufen und um zu betteln. – Wenn jedoch selbst die Noth nahezu unerträglich wäre, so dürfte immerhin nicht aller Sitte Hohn gesprochen und das Heiligste und Göttlichste in der Menschennatur unter die Füße getreten werden. Aber es geschieht und nicht aus Noth. Sie war es nur anfänglich, die zu diesem Treiben hinführte. Jetzt sind viel mehr Geiz und Genußsucht die Triebfedern, als die Armuth.«

»Das hört sich zu, als ob man in der Kirche wäre,« murmelte Hanjost vor sich hin und die Mädchen fingen an zu kichern.

»Es ist durchaus meine Absicht nicht, Euch eine Predigt zu halten. Und es braucht's auch wahrlich nicht. Wenn ich schwiege, würden die Steine schreien, so auffallend sind die Beispiele, die Ihr ständig vor Augen habt. Nehmet die alte Justine! Was treibt diese greise Frau mit ihren schlottrichten Knien, ihr einzig Kind in die weite Welt zu schicken? Kann sie nicht längst der grüne Rasen decken, ehe es wiederkehrt? Und wird es überhaupt wiederkehren? Wer wacht denn nun an ihrem einsamen Lager? Wer drückt ihr die müden Augen zu? Hat denn solch ein Herz gar kein Bedürfniß nach Liebe? Nachdem sie ihren Mann so früh begraben hat und ihr ein Kind nach dem andern dahingesunken ist, sollte man nicht meinen, sie hätte nun alle Liebe auf dieses Eine übertragen? Hat ihr Gott darum dieses Eine gelassen und ihm die blühende Schönheit geschenkt, daß es auf mütterliches Geheiß für schnödes Geld seine Ehre und seinen Seelenfrieden hier auf Erden und sein Hoffen auf das Jenseits so dahingeben soll? Ist es nicht ein himmelschreiender Frevel? Und hat sie es nöthig, jegliches Muttergefühl zu ersticken, weil rasender Hunger sie quälte oder schreiende Noth sie zwang? Hat sie nicht ein zweistöckiges Wohnhaus, Aecker und Wiesen, ja sogar Geld ausgeliehen und war nicht die Herrschaft, wo ihr Mädchen diente, sehr mit ihm zufrieden und wollte es auf keine Weise losgeben? Wißt Ihr noch, es war ja hier im Zimmer, als ich ihr so eindringliche Vorstellungen machte und zuletzt rief: »Weib, Dich hat der Satan verblendet, Du bist vom Geizteufel besessen!« und wie sie da wüthend ward und die Fäuste ballte und wie der Großvater hinter dem Ofen aufstand und ihr »wehe!« zurief und wie ein Prophet weissagte, sie würde elend in die Grube fahren und wie sie bleich wurde, als hätte sie ein Gesicht gesehen, aber dennoch ihr Kind verkaufte?«

Da räusperte sich hinter dem Ofen der Großvater, der immer nach seiner Weise sich Alles zurecht legte. »Sie haben Recht, Herr Pfarrer, ganz Recht. Der Geiz ist die Wurzel alles Uebels und treue Gesellen im Schlechtmachen sind Fleischeslust und hoffärtiges Wesen. Wann aber der Teufel einmal Herberge gemacht hat in so einem lüsternen Menschenherzen, dann wird es ärger und ärger und der Mensch lädt sich auf und lädt sich auf und denkt nicht an die Zeit des Abladens. Die Jugend ist thorhaft, aber das Alter sollte bedächtig sein; denn der Tod ist nahe und das Gericht!«

»Großvater,« sagte ich, »das Gericht wartet oft nicht bis nach dem Tod. Es ist noch Niemanden Segen erwachsen aus dem Kinderhandel. Oder könnt ihr mir ein Elternpaar nennen, das nicht zum mindesten von seinen Kindern Vernachlässigung und Mißhandlung im Alter geerntet hätte? Da ist noch jüngst der alte Knoth im Elend und Ungeziefer zu Grunde gegangen. Was haben ihm seine fünf Töchter ein Geld eingebracht! Wo ist es hingekommen? Seine Töchter sind sämmtlich gut verheirathet und im Wohlstand. Warum hat sich nicht eine einzige Hand geregt, um ihm sein letztes Leiden zu erleichtern? Warum mußten fremde Leute ihm die nothdürftigsten Handreichungen thun? Warum mußte er auf seiner öden Kammer einsam und verlassen den letzten schrecklichen Kampf auskämpfen? –

Es sind ja erst ein paar Tage her, daß der alte Hanfriedrich auf seinem Karren krank heimgebracht wurde. Was haben ihm seine Kinder für einen Empfang bereitet! In den Kuhstall haben sie ihn gebettet! Und da er jetzt wieder auf sein kann, darf er um keinen Preis in die Stube. Sein Kaffeetöpfchen hat ihm seine Schwiegertochter vom Herd gestoßen, daß die Scherben in die Ecken flogen. Wenn ich nicht ernstlich eingeschritten wäre, wer weiß, was noch hätte geschehen können. Aber es wird auch noch Saat des Verderbens in die Zukunft gesäet. Was gibt das Gatten! Was gibt das wieder für Eltern! Die Sünden der Väter werden heimgesucht bis in's dritte und vierte Glied. Auf welchem Boden sollen auch die Gattentreue und die Elternliebe wachsen! Es ist ja bekannt, daß Hofmann's Lisbeth bei dem Tode ihres Mannes zwei Malter Weizen verbacken ließ. Alle Welt sollte sich mit ihr bei Kaffee und Kuchen und Wein und Bier freuen, daß sie endlich von ihrem Manne erlöst sei, der sich doch nur für sie in den englischen Fabriken das schmerzliche Rückenmarksleiden zugezogen hatte. Sie konnte doch jetzt offen mit ihrem Buhlen hervortreten.

Doch am ergreifendsten spiegelt sich gewiß die grenzenlose Verderbtheit bei der berühmten Anne-Mile, die ich am vorigen Sonntag mit dem braven Leonhard copulirt habe. Was hatte sie Gott mit reichen Gaben des Leibes und des Geistes ausgestattet und wie benutzte sie dieselben! Es kann mich immer unendlich jammern, wenn so ein herrliches Geschöpf im Lasterleben zu Grunde geht. Eine vom Hagelschlag verwüstete Flur, eine vom Feuer zerstörte Stadt ist fürwahr kein so trauriger Anblick, als solch ein durch und durch vergiftetes Menschenleben. –

Man weiß es ja allgemein, daß sie dem alten Fink in New-Orleans entfloh, als die Schottin ihr einst den Rücken etwas zu derb mit dem spanischen Rohr bearbeitet hatte. Auch machte sie kein Geheimniß aus der traurigen Weise, wie sie die reichen Putzgegenstände und das blitzende Gold, das sie mitbrachte, verdient hat. Ich erinnere mich noch recht wohl ihres ersten Auftretens hier und des Aufsehens, welches sie allgemein erregte. Fast ein halbes Jahr und noch länger war sie Gegenstand aller Gespräche. Die Weiber machte sie verrückt mit ihren seidenen Kleidern und der Straußenfeder auf dem Hut; die Burschen und Männer verlockte sie durch ihre schwarzen frechen Augen und ihre Buhlerkünste. Ihre fünfhundert Dollars, die sie sofort ausgeliehen hatte, waren der Gegenstand der Habgier und der Intriguen. – Als sie einmal so mit ihrem Troß vorüberzog und ich mit dem Großvater draußen auf dem Bauholz in der Sonne saß, spuckte der aus und sagte ganz laut: »Pfui Teufel!« Selbst aus der Stadt kamen die sauberen Herren und umschwärmten sie, und sie trug ein Kapital nach dem andern auf die Landesbank. Aber während sie Kapitalien machte, die Weiber reizte und die Männer verführte und herrlich und in Freuden lebte, lag ihr alter Vater von der Gicht geplagt, gliederlahm auf dem Schmerzenslager und ernährte sich von dem Bettelbrod, was ihr achtjähriger Bruder in der Wetterau zusammenbettelte. Als sie jedoch ein Kind gebar, bekam ihr Vater auch diese dürftige Nahrung nicht mehr; denn da mußte ihr Bruder das Kind halten. – Der Vater ist gestorben – ob an der Gicht oder an Hunger – das wird wohl einst entschieden werden. – Da war es denn eine unbequeme Geschichte für sie, daß ihr Bruder bei fremden Leuten untergebracht wurde; denn nun mußte sie selbst für ihr Kind sorgen und das wurde ihr nach gerade so lästig, daß der Bürgermeister eines Morgens ihr schreiendes Kind vor der Thür liegend fand und sie ihm sagen ließ: er hätte ihr den Bruder aus dem Haus genommen: nun könne er auch für ihr Kind sorgen. Wißt Ihr auch, was mich am meisten bei ihrer Heirath empört hat? Nicht der freche triumphirende Blick, den sie mir am Altare zuwarf; nicht daß mir die Hochzeitgäste am Abend ein Spottlied sangen, sondern daß die ganze Gemeinde ihr »Ja und Amen« zu dieser Verbindung gab. Frau Balzer, Sie haben auch dazu gerathen und geholfen! Der Leonhard hat mir's gesagt, als ich ihm die ganze Geschichte leid machen wollte. Er hat sich darauf berufen!«

»Ich habe auch zu der Heirath gerathen und heiße sie auch jetzt noch gut. Das Mädchen hat eine schöne Sach', ist fleißig und sparsam. Sie ist gut für das Land, gut für die Haushaltung und versteht alle Feldarbeit. Was will der Lumpenkerl, der Leonhard, mehr? Der ist arm wie eine Kirchenmaus.«