Der Wettersturm draußen in der Natur war ein treues Abbild, wie es des Abends in meinem Gemüthe stürmte und wetterte. Man hatte mich auf das schmählichste beschimpft. Man hatte das Interesse, welches ich an dem Schicksal Babettens nahm, und das Wohlgefallen an dem Mädchen, das ich offen zeigte, auf das gemeinste gedeutet und zwar hatten es die Leute gethan, die noch am ersten im Dorfe den ehrenwerthen Bauernstand und die altväterliche Sitte repräsentirten und zu denen ich mich noch am meisten hingezogen fühlte.

Es waren die schwersten Augenblicke, die ich bis dahin erlebt hatte. Mit großen Schritten wandelte ich im Zimmer umher. Alles war in mir in fessellosem Aufruhr und Empörung. Die Finger habe ich öfters in das Fleisch meiner Brust eingekrallt und ein- über das anderemal gerufen: »Demüthige Dich unter die gewaltige Hand Gottes!« und: »Laß Dir an meiner Gnade genügen!«

Der blendende Blitz und der brennende Baum brachten mich zu mir selber. Wie aber dann die Schleusen des Himmels sich öffneten, so stürzte auch eine Thränenfluth aus meinen Augen. Hernach habe ich noch lange am offnen Fenster gesessen und in den dunklen Nachthimmel und in das ferne Blitzen hineingeschaut und mit meinem Gott gesprochen.

Den ganzen Tag vorher hatten mich die Sorgen für das unglückliche Mädchen nicht verlassen. Ich hatte mir gedacht, am leichtesten könnten alle Schwierigkeiten gelöst werden, wenn die alte Balzerwäs die Einwilligung zu der Verbindung mit ihrem Sohne gäbe. Denn hatte nicht die Frau Heimerdinger gesagt: »Wenn nur die geringste Hoffnung da wäre, so solltest Du nicht nach Californien!« Und sollte denn auch nicht der leiseste Hoffnungsschimmer für diese Verbindung zu entdecken sein?

Ich verhehlte mir durchaus nicht das Bedenkliche der Sache, denn in einer so wohlhabenden Bauernfamilie, wie die Balzerische war, steckt ein Hochmuth und eine Zähigkeit, die jeder Einwirkung trotzt. Dabei herrscht eine Nüchternheit und trockne Verständigkeit der Auffassung, daß eine Begeisterung oder irgend ein höherer Aufschwung geradezu unmöglich erscheint. Es ist, als ob der kalte Eigennutz alle Gefühle verknöchert hätte. Bei Heirathen gesteht man dem Herzen nicht die geringste Berechtigung zu. Nur die Aecker werden gezählt und die Viehställe und Weißzeugschränke besichtigt. Und die Weiber, bei denen man gern einen idealeren Zug und ein lebhafteres Gefühl voraussetzen möchte, sind die schlimmsten. Am wenigsten hatte ich in der Art Etwas von der alten Balzerswäs zu erwarten, die mit straffer Hand die Zügel ihres Hauswesens führte, seit ihr Mann todt war, vielleicht auch schon früher. Auf der andern Seite legte ich großes Gewicht auf die freundlichen Beziehungen, in denen ich zu der Familie stand, in der ich regelmäßig meine Winterabende zuzubringen pflegte. Die Balzerswäs hatte sogar meinem Vater, der mich besuchte, versichert, er brauche gar nicht so viel nach mir zu sehen, sie sorge für mich wie eine Mutter. Ferner hatte in dieser Gegend die Achtung vor dem geistlichen Stande Etwas zu bedeuten. Denn, dachte ich, ist nach dem Apostel Jakobus die Zunge eine solche Macht zum Bösen, ein Feuer, das den Wald anzündet, eine Welt voll Ungerechtigkeit, so muß sie wohl auch eine Macht zum Guten sein, wenn man sie dazu verwenden will, und ein klein wenig durfte ich auch auf meine Fertigkeit im Reden vertrauen.

Der Plan, den ich mir zurecht gelegt hatte, war meiner Meinung nach sehr fein und klug ausgedacht und mußte von Erfolg sein. Er wäre es vielleicht auch gewesen, wenn er überhaupt zur Ausführung gekommen wäre. Aber ich konnte ihn nur bruchstückweise gebrauchen; denn als ich in Gottes Namen und im Vertrauen auf meine gute Sache hinüberging, merkte ich schon gleich beim Empfang, daß nicht Alles stand, wie sonst. – Sonst sagte die ganze Familie feierlich »guten Abend!« Der achtzigjährige Großvater oder Eller erhob sich hinter dem Ofen, that die Pelzmütze ab, das kurze irdene Pfeifchen aus dem Munde und sagte besonders »guten Abend, Herr Pfarrer!« Dann wurden die Kinder herbeigeholt, der lustige Fritz, die vorlaute Dine und der dicke Adam. Sie mußten mir alle hübsch die Händchen geben. Während der Zeit putzte die Balzerswäs einen Stuhl ab und stellte ihn oben an den Tisch. Der Friedrich, der unverheirathete Sohn, holte ein Glas frisches Wasser am Brunnen und stellte es an meinen Platz, weil ich gern Abends ein Glas Wasser trank. Der Hanjost dagegen nahm seine lange Pfeife von der Wand, die ihm der Ernst zu seinem Geburtstag von J. mitgebracht hatte und auf deren Kopf die ganze Stadt abgemalt war und lieh sich vom Eller den Tabaksbeutel; denn er war nur ein Gelegenheitsraucher. Die Schwiegertochter und die Töchter des Hauses gruppirten sich mit ihren Spinnrädern und sonstigen Arbeiten um die Hängelampe. Recht gemüthlich aber wurde es, wann die Alte ihr Kaffeetöpfchen vom Ofensims nahm. »Denn den Kaffee trinke ich für mein Leben gern,« sagte die Balzerswäs. »Morgens wann ich aufstehe, muß ich gleich meinen Kaffee haben, sonst wird mir leicht schwach. Für zehn Uhr hebe ich mir als ein Tröpfchen auf, denn dann erquickt er mich am meisten. Mittags, gleich nach dem Essen, trinke ich als ein Schälchen wegen der Verdauung. Um vier Uhr trinke ich mit den Andern und da schmeckt er mir am besten. Abends, sehen Sie, da kann ich das schwere Essen nicht mehr vertragen, da machen sie mir als Kaffee. Und vor dem Schlafengehen trinke ich auch gern noch eine Tasse. Man schläft besser, denken Sie.«

Wann sie nun Kaffee getrunken hatte, dann ging ihr Mundwerk besonders gut, das ganz gewiß auch sonst nicht stille stand. Es wurden meistentheils Ortsverhältnisse besprochen. Ich machte meine Bemerkungen dazu und betheiligte mich sonst an der Unterhaltung. Der Eller, der eine merkwürdige Frische des Geistes bewahrt hatte, gab von seinen Erfahrungen zum Besten, und der Hanjost warf oft einen sehr treffenden Witz dazwischen, der jedesmal mit großem Lachen aufgenommen wurde.

Das war nun den Abend, wie gesagt, Alles anders. Ich wurde so kleinlaut gegrüßt und man sah mich so verblüfft an, daß ich merkte, man hatte eben noch über mich gesprochen und zwar nichts Gutes. Es bot mir sogar Niemand einen Stuhl an. Ich wurde selbst ganz verlegen und wollte eben fragen, was nur in aller Welt geschehen wäre, als der dicke Adam den Zauberbann brach, indem er auf drollige Weise die Begrüßung des Großvaters nachahmte. Er stand von dem Stühlchen auf, auf dem er gesessen hatte, that seine Kappe ab und das Reis, an dem er rauchte, aus dem Mund und sagte mit lauter feierlicher Stimme: »Guten Abend, Herr Pfarrer!« Alles lachte und ich lachte herzlich mit. Die Schwiegertochter hatte mir jetzt auch einen Stuhl zurechtgestellt und der Hanjost reichte nach der Pfeife. Aber es dauerte lange, bis die alte Balzerswäs zu einer ihrer Töchter sagte: »Ich weiß nicht, Dorth, ich meine, draußen in den Kohlen müßte noch ein Töpfchen mit Kaffee stehen, geh' hin und sieh' einmal nach!«

Ich lenkte allmählich das Gespräch auf den alten Fink und die Mädchen, die er für Californien gemiethet hatte. »Es ist ein Schimpf und eine Schande für unser Dorf und unsere Gegend, sagte ich, daß hier solche Zustände walten! In allen Zeitungen wird darüber geschrieben. Es heißt: keine Nation der Erde gäbe sich zu diesem schlechten Gewerbe her – es seien nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. Wir könnten es ihnen noch besser sagen, wer es ist! Nicht wahr? Jedes Mal, wann ich so Etwas lese, preßt sich mein Herz zusammen und Flammenröthe bedeckt mein Gesicht. Ich meine immer, auch ich trüge einen Theil Schuld und weiß doch Nichts anzufangen, um der Sache Einhalt zu thun. Alle meine Worte und Zusprache verhallen wie der Wind. Es sind gar harte, verstockte Herzen hier. Und muß es nicht so sein? Kann überhaupt noch von »Herz« die Rede sein, wo Väter und Mütter ihre eigenen Kinder für Geld dahingeben? Man wundert sich über die Unmenschlichkeit der Neger an der Westküste Afrikas, wo die Häuptlinge ihre eigenen Stammsgenossen und die Väter ihre Kinder an die Sklavenhändler verkaufen. Aber was will das heißen gegen die Schändlichkeiten, welche hier begangen werden! Dort sind Heiden, hier sind Christen. Und die verblendeten, unwissenden Heiden verkaufen ihre Kinder doch nur zu Sklaven, aber hier verkaufen christliche Eltern ihre Kinder zu H… Wenn irgendwo das Wehe, das der Herr über die Menschen ausspricht, durch welche Aergerniß kommt, seine Anwendung findet, dann ist es hier.«

»Herr Pfarrer«, sagte die Balzerswäs nach einer kleinen Pause, »die Menschen wollen leben, und wenn die Kinder nach Brod schreien, dann thut man Manches, was man vor seinem Gewissen nicht verantworten kann.«